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Missbrauchsfall: Wie groß ist der Eisberg?

Münster -

Elf Tatverdächtige und bislang drei Opfer: Nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsfalls in Münster werden immer mehr Details öffentlich. Dennoch gibt es weiterhin viele offene Fragen.

Montag, 08.06.2020, 15:30 Uhr aktualisiert: 10.06.2020, 12:39 Uhr
Fragen & Antworten: Missbrauchsfall: Wie groß ist der Eisberg?
Ein Polizeibeamter der Spurensicherung steht in der Kleingartenkolonie vor der Laube des vermutlichen Haupttäters und öffnet die Tür mit einem Schlüssel. Foto: dpa/Guido Kirchner

Staatsanwaltschaft und Polizei haben zum Missbrauchsfall Münster über viele Details informiert. Nach der Festnahme von elf Tatverdächtigen, von denen sieben in Untersuchungshaft sitzen, steht fest, dass es bislang drei Opfer gibt. Weil aber ein großer Teil der sichergestellten Speichermedien noch nicht ausgewertet werden konnten, sind noch viele Fragen offen.

Gibt es weitere Opfer und Täter?

Am Montag gab es keinen neuen Ermittlungsstand. Mit Hochdruck arbeiten allein in Münster rund 50 Ermittler bei der Polizei, um weitere Opfer zu identifizieren. Landesweit werden zusätzliche Kräfte und Experten des Landeskriminalamtes bei der Auswertung der sichergestellten Bilder und Videos hinzugezogen.

Gibt es weitere Tatorte?

Davon geht Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt aus. Neben der Gartenlaube in Münster haben die Ermittler ein Auto in Köln aus Tatort erkannt. Auf sichergestellten Fotos weiterer Taten ist das Umfeld noch nicht identifiziert. Die Täter haben sich bei den Aufnahmen große Mühe gegeben, keine Hinweise auf Orte preiszugeben. Hier ist das Umfeld für die Ermittler somit noch ein Rätsel.

Missbrauchsfall in Münster

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  • In einer Gartenlaube in Münster-Kinderhaus haben sich nach Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft über rund zwei Jahre schwere Missbrauchsfälle ereignet. Der Skandal sorgt in ganz Deutschland für Entsetzen.

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  • Die Polizei in Münster (hier Polizeipräsident Rainer Furth) ist auf ein professionell verschleiertes Kindesmissbrauchsnetz gestoßen und hat in mehreren Bundesländern elf Verdächtige festgenommen. Sieben Beschuldigte befinden sich in Untersuchungshaft. Drei Kinder seien als Opfer identifiziert worden. Sie seien fünf, zehn und zwölf Jahre alt. 

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  • Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. In einer Gartenlaube und in einem Keller fanden die Ermittler hochprofessionelle technische Ausstattung zur Videoaufzeichnung und riesige Mengen versiert verschlüsselter Daten. Die Täter nutzten Handys, auf denen ein Großteil der Spuren gelöscht war. Bislang haben die Ermittler mehr als 500 Terabyte sichergestellt. Viele der Daten müssen noch entschlüsselt werden. 

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  • Bei den sechs weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich den Angaben zufolge um dessen 45 Jahre alte Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg bei Gießen (30 Jahre alt), Hannover (35), Schorfheide in Brandenburg (42), Kassel (43) und Köln (41). Die Ermittler hätten „unfassbare“ Bilder sehen müssen, sagte der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll. 

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  • Mindestens vier der Männer sollen wechselweise einen fünf- und einen zehnjährigen Jungen in einer Gartenlaube über Stunden schwer sexuell missbraucht und die Taten teils gefilmt haben. Die Mutter des Hauptbeschuldigten sei Nutzerin der Hütte im Stadtteil Kinderhaus; sie soll ihrem Sohn die Schlüssel überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben.

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  • Bei den beiden Opfern handelt es sich laut den Ermittlern um den zehnjährigen Sohn der Lebensgefährtin des Münsteraners und um den fünfjährigen Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Das habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben, die die Ermittler versteckt in einer Zwischendecke gefunden hätten.

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  • Bei dem dritten Opfer handelt es sich den Ermittlern zufolge um den zwölfjährigen Neffen des Beschuldigten aus Kassel. Dieser soll den Jungen missbraucht haben, wie aus sichergestellten Daten des 27-jährigen Münsteraners hervorgehe. Alle Opfer, die aus Münster sowie Staufenberg und Kassel in Hessen kommen, werden derzeit von den zuständigen Jugendämtern betreut. Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Körperliche Verletzungen haben sie nicht davon getragen, sagte Poll. Die Kinder seien von Rechtsmedizinern untersucht worden. 

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  • In einem Keller in Münster habe man einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum gefunden. Er sei dem 27-jährigen Tatverdächtigen zuzurechnen, sagte Poll. Er sprach von mehreren hundert Asservaten an gefundener IT-Technik. Die Datenträger seien hochprofessionell verschlüsselt worden.

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  • Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagten übereinstimmend Poll und Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt (hier im Bild). Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: „Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.“

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  • Den Ermittlern sei es bis heute nicht gelungen, alle Daten zu entschlüsseln. Poll sprach von aufwendigen, kniffligen und mit viel Technik verbundenen Ermittlungen. Der 27-Jährige aus Münster sei in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld für die IT-Technik tätig gewesen. Ausgangspunkt der Ermittlungen sei ein Verfahren aus dem Jahr 2018 gewesen; damals habe eine unbekannte Person Daten mit Kinderpornografie übers Internet angeboten. Über eine ermittelte IP-Adresse habe die Spur zu dem landwirtschaftlichen Betrieb geführt. 

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  • Der 27-Jährige ist in den Jahren 2016 und 2017 zweimal wegen der Verbreitung und des Besitzes von Kinderpornografie zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Wegen einer offen bekundeten pädophilen Neigung sei er vom Gericht auch zu einer Therapie verpflichtet worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist er dieser Aufforderung auch nachgekommen.

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  • Die Behörden wussten um die kinderpornografischen Straftaten des 27-jährigen Hauptbeschuldigten. Dennoch sahen sie kein Gefährdungspotenzial für den Jungen der Lebensgefährtin des mutmaßlichen Täters.Er begab sich vor einigen Jahren in Therapie. Sein Bewährungshelfer hatte sich positiv über ihn geäußert. Die Stadt stellt auf Anfrage klar, dass der mutmaßliche Täter damals nicht mit dem späteren Opfer zusammenlebte. Das Jugendamt der Stadt hatte Kontakt mit der Mutter aufgenommen. Diese hatte Hilfe aber abgelehnt. Nun steht sie unter Verdacht, von den Taten gewusst zu haben.

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  • Der Fall sei in einem Expertengremium, der sogenannten „Clearingstelle“ in der münsterischen Kinderschutzambulanz, beraten worden. Dabei seine keine ausreichenden Fakten auf mögliche Gefährdungsmomente beschrieben worden, die einen Eingriff in das elterliche Sorgerecht oder eine Herausnahme des Kindes aus der Familie gerechtfertigt hätten.

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Ist bekannt, wie viele Kunden der Hauptverdächtige hatte?

Nein. Hier stehen die Kripobeamten noch am Anfang. Allerdings wurden die Ermittlungen durch einen Fehler beim Anbieten von Dateien ausgelöst. Auf den 27-Jährigen aus Münster war ein Verdacht gefallen, weil eine IP-Adresse zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Coesfeld führte, für den der Hauptverdächtige als IT-Experte arbeitete. Diese nicht verwischte Spur hatte der Mann hinterlassen, als er über das Internet kinderpornografisches Material angeboten hatte.

Äußern sich die Beschuldigten zu den Vorwürfen?

Nein, bis auf einen 35 Jahre alten Mann aus Köln, der gestanden hat, äußern sich die weiteren fünf Männer und die Frau bislang nicht.

Welche Rolle spielt die 45 Jahre alte Mutter des Hauptbeschuldigten?

Die Erzieherin aus einem Kindergarten in Münster hatte ihrem Sohn die eigene Gartenlaube im Stadtteil Kinderhaus überlassen. Das Häuschen gilt bislang als Haupttatort. Die Ermittler werfen der Frau vor, dass sie mit Vorsatz Beihilfe zu den Missbrauchstaten geleistet hat.

Kriminalität: Missbrauchsfall von Münster in der Chronologie

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  • Anfang

    Der Missbrauchsfall Münster hat enorme Ausmaße. Der Hauptverdächtige, Adrian V. aus Münster, wurde am 14. Mai 2020 festgenommen. Doch der Fall hat eine lange Vorgeschichte und ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Chronologie:

  • 2010-2013 Verbreitung Kinderpornografie

    September 2010 (bis September 2013): Adrian V. aus Münster verbreitet kinderpornografisches Material, dafür wird er später vom Jugendschöffengericht verurteilt.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2013: Mit knapp 20 Jahren kommt Adrian V. mit seiner drei Jahre älteren Freundin zusammen, die bereits einen dreijährigen Sohn hat.

  • 2014 Kinderpornografie Teil 2

    September 2014 bis Dezember 2014: Erneut verbreitet Adrian V. kinderpornografische Werke. Später bekommt er in einem zweiten Urteil dafür eine Bewährungsstrafe.  

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Ende 2015: Das erste Strafverfahren gegen Adrian V. läuft. Es ist ein Fall für die „Clearingstelle“, in der Kinderschutzfälle anonymisiert von Vertretern der Polizei, der Gerichtsbarkeit, der Psychologie, der Kinderschutzambulanz und pädagogischen Fachkräften des ASD beraten werden. Am Ende steht die Entscheidung, dass momentan keine familiengerichtlichen Maßnahmen notwendig seien. Auch, weil Adrian V. zu dieser Zeit nicht mit seiner Freundin und deren Sohn zusammen wohnt.

  • 2016 Erstes Urteil

    13. Januar 2016: Das Jugendschöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Taten liegen zwischen September 2010 und September 2013. Adrian V. muss eine Therapie beginnen.

    Foto: Ahlke (Symbolbild)
  • 2016 Jugendamt

    2016: Die Kindesmutter wird nach 2016 vom Jugendamt Münster in ihrer Elternverantwortung belassen. Es habe bis heute keine Hinweise aus dem sozialen Umfeld auf eine mögliche Gefährdung oder Auffälligkeiten des Jungen gegeben, betont ein Sprecher der Stadt Münster

    Foto: Oliver Werner
  • 2017 Zweites Urteil

    8. Juni 2017: Das Schöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornographischer Schriften zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren - wieder auf Bewährung. Die Taten lagen zwischen September 2014 und Dezember 2014, also vor der Bewährungszeit. Seine Therapie setzt er fort.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Ermittlungsverfahren beginnt

    2018: Es beginnt ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen der Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet. Der Täter gesteht seiner Lebensgefährtin, dass er ihren Sohn regelmäßig missbraucht.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Missbrauchsfälle

    November 2018 bis Mai 2020: Adrian V. soll den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht, die Taten zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. 15 Taten, beginnend im Jahr 2018 bis zum Zeitpunkt der Festnahme im Mai 2020, werden ihm auf Grundlage elektronischer Beweismittel vorgeworfen.

    Foto: dpa
  • 2019 Anfangsverdacht

    April 2019: Anfangsverdacht gegen Adrian V.: Eine ermittelte IP-Adresse führt die Spur zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Dülmen (Kreis Coesfeld), bei dem der Münsteraner als IT-Administrator arbeitet.

  • 25./26. April 2020:

    25./26. April 2020:  In der Kleingarten-Hütte der Mutter in Münster-Kinderhaus sollen sich mindestens vier der Beschuldigten an zwei Opfern vergangen und die Taten teilweise gefilmt haben. Diese Tat ist bislang noch nicht Tatbestand des Haftbefehls. Die Mutter von Adrian V. soll bei dieser Missbrauchstat Hilfe geleistet haben.

    Foto: dpa
  • 7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung

    7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung bei Adrian V. in Münster: Die Ermittler stellen umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die ebenfalls mit hochprofessioneller Verschlüsselungstechnik gesichert waren und zum Teil noch sind.

    Foto: Polizei Münster
  • 12. Mai 2020: Einer der sichergestellten Laptops wird entschlüsselt. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien mit Missbrauchshandlungen zum Nachteil des zehnjährigen Jungen aus dem häuslichen Umfeld des Beschuldigten.

  • Polizeipräsidium Münster

    13. Mai 2020: Das Polizeipräsidium Münster übernimmt aufgrund des ermittelten Wohnsitzes die Ermittlungen.

    Foto: Matthias Ahlke (Archivbild)
  • Festnahme Adrian V.

    14. Mai 2020: Adrian V. wird morgens in Münsters Innenstadt festgenommen. Kurze Zeit später wird der zehnjährige Junge bei einer Verwandten in Begleitung zweier Männer (29 und 35) aus Hannover angetroffen. Da keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die beiden Männer Straftaten zum Nachteil des Jungen begangen haben könnten, werden sie vorerst nicht festgenommen. Der Junge wird direkt in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster gegeben.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Durchsuchung Gartenlaube

    15. Mai 2020: Durchsuchung der Gartenlaube in Kinderhaus: Ermittler finden, in einer Zwischendecke versteckt, eine von Adrian V. gelöschte Festplatte.

    Foto: Polizei Münster
  • 29. Mai 2020: Ein 43-Jähriger aus Kassel, dessen zwölfjähriger Neffe zu den Opfern zählt, wird festgenommen. Dadurch ergeben sich Hinweise auf einen Mann in Köln, der das zehnjährige Opfer aus Münster missbraucht haben soll.

  • 30. Mai 2020: Der 41-jährige Verdächtige aus Köln wird festgenommen. Er räumt den Missbrauchsvorwurf nach der Festnahme ein.

  • 2020 - Festnahmen 4. Juni

    4. Juni 2020: Die Daten der Festplatte aus der Gartenlaube können durch Experten des Polizeipräsidiums Münster wiederhergestellt werden. Dabei wird ein Videofilm entdeckt, auf dem sexuelle Handlungen zum Nachteil des Zehnjährigen und eines Fünfjährigen zu sehen sind, die durch Adrian V. und drei weitere Männer begangen wurden. Die Beschuldigten werden festgenommen: ein 30-Jähriger aus Staufenberg bei Gießen, dessen fünfjähriger Sohn zu den Opfern zählt, ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg und der am 14. Mai bereits aufgefallene 35-Jährige aus Hannover. Auch die Mutter des hauptverdächtigen Adrian V. wird festgenommen. Es werden vier weitere verdächtige Personen festgenommen, die jedoch noch am selben Tag wieder freigelassen werden.

    Foto: Polizei Münster
  • 2020 - Pressekonferenz

    6. Juni 2020: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Münster informieren die Öffentlichkeit in einer großen Pressekonferenz über die bisherigen Ermittlungen zum Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 9. Juni 2020: Es gibt Hinweise auf zwei weitere Opfer. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass zwei Väter Anzeige erstattet hätten, dass ihre Söhne von dem im Fall bereits Beschuldigten unsittlich berührt worden seien. Die Anzeigen richteten sich nicht gegen den 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster.

  • 2020-06-14 Abriss Gartenlaube

    14. Juni 2020:  Die Ermittler suchen nach weiteren Beweisen - und nehmen dafür die Gartenlaube in Münster-Kinderhaus als Tatort komplett auseinander .

    Foto: Oliver Werner

Der hauptbeschuldigte 27-Jährige ist zweimal auf Bewährung verurteilt worden - wie kann das sein?

Hier spielt eine Rolle, dass einmal nach Jugend- und einmal nach Erwachsenenstrafrecht geurteilt wurden. Kompliziert wird die Beurteilung der verhängten Strafen, weil die Taten zum zweiten Urteil am 8. Juni 2017 nicht während der Bewährungszeit nach dem ersten Urteil am 13. Januar 2016 passiert sind, sondern davor. Der sich zu seiner pädophilen Neigung bekennende Mann hatte somit nicht gegen Bewährungsauflagen verstoßen. Außerdem hatte er seine Therapie wie auferlegt begonnen. Sein Therapeut äußerte sich vor Gericht positiv über ihn.

Wie viele der gefundenen Speichermedien sind bereits ausgewertet?

Nur ein kleiner Bruchteil. Die Ermittler wollen sich bei dieser Frage nicht festlegen. Etwa 500 Terabyte wurden entdeckt. Wobei hier die Spezialisten bei der Kripo auch nur von einem groben Schätzwert ausgehen. Aus diesem Grund sprechen die Ermittler auch beim bisherigen Ergebnis von der Spitze des Eisbergs.

Riesige Datenmenge

Im Missbrauchsfall von Münster haben die Ermittler Server und Datenträger mit einem potenziellen Speichervolumen von 500 Terabyte gefunden. Ein Terabyte (TB) entspricht 1024 Gigabyte (GB). Das ist etwa so viel, wie auf die Speicherplatten eines handelsüblichen Computers für den Heimgebrauch passt. Was sich an Daten auf den professionell geschützten Speichern befindet, ist noch unklar. Die Dimensionen sind jedenfalls gewaltig, was deutlich wird, wenn man sich etwa die Datenmengen anschaut, die für Videos bei Netflix anfallen: Bei hoher Bildqualität werden dort drei Gigabyte pro Stunde übertragen. 500 Terabyte böten rein rechnerisch also Platz für etwa 170.000 Stunden Videomaterial.

...

Ist unter den Beschuldigten ein weiterer IT-Experte?

Nach Angaben des Leiters der Ermittlungskommission, Joachim Poll, ist der 35-jährige Beschuldigte aus Hannover zumindest IT-affin. Als Experten hatte der Kripo-Beamte bei der Pressekonferenz am Samstag den Mann nicht bezeichnet.

Gibt es bei den kommunalen Behörden Fehler?

Nach Informationen der Stadt Münster wurde das Jugendamt im Zuge eines Strafverfahrens vor Jahren informiert. Der heutige Hauptverdächtige lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mit der Mutter des späteren mutmaßlichen Opfers zusammen. Das für Familiensachen zuständige Amtsgericht Münster entschied daraufhin Ende 2015, dass kein Eingriff notwendig sei. Das Jugendamt hatte in der Folge weiter Kontakt zur Mutter, zum Kind und zum Tatverdächtigen. Der Fall wurde in einem Expertengremium beraten: Vertreter von Polizei, Gericht, Psychologen, Kinderschutzambulanz und der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) der Stadt.

Gab es Hinweise auf eine Gefährdung des späteren Opfers?

Dieses Gremium, die Stadt Münster spricht von einer „Clearingstelle“, sah keine ausreichende Fakten für mögliche Gefährdungsmomente, um der Mutter das Sorgerecht zu entziehen und das Kind aus der Familie zu holen. Die Stadt blieb aber in Kontakt mit der Frau, die allerdings Hilfe durch das Jugendamt ablehnte. Auch nach 2016 gab es aus Sicht der Stadt keinen Grund, einzugreifen. Aus dem sozialen Umfeld habe es bis heute keinen Hinweis auf eine mögliche Gefährdung oder Auffälligkeiten des Kindes gegeben. 


Hinweis: Wer selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden ist oder jemanden kennt, der Hilfe braucht, kann sich an das Hilfetelefon sexueller Missbrauch  wenden: 0800 22 555 30 (kostenlos und anonym). Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle für Menschen, die Entlastung, Beratung und Unterstützung suchen, die sich um ein Kind sorgen, die einen Verdacht oder ein „komisches Gefühl“ haben, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten. 

Du bist ein Kind und dich bedrückt etwas? Wenn du niemanden findest, der oder die dir helfen könnte, oder wenn es dir lieber ist, mit einer Person zu sprechen, die du nicht so gut kennst: Dann rufe an bei der  „Nummer gegen Kummer“ : 116111 (kostenlos und anonym). Wenn du lieber schreibst als redest: Per Mail oder Chat findest du dort jemanden, der sich um deine Probleme kümmert.

In Münster bietet zudem der Verein Zartbitter (0251-4140555) Hilfe für Jugendliche ab 14 Jahren an. Jüngere Kinder können beim Kinderschutzbund anrufen (0251-47180).

Doch auch jeder andere kann etwas tun! Mit der Kampagne „Missbrauch verhindern!“ stärkt die Polizei Erwachsene, damit sie Kinder schützen können. In fünf Schritten - Wissen, Offenheit, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Handeln - bekommt man das Rüstzeug, um Anzeichen für Missbrauch zu erkennen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

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