Ex-Sparda-Bank-Chef Enrico Kahl
Spesenbetrug und keine Kontrolle

Münster -

Privatfeiern und Reisen auf Kosten der Bank? Enrico Kahl hat das stets bestritten. Jahre nach seiner Entlassung als Vorstandschefs der Sparda-Bank Münster hat die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage erhoben. Der Vorwurf: Untreue in 224 Fällen.

Donnerstag, 04.06.2020, 13:40 Uhr aktualisiert: 04.06.2020, 20:10 Uhr
Ex-Sparda-Bank-Chef Enrico Kahl: Spesenbetrug und keine Kontrolle
Die frühere Zentrale der Sparda-Bank Münster im Zentrum Nord steht zum Verkauf. Foto: Gunnar A. Pier

Die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bielefeld hat, unterstützt von der Staats­anwaltschaft in Münster, ihre Arbeit im Fall Enrico Kahl erledigt. Und das Ergebnis deckt sich weitgehend mit den Erwartungen: Bei der Sparda-Bank Münster, deren Vorstandsvorsitzender Kahl im Oktober 2015 fristlos entlassen worden war, funktionierte das interne Kontrollsystem offenkundig nicht.

Auch deshalb entstand der Bank, die inzwischen mit der Sparda-Bank West mit Sitz in Düsseldorf fusioniert worden ist, ein geschätzter Schaden in Höhe von 1,8 Millionen Euro. Denn Kahl, dem Bankenkreise immer wieder Tüchtigkeit und Kompetenz attestierten, finanzierte seinen aufwendigen Lebensstil über die Bank – durch Spesenbetrug. Deshalb muss sich Kahl demnächst – der Beginn eines Prozesses vor der 20. Strafkammer des Landgerichts Münster ist aber noch völlig offen – wegen Untreue verantworten.

Die Liste der Vorwürfe ist lang, die Anklageschrift umfasst weit mehr als 400 Seiten, der eigentliche Anklagesatz 55 Seiten. Kahl soll ­Privatpartys und -reisen, Trüffel-Soirees und Opernbesuche in Bayreuth auf Kosten der Bank abgerechnet haben, darunter eben auch die Feier des 50. Geburtstages seiner Frau. Ob Berlin, Hamburg oder München – die besten Hotels mussten es sein. Häufig soll Kahl auf seinen Spesen-Belegen falsche Namen ange­geben haben, auch die von Schauspielern, die sich allerdings weder an ihn noch die entsprechenden Einladungen erinnern können. An die Bayreuther Festspiele soll er im fünfstelligen Bereich üppig Geld gespendet haben, um überhaupt an Karten für die Aufführungen zu kommen.
Kahl soll auch Mitarbeiter der Bank für private Dienstleistungen eingesetzt haben, zum Beispiel für das Ab­holen eines kostspieligen Louis-Vuitton-Koffer-Sets aus Hamburg.

Ins Visier der Ermittler gerieten auch ehemalige Aufsichtsräte der Sparda-Bank Münster, die Kahl mit 450-Euro-Jobs versorgt hatte, und eben auch zwei Vorstandskollegen, die dem üppigen Geldausgeben des 17 Jahre als Chef agierenden Bankers wohl hätten Einhalt gebieten müssen. Dem Vernehmen nach hatte sich Kahl ein – gemessen an der Größe der Bank – um rund 100.000 Euro zu hohes Jahresgehalt genehmigen lassen, auch seine Dienstwagen (Mercedes S-Klasse und Porsche Panamera) sorgten in der Bank selbst, die ausschließlich Privatkunden betreut, seinerzeit für reichlich Gesprächsstoff. Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende ist Mitarbeiter der Eisenbahnergewerkschaft.

Ob Kahl eine Haftstrafe droht, ist völlig offen. Er hat mehrfach seine Anwälte gewechselt, lebt auch nicht mehr in Münsters Stadtteil Sentruper Höhe. Sein Haus war im Zuge der Ermittlungsarbeiten Gegenstand einer umfänglichen Durchsuchungsaktion.

Die Sparda-Bank Münster hatte 2018 mit ihren Ver­mögensschaden-Haftpflichtversicherungen eine außergerichtliche Schadensregulierung in Höhe von gut 1,8 Millionen Euro erzielen können. Als Folge der Fusion mit der Sparda-Bank West steht das Bankgebäude in Münsters Zentrum Nord kurz vor dem Verkauf.

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