Polizeipräsident
Furth appelliert, aufmerksam zu sein

Münster -

Ein Missbrauchsfall wie der aktuelle in Münster ist selbst für die Ermittler weit weg von Routine. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth fand bei der Pressekonferenz am Samstag bewegende Worte.

Sonntag, 07.06.2020, 18:15 Uhr aktualisiert: 10.06.2020, 12:37 Uhr
Polizeipräsident Furth
Polizeipräsident Furth Foto: Pier

Münsters Polizeipräsident Rainer Furth rückte in einem bewegenden Statement das Leid der Opfer in den Mittelpunkt. „Es geht mir darum, das Entsetzen darüber zum Ausdruck zu bringen, was geschehen ist und was meine Mitarbeiter in nur drei Wochen ermittelt haben“, sagte Furth bei der Pressekonferenz am Samstagmittag. Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten seien an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.

Furth fragte, wer sich Gedanken über das Leid, Elend und Martyrium der Kinder mache – begangen von Tätern, Vätern, zum Teil von Müttern der Kinder. „Und wer macht sich Gedanken über die Männer und die Frauen bei der Polizei, die Hunderte von Terabytes auswerten müssen von diesem abscheulichen Dreck?“ Zu wissen, dass wir oft die Spitze des Eisbergs sehen, mache die ganze Arbeit zu einer Herkules-Aufgabe, so Furth.

"Unerträgliche Missbrauchverhältnisse"

Der Polizeipräsident dankte allen Ermittlern, die die Kinder aus den „unerträglichen Missbrauchverhältnissen“ befreit hätten. Viel zu oft kämen die Polizisten über IP-Adressen auf die Spur, viel zu selten kämen die Hinweise von aufmerksamen Menschen.

Kriminalität: Missbrauchsfall von Münster in der Chronologie

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  • Anfang

    Der Missbrauchsfall Münster hat enorme Ausmaße. Der Hauptverdächtige, Adrian V. aus Münster, wurde am 14. Mai 2020 festgenommen. Doch der Fall hat eine lange Vorgeschichte und ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Chronologie:

  • 2010-2013 Verbreitung Kinderpornografie

    September 2010 (bis September 2013): Adrian V. aus Münster verbreitet kinderpornografisches Material, dafür wird er später vom Jugendschöffengericht verurteilt.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2013: Mit knapp 20 Jahren kommt Adrian V. mit seiner drei Jahre älteren Freundin zusammen, die bereits einen dreijährigen Sohn hat.

  • 2014 Kinderpornografie Teil 2

    September 2014 bis Dezember 2014: Erneut verbreitet Adrian V. kinderpornografische Werke. Später bekommt er in einem zweiten Urteil dafür eine Bewährungsstrafe.  

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Ende 2015: Das erste Strafverfahren gegen Adrian V. läuft. Es ist ein Fall für die „Clearingstelle“, in der Kinderschutzfälle anonymisiert von Vertretern der Polizei, der Gerichtsbarkeit, der Psychologie, der Kinderschutzambulanz und pädagogischen Fachkräften des ASD beraten werden. Am Ende steht die Entscheidung, dass momentan keine familiengerichtlichen Maßnahmen notwendig seien. Auch, weil Adrian V. zu dieser Zeit nicht mit seiner Freundin und deren Sohn zusammen wohnt.

  • 2016 Erstes Urteil

    13. Januar 2016: Das Jugendschöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Taten liegen zwischen September 2010 und September 2013. Adrian V. muss eine Therapie beginnen.

    Foto: Ahlke (Symbolbild)
  • 2016 Jugendamt

    2016: Die Kindesmutter wird nach 2016 vom Jugendamt Münster in ihrer Elternverantwortung belassen. Es habe bis heute keine Hinweise aus dem sozialen Umfeld auf eine mögliche Gefährdung oder Auffälligkeiten des Jungen gegeben, betont ein Sprecher der Stadt Münster

    Foto: Oliver Werner
  • 2017 Zweites Urteil

    8. Juni 2017: Das Schöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornographischer Schriften zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren - wieder auf Bewährung. Die Taten lagen zwischen September 2014 und Dezember 2014, also vor der Bewährungszeit. Seine Therapie setzt er fort.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Ermittlungsverfahren beginnt

    2018: Es beginnt ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen der Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet. Der Täter gesteht seiner Lebensgefährtin, dass er ihren Sohn regelmäßig missbraucht.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Missbrauchsfälle

    November 2018 bis Mai 2020: Adrian V. soll den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht, die Taten zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. 15 Taten, beginnend im Jahr 2018 bis zum Zeitpunkt der Festnahme im Mai 2020, werden ihm auf Grundlage elektronischer Beweismittel vorgeworfen.

    Foto: dpa
  • 2019 Anfangsverdacht

    April 2019: Anfangsverdacht gegen Adrian V.: Eine ermittelte IP-Adresse führt die Spur zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Dülmen (Kreis Coesfeld), bei dem der Münsteraner als IT-Administrator arbeitet.

  • 25./26. April 2020:

    25./26. April 2020:  In der Kleingarten-Hütte der Mutter in Münster-Kinderhaus sollen sich mindestens vier der Beschuldigten an zwei Opfern vergangen und die Taten teilweise gefilmt haben. Diese Tat ist bislang noch nicht Tatbestand des Haftbefehls. Die Mutter von Adrian V. soll bei dieser Missbrauchstat Hilfe geleistet haben.

    Foto: dpa
  • 7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung

    7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung bei Adrian V. in Münster: Die Ermittler stellen umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die ebenfalls mit hochprofessioneller Verschlüsselungstechnik gesichert waren und zum Teil noch sind.

    Foto: Polizei Münster
  • 12. Mai 2020: Einer der sichergestellten Laptops wird entschlüsselt. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien mit Missbrauchshandlungen zum Nachteil des zehnjährigen Jungen aus dem häuslichen Umfeld des Beschuldigten.

  • Polizeipräsidium Münster

    13. Mai 2020: Das Polizeipräsidium Münster übernimmt aufgrund des ermittelten Wohnsitzes die Ermittlungen.

    Foto: Matthias Ahlke (Archivbild)
  • Festnahme Adrian V.

    14. Mai 2020: Adrian V. wird morgens in Münsters Innenstadt festgenommen. Kurze Zeit später wird der zehnjährige Junge bei einer Verwandten in Begleitung zweier Männer (29 und 35) aus Hannover angetroffen. Da keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die beiden Männer Straftaten zum Nachteil des Jungen begangen haben könnten, werden sie vorerst nicht festgenommen. Der Junge wird direkt in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster gegeben.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Durchsuchung Gartenlaube

    15. Mai 2020: Durchsuchung der Gartenlaube in Kinderhaus: Ermittler finden, in einer Zwischendecke versteckt, eine von Adrian V. gelöschte Festplatte.

    Foto: Polizei Münster
  • 29. Mai 2020: Ein 43-Jähriger aus Kassel, dessen zwölfjähriger Neffe zu den Opfern zählt, wird festgenommen. Dadurch ergeben sich Hinweise auf einen Mann in Köln, der das zehnjährige Opfer aus Münster missbraucht haben soll.

  • 30. Mai 2020: Der 41-jährige Verdächtige aus Köln wird festgenommen. Er räumt den Missbrauchsvorwurf nach der Festnahme ein.

  • 2020 - Festnahmen 4. Juni

    4. Juni 2020: Die Daten der Festplatte aus der Gartenlaube können durch Experten des Polizeipräsidiums Münster wiederhergestellt werden. Dabei wird ein Videofilm entdeckt, auf dem sexuelle Handlungen zum Nachteil des Zehnjährigen und eines Fünfjährigen zu sehen sind, die durch Adrian V. und drei weitere Männer begangen wurden. Die Beschuldigten werden festgenommen: ein 30-Jähriger aus Staufenberg bei Gießen, dessen fünfjähriger Sohn zu den Opfern zählt, ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg und der am 14. Mai bereits aufgefallene 35-Jährige aus Hannover. Auch die Mutter des hauptverdächtigen Adrian V. wird festgenommen. Es werden vier weitere verdächtige Personen festgenommen, die jedoch noch am selben Tag wieder freigelassen werden.

    Foto: Polizei Münster
  • 2020 - Pressekonferenz

    6. Juni 2020: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Münster informieren die Öffentlichkeit in einer großen Pressekonferenz über die bisherigen Ermittlungen zum Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 9. Juni 2020: Es gibt Hinweise auf zwei weitere Opfer. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass zwei Väter Anzeige erstattet hätten, dass ihre Söhne von dem im Fall bereits Beschuldigten unsittlich berührt worden seien. Die Anzeigen richteten sich nicht gegen den 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster.

  • 2020-06-14 Abriss Gartenlaube

    14. Juni 2020:  Die Ermittler suchen nach weiteren Beweisen - und nehmen dafür die Gartenlaube in Münster-Kinderhaus als Tatort komplett auseinander .

    Foto: Oliver Werner

Furth appellierte unter anderem an Kitas, Schulen, Nachbarschaften, Jugendämter und Bewährungshelfer, noch aufmerksamer zu werden, „um diese abscheulichen Taten noch früher aufzudecken oder möglicherweise zu verhindern“.

 

Pressekonferenz am 6. Juni 2020 in Münster zu bundesweitem Missbrauchsfall

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  • Über Ermittlungen in einem bundesweiten Missbrauchsfall informierten Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt und die Polizei am Samstag (6. Juni 2020) bei einer Pressekonferenz in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Medieninteresse an der Pressekonferenz im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster war riesig.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Über den Stand der Ermittlungen berichteten (von links) Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt, Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, Polizeipräsident Rainer Furth und Pressesprecher Jan Schabacker.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt bei der Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Kriminalhauptkommissar Joachim Poll leitet die Ermittlungen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Medieninteresse war riesig.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizei-Pressesprecher Jan Schabacker

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt bei der Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Interesse der Medienvertreter war bei der Pressekonferenz groß.

    Foto: Ralf Repöhler
  • Das Interesse der Medienvertreter war bei der Pressekonferenz groß.

    Foto: Ralf Repöhler
  • In dieser Gartenlaube soll es mehrfach zum Missbrauch gekommen sein.

    Foto: Polizei Münster
  • Die Ermittler stießen bei der Durchsuchung auf zahlreiche Datenträger.

    Foto: Polizei Münster
  • Die Ermittler haben einen ganzen Serverraum entdeckt.

    Foto: Polizei Münster

 


Hinweis: Wer selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden ist oder jemanden kennt, der Hilfe braucht, kann sich an das Hilfetelefon sexueller Missbrauch  wenden: 0800 22 555 30 (kostenlos und anonym). Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle für Menschen, die Entlastung, Beratung und Unterstützung suchen, die sich um ein Kind sorgen, die einen Verdacht oder ein „komisches Gefühl“ haben, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten. 

Du bist ein Kind und dich bedrückt etwas? Wenn du niemanden findest, der oder die dir helfen könnte, oder wenn es dir lieber ist, mit einer Person zu sprechen, die du nicht so gut kennst: Dann rufe an bei der  „Nummer gegen Kummer“ : 116111 (kostenlos und anonym). Wenn du lieber schreibst als redest: Per Mail oder Chat findest du dort jemanden, der sich um deine Probleme kümmert.

In Münster bietet zudem der Verein Zartbitter (0251-4140555) Hilfe für Jugendliche ab 14 Jahren an. Jüngere Kinder können beim Kinderschutzbund anrufen (0251-47180).

Doch auch jeder andere kann etwas tun! Mit der Kampagne „Missbrauch verhindern!“ stärkt die Polizei Erwachsene, damit sie Kinder schützen können. In fünf Schritten - Wissen, Offenheit, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Handeln - bekommt man das Rüstzeug, um Anzeichen für Missbrauch zu erkennen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

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