Millionenprojekt für Gülleaufbereitung
Firma aus Münster will größte Biogasanlage Europas bauen

Münster/Friesoythe -

Zu viel Gülle aus intensiver Tierhaltung belastet das Grundwasser in der Weser-Ems-Region. Zwei Projekte zur industriellen Aufarbeitung von Gülle und Mist versprechen ein wenig Erleichterung. Aber die Pläne finden nicht nur Zustimmung.

Freitag, 12.06.2020, 11:30 Uhr aktualisiert: 12.06.2020, 12:17 Uhr
Millionenprojekt für Gülleaufbereitung: Firma aus Münster will größte Biogasanlage Europas bauen
Zwei Unternehmen wollen in einem Gewerbegebiet am Küstenkanal bei Frisoythe zwei riesige Anlagen zur Aufarbeitung von Gülle und Mist errichten, in denen Gülle und Mist zu Methangas und in klares Wasser umgewandelt wird. Foto: Philipp Schulze/dpa

Es geht um Millionen Tonnen Gülle und Mist, die jährlich in den großen Tierställen im Nordwesten Niedersachsens anfallen. Für Landkreise wie Cloppenburg und seine Nachbarn ist diese gewaltige Menge ein Riesenproblem. In der Region, einer der Hochburgen der Tierhaltung in Deutschland, wimmelt es nur so vor „roten Gebieten“, also Flächen, auf denen im Grundwasser zu viel Nitrat und Phosphat gemessen wird. Da kommen zwei Großprojekte wie gerufen: Zwei Unternehmen wollen in einem Gewerbegebiet am Küstenkanal riesige Anlagen zur Aufarbeitung von Gülle und Mist bauen. Die Rede ist von den größten Biogasanlagen Europas.

Münsterische Firma will 100 Millionen Euro investieren

Die Firma Revis aus Münster will eine Anlage zur Herstellung von Biomethan errichten. Das lasse sich als Kraftstoff für Personenwagen oder Lastwagen verwenden. „Mit diesem Biomethan kann man CO2-neutral fahren und man emitiert weniger Stickoxide“, sagt Geschäftsführer Simon Detscher. Eine Million Tonnen Wirtschaftsdünger soll die Anlage pro Jahr verarbeiten, 100 Millionen Euro will Revis investieren. Bis zu 100 Arbeitsplätze könnten entstehen. Die Rohstoffe - zu 80 Prozent Mist und zu 20 Prozent Gülle - kommen aus einem Umkreis von 30 Kilometern.

Der zweite Investor ist die Firma Kaskum aus Friesoythe. Unternehmer Gert Stuke will für 15 bis 20 Millionen Euro eine Anlage zur Vollaufbereitung für eine Million Tonnen Schweinegülle pro Jahr bauen. Aus der Gülle soll das Wasser herausgefiltert werden, die weiteren Bestandteile - etwa Stickstoff und Phosphat - sollen in der Landwirtschaft oder der Industrie Verwendung finden, sagt Stuke. Seine Rohstoffe kommen aus einem Umkreis von 75 Kilometern, aus den Kreisen Cloppenburg, Vechta, Ammerland, Emsland und Oldenburg.

Geplant sind diese Anlagen im C-Port-Gewerbegebiet, der von dem Landkreis Cloppenburg, der Stadt Friesoythe und der Gemeinde Saterland betrieben wird. Mitgesellschafter von Kaskum sind unter anderem die Landvolk-Kreisverbände Cloppenburg und Vechta.

Lösung für Nitratprobleme?

Landkreis, Landvolk und auch der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) erhoffen sich davon eine Teillösung für den riesigen Gülle-Überschuss in der Region. „Gülleverarbeitungsanlagen können ein Baustein sein, um Nitratprobleme in den Griff zu bekommen“, teilt der OOWV zu den Projekten mit. Auch der Cloppenburger Landrat Johann Wimberg (CDU) sieht in beiden Anlagen „einen maßgeblichen Beitrag zur Lösung der Nährstoffproblematik“.

Die beiden Landvolk-Kreisverbände im Oldenburger Münsterland betrachten die Vorhaben ebenfalls als Bausteine für eine nachhaltige Lösung des Nährsoffproblems. Der Bürgermeister von Friesoythe, Sven Stratmann, unterstützt die Projekte auch. Friesoythe sei stark landwirtschaftlich geprägt, das sei auch gut so, sagt der SPD-Politiker. Außerdem schafften die beiden Projekte Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Stadt.

Grüner Kraftstoff

Aber die beiden Anlagen haben nicht nur Befürworter. Zu den Kritikern gehört Thomas Otto, Bürgermeister der Gemeinde Saterland. „Die Gemeinde Saterland selber hat kein rotes Gebiet“, sagt der parteilose Gemeindechef zu dem Argument, die beiden Großvorhaben seien eine Antwort auf ein drängendes Problem der Region.

Revis wolle aus dem Wirtschaftsdünger Biomethan machen, grünen Kraftstoff. „Das halte ich durchaus für zukunftsweisend“, sagt Otto. Auch, dass die münsterische Firma ihre Rohstoffe aus einem Umkreis von nur 35 Kilometern beschaffe, findet er gut - das löse tatsächlich die Probleme einiger Landwirte vor Ort. Der Einzugsbereich von Kaskum sei ihm aber deutlich zu groß, da gehe es nicht mehr allein um den Landkreis Cloppenburg, sondern um eine deutlich größere Region. Kleinere, dezentrale Anlagen seien sinnvoller.

Bürgerinitiative sieht unkalkulierbares Sicherheitsrisiko

Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative gebildet. Bei Facebook hat die Gruppe derzeit mehr als 840 Mitglieder. Sie fordern von Politik und Verwaltung eine ersatzlose Ablehnung des Vorhabens, weil die Anlage ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko berge. Er erwarte von der SPD/CDU-Landesregierung ein deutliches „Nein“ zu den Güllefabriken, teilt BI-Sprecher Frank de Buhr mit.

Aus Sicht von Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) bieten sich zur Aufbereitung von Gülle und Mist vor allem mobile und kleinere Anlagen an. Großanlagen wie im C-Port sollten sorgfältig und unter Beteiligung aller relevanter Personengruppen abgewogen werden, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium.

Im Rat der Gemeinde Saterland sei die Gruppe der Grünen und der SPD eindeutig dagegen, die Mehrheitsfraktion sei gespalten, sagt Bürgermeister Otto. Am 22. Juni steht das Thema in einer öffentlichen Ratssitzung auf der Tagesordnung.

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