Kindesmissbrauch wirft Fragen auf
Jugendamt kannte frühere Taten

Münster -

Der Fall des schweren Kindesmissbrauchs sorgt für Entsetzen. Jetzt muss das münsterische Jugendamt Fragen beantworten: Die Behörde wusste von den früheren Kinderpornografie-Straftaten des Hauptbeschuldigten.

Sonntag, 07.06.2020, 19:15 Uhr aktualisiert: 08.06.2020, 21:45 Uhr
Die Missbrauchstaten sollen zum Teil in dieser Gartenlaube im Stadtteil Kinderhaus stattgefunden haben. Oberbürgermeister Lewe und SPD-Fraktionsvorsitzender Jung reagierten am Wochenende mit Bestürzung auf die Taten.
Die Missbrauchstaten sollen zum Teil in dieser Gartenlaube im Stadtteil Kinderhaus stattgefunden haben. Oberbürgermeister Lewe und SPD-Fraktionsvorsitzender Jung reagierten am Wochenende mit Bestürzung auf die Taten. Foto: Marcel Kusch/dpa

Was wusste die Stadt Münster über die früheren Kinderpornografie-Straftaten des heute 27-jährigen Hauptbeschuldigten im Missbrauchsfall, bei dem drei Kinder, eines aus Münster, sexuell schwer misshandelt worden sind? Die Stadtverwaltung teilte am Wochenende in einer ersten Stellungnahme mit, dass die Familie eines der Opfer den städtischen Behörden aus den Jahren 2015 bis 2016 bekannt sei, weil der im Beamtendeutsch „soziale Kindsvater“ wegen des Besitzes und Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen sei. Das Familiengericht habe 2015 aber keinen Anlass gesehen, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen. „Eine Bewertung können wir erst vornehmen, wenn die Faktenlage dafür ausreichend geklärt ist“, sagte Oberbürgermeister Markus Lewe am Wochenende.

Für den SPD-Fraktionsvorsitzenden Dr. Michael Jung ist dringend zu klären, wann das Jugendamt mit den Verhältnissen der Familie in Kinderhaus befasst gewesen sei und welche Konsequenzen gezogen worden seien. Dabei sei insbesondere die Frage zu klären, welche Maßnahmen zum Schutz des Stiefkindes eingeleitet worden seien, nachdem der nun mutmaßliche Täter das erste Mal rechtskräftig wegen Kinderpornografie verurteilt worden sei, so Jung.

Lewe reagiert mit Bestürzung

Der 27-jährige Mann aus Kinderhaus – zweimal im Zusammenhang mit Kinderpornografie verurteilt – ist der Hauptbeschuldigte in dem Missbrauchsfall von Münster. Ihm werden 15 Taten von schwerem sexuellen Missbrauch in einem Zeitraum von November 2018 bis Mai 2020 zur Last gelegt. Das Opfer der meisten Missbrauchshandlungen ist nach Erkenntnissen der Ermittler ein zehnjähriger Junge, der Sohn der 30-jährigen Lebensgefährtin des Beschuldigten, der mit dem Mann in einer häuslichen Gemeinschaft zusammenlebt. Die Taten fanden zum Teil in einer Gartenlaube in Kinderhaus statt, die die Mutter des 27-Jährigen zur Verfügung gestellt haben soll.

Kriminalität: Missbrauchsfall von Münster in der Chronologie

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  • Anfang

    Der Missbrauchsfall Münster hat enorme Ausmaße. Der Hauptverdächtige, Adrian V. aus Münster, wurde am 14. Mai 2020 festgenommen. Doch der Fall hat eine lange Vorgeschichte und ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Chronologie:

  • 2010-2013 Verbreitung Kinderpornografie

    September 2010 (bis September 2013): Adrian V. aus Münster verbreitet kinderpornografisches Material, dafür wird er später vom Jugendschöffengericht verurteilt.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2013: Mit knapp 20 Jahren kommt Adrian V. mit seiner drei Jahre älteren Freundin zusammen, die bereits einen dreijährigen Sohn hat.

  • 2014 Kinderpornografie Teil 2

    September 2014 bis Dezember 2014: Erneut verbreitet Adrian V. kinderpornografische Werke. Später bekommt er in einem zweiten Urteil dafür eine Bewährungsstrafe.  

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Ende 2015: Das erste Strafverfahren gegen Adrian V. läuft. Es ist ein Fall für die „Clearingstelle“, in der Kinderschutzfälle anonymisiert von Vertretern der Polizei, der Gerichtsbarkeit, der Psychologie, der Kinderschutzambulanz und pädagogischen Fachkräften des ASD beraten werden. Am Ende steht die Entscheidung, dass momentan keine familiengerichtlichen Maßnahmen notwendig seien. Auch, weil Adrian V. zu dieser Zeit nicht mit seiner Freundin und deren Sohn zusammen wohnt.

  • 2016 Erstes Urteil

    13. Januar 2016: Das Jugendschöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Taten liegen zwischen September 2010 und September 2013. Adrian V. muss eine Therapie beginnen.

    Foto: Ahlke (Symbolbild)
  • 2016 Jugendamt

    2016: Die Kindesmutter wird nach 2016 vom Jugendamt Münster in ihrer Elternverantwortung belassen. Es habe bis heute keine Hinweise aus dem sozialen Umfeld auf eine mögliche Gefährdung oder Auffälligkeiten des Jungen gegeben, betont ein Sprecher der Stadt Münster

    Foto: Oliver Werner
  • 2017 Zweites Urteil

    8. Juni 2017: Das Schöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornographischer Schriften zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren - wieder auf Bewährung. Die Taten lagen zwischen September 2014 und Dezember 2014, also vor der Bewährungszeit. Seine Therapie setzt er fort.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Ermittlungsverfahren beginnt

    2018: Es beginnt ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen der Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet. Der Täter gesteht seiner Lebensgefährtin, dass er ihren Sohn regelmäßig missbraucht.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Missbrauchsfälle

    November 2018 bis Mai 2020: Adrian V. soll den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht, die Taten zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. 15 Taten, beginnend im Jahr 2018 bis zum Zeitpunkt der Festnahme im Mai 2020, werden ihm auf Grundlage elektronischer Beweismittel vorgeworfen.

    Foto: dpa
  • 2019 Anfangsverdacht

    April 2019: Anfangsverdacht gegen Adrian V.: Eine ermittelte IP-Adresse führt die Spur zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Dülmen (Kreis Coesfeld), bei dem der Münsteraner als IT-Administrator arbeitet.

  • 25./26. April 2020:

    25./26. April 2020:  In der Kleingarten-Hütte der Mutter in Münster-Kinderhaus sollen sich mindestens vier der Beschuldigten an zwei Opfern vergangen und die Taten teilweise gefilmt haben. Diese Tat ist bislang noch nicht Tatbestand des Haftbefehls. Die Mutter von Adrian V. soll bei dieser Missbrauchstat Hilfe geleistet haben.

    Foto: dpa
  • 7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung

    7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung bei Adrian V. in Münster: Die Ermittler stellen umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die ebenfalls mit hochprofessioneller Verschlüsselungstechnik gesichert waren und zum Teil noch sind.

    Foto: Polizei Münster
  • 12. Mai 2020: Einer der sichergestellten Laptops wird entschlüsselt. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien mit Missbrauchshandlungen zum Nachteil des zehnjährigen Jungen aus dem häuslichen Umfeld des Beschuldigten.

  • Polizeipräsidium Münster

    13. Mai 2020: Das Polizeipräsidium Münster übernimmt aufgrund des ermittelten Wohnsitzes die Ermittlungen.

    Foto: Matthias Ahlke (Archivbild)
  • Festnahme Adrian V.

    14. Mai 2020: Adrian V. wird morgens in Münsters Innenstadt festgenommen. Kurze Zeit später wird der zehnjährige Junge bei einer Verwandten in Begleitung zweier Männer (29 und 35) aus Hannover angetroffen. Da keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die beiden Männer Straftaten zum Nachteil des Jungen begangen haben könnten, werden sie vorerst nicht festgenommen. Der Junge wird direkt in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster gegeben.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Durchsuchung Gartenlaube

    15. Mai 2020: Durchsuchung der Gartenlaube in Kinderhaus: Ermittler finden, in einer Zwischendecke versteckt, eine von Adrian V. gelöschte Festplatte.

    Foto: Polizei Münster
  • 29. Mai 2020: Ein 43-Jähriger aus Kassel, dessen zwölfjähriger Neffe zu den Opfern zählt, wird festgenommen. Dadurch ergeben sich Hinweise auf einen Mann in Köln, der das zehnjährige Opfer aus Münster missbraucht haben soll.

  • 30. Mai 2020: Der 41-jährige Verdächtige aus Köln wird festgenommen. Er räumt den Missbrauchsvorwurf nach der Festnahme ein.

  • 2020 - Festnahmen 4. Juni

    4. Juni 2020: Die Daten der Festplatte aus der Gartenlaube können durch Experten des Polizeipräsidiums Münster wiederhergestellt werden. Dabei wird ein Videofilm entdeckt, auf dem sexuelle Handlungen zum Nachteil des Zehnjährigen und eines Fünfjährigen zu sehen sind, die durch Adrian V. und drei weitere Männer begangen wurden. Die Beschuldigten werden festgenommen: ein 30-Jähriger aus Staufenberg bei Gießen, dessen fünfjähriger Sohn zu den Opfern zählt, ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg und der am 14. Mai bereits aufgefallene 35-Jährige aus Hannover. Auch die Mutter des hauptverdächtigen Adrian V. wird festgenommen. Es werden vier weitere verdächtige Personen festgenommen, die jedoch noch am selben Tag wieder freigelassen werden.

    Foto: Polizei Münster
  • 2020 - Pressekonferenz

    6. Juni 2020: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Münster informieren die Öffentlichkeit in einer großen Pressekonferenz über die bisherigen Ermittlungen zum Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 9. Juni 2020: Es gibt Hinweise auf zwei weitere Opfer. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass zwei Väter Anzeige erstattet hätten, dass ihre Söhne von dem im Fall bereits Beschuldigten unsittlich berührt worden seien. Die Anzeigen richteten sich nicht gegen den 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster.

  • 2020-06-14 Abriss Gartenlaube

    14. Juni 2020:  Die Ermittler suchen nach weiteren Beweisen - und nehmen dafür die Gartenlaube in Münster-Kinderhaus als Tatort komplett auseinander .

    Foto: Oliver Werner

Lewe hatte mit Bestürzung auf den Missbrauchsfall in Münster reagiert. „Ich bin erschrocken, dass unsere Stadt offenbar Schauplatz solch schrecklicher Taten war.“ Er drückte den Kindern sein tiefes Mitgefühl aus. „Unsere Aufmerksamkeit und unsere Gedanken sind bei den Kindern, die nun in sicheren Einrichtungen sind und dort umfassende professionelle Hilfe bekommen.“

Sprechen Sie Auffälligkeiten offen an.

Oberbürgermeister Markus Lewe

Der Fall zeige in erschreckender Weise, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern und die Brutalität der Täter viel größere Dimensionen habe, als noch vor wenigen Jahren allgemein bekannt gewesen sei. Lewe rief die Münsteraner dazu auf, wachsam zu sein. „Sprechen Sie Auffälligkeiten offen an.“

Auch Jung zeigte sich tief geschockt. „Meine Gedanken sind bei den Opfern dieses entsetzlichen Falls, die jetzt hoffentlich in Sicherheit sind.“

Pressekonferenz am 6. Juni 2020 in Münster zu bundesweitem Missbrauchsfall

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  • Über Ermittlungen in einem bundesweiten Missbrauchsfall informierten Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt und die Polizei am Samstag (6. Juni 2020) bei einer Pressekonferenz in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Medieninteresse an der Pressekonferenz im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster war riesig.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Über den Stand der Ermittlungen berichteten (von links) Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt, Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, Polizeipräsident Rainer Furth und Pressesprecher Jan Schabacker.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt bei der Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Kriminalhauptkommissar Joachim Poll leitet die Ermittlungen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Medieninteresse war riesig.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizei-Pressesprecher Jan Schabacker

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt bei der Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Interesse der Medienvertreter war bei der Pressekonferenz groß.

    Foto: Ralf Repöhler
  • Das Interesse der Medienvertreter war bei der Pressekonferenz groß.

    Foto: Ralf Repöhler
  • In dieser Gartenlaube soll es mehrfach zum Missbrauch gekommen sein.

    Foto: Polizei Münster
  • Die Ermittler stießen bei der Durchsuchung auf zahlreiche Datenträger.

    Foto: Polizei Münster
  • Die Ermittler haben einen ganzen Serverraum entdeckt.

    Foto: Polizei Münster
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