Erste Premiere nach langer Zeit: „Momentum“ im Borchert-Theater
Die ehrgeizige Gattin des Politikers

Münster -

Starker Neustart des Wolfgang-Borchert-Theaters: „Momentum“ von Lot Vekemans fasziniert trotz der Corona-Zwänge mit dem Blick auf Politiker-Paare.

Freitag, 05.06.2020, 13:48 Uhr
Ebba Hofmann (Ivana Langmajer, l.)
Ebba Hofmann (Ivana Langmajer, l.) Foto: Frederik Iven

Lady Macbeth, Hannelore Kohl, Hillary Clinton: So unterschiedlich diese Frauen auch sind, so übereinstimmend waren sie in ihrem Bestreben, dem eigenen Ehemann die politische Macht zu sichern. Und so ist auch Ebba Hofmann, die Hauptfigur des Stücks „Momentum“ von Lot Vekemans: Mit einer verführerischen Rede will sie dem fehlerhaften, selbst bei vielen Parteimitgliedern in Ungnade gefallenen Gatten neue Sympathien und Wählerstimmen zuführen. Und verzehrt sich dabei gnadenlos.

Das Wolfgang-Borchert-Theater hat jetzt nach der Ehegeschichte „Gift“ zum zweiten Mal ein Stück der niederländischen Dramatikerin herausgebracht. Die wichtigste Nachricht in diesem Zusammenhang lautet indes: Trotz der von Corona bestimmten Bedingungen hat in Münster endlich wieder eine echte Theaterpremiere stattfinden können. Mit drastischen Einschränkungen zwar, deren auffälligste das auf ein Viertel reduzierte Publikum und die durchsichtigen Visiere der Schauspieler waren. Aber immerhin war es dem Theater möglich, eine zweistündige Neuinszenierung mit allem, was dazu gehört, auf die Bühne zu bringen.

Das Stück ist durchaus mehr als eine putzige Politposse: Vekemans thematisiert in den Streitgesprächen zwischen Ebba, die Ivana Langmajer mit charmanter Entschlossenheit verkörpert, und dem angeschlagenen Ehemann, für dessen Porträt Jürgen Lorenzen deutlich mehr Dramatik aufbietet als in anderen Rollen, die Gefahren des Idealismus im politischen Geschäft oder den aufkeimenden Wunsch des Mächtigen, das Hamsterrad der Macht zu verlassen. Wofür das Bild des Stücktitels steht: Wenn die Entwicklung einem Schneeball gleicht, der ins Tal rollt, darf man das Momentum nicht verpassen, in dem es noch möglich ist, die Lawine aufzuhalten.

Im Terzett der Nebenrollen verkörpert Markus Hennes die scheinbar konventionelle Figur des Politberaters – dass er eine vergangenheitsträchtige Beziehung zu Ebba hat, verweist auf die Tiefendimension des Stücks. Deren Kern liegt in der Rolle des ungeborenen Kindes: Regisseurin Tanja Weidner hat sie mit einer Frau besetzt, obwohl es eigentlich ein Junge war, mit dem Ebba eine Fehlgeburt erlitt und dem sie nicht einmal einen Namen gönnte. Indem Rosana Cleve dieses Kind als wundersam geisterhaftes Wesen verkörpert, wird es zum personifizierten Gewissen der Politikergattin, die nicht weniger Schäden auf dem bisherigen Weg davongetragen hat als ihr Mann – und doch auf den Spuren Hillary Clintons wandelt. Florian Bender ergänzt als junger Dichter das komplexe Beziehungsgeflecht.

Die verschiebbaren Wände in Jörg Preckels Bühnenbild betten Weidners Inszenierung, die aus der (akustischen) Not des Corona-Schutzes auch mal ironische Funken schlägt, passend ein. Großer Applaus des notwendig kleinen Publikums.

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