Missbrauchsfall von Münster
Spurensuche bis ins Kleinste: THW demontiert Gartenlaube

Münster -

Den massiven Tatvorwürfen im Missbrauchsfall von Kinderhaus will die Polizei Münster mit möglichst genauer Ermittlungsarbeit begegnen. Aus diesem Grund ist am Samstag die Kleingarten-Parzelle der Mutter des Hauptbeschuldigten dem Erdboden gleichgemacht worden.

Samstag, 13.06.2020, 16:00 Uhr aktualisiert: 15.06.2020, 16:34 Uhr
Missbrauchsfall von Münster: Spurensuche bis ins Kleinste: THW demontiert Gartenlaube
Ein Bagger des Technischen Hilfswerks trug Stück für Stück der Gartenlaube ab. Foto: Oliver Werner

Vögel zwitschern, während auf einigen Parzellen der Kleingartenanlage „Am Bergbusch“ in Kinderhaus bereits am frühen Samstagmorgen die Beete fein säuberlich geharkt werden. Doch die große Gruppe Männer und Frauen, die zeitgleich mit Schaufeln, Spitzhacken, Stemmeisen und nicht zuletzt auch schwerem Gerät auf Parzelle 30 anrückt, hat anderes im Sinn als gewöhnliche Gartenarbeit.

Mit Hilfe des THW sucht die Polizei an diesem Tag auf dem Gelände, auf dem sich nach aktuellem Erkenntnisstand der sexuelle Missbrauch von Kindern zugetragen hat, noch einmal nach Beweismitteln. Elf Festnahmen hat es im Zuge der Ermittlungen bereits gegeben, sieben Personen, darunter der mutmaßliche Haupttäter, ein 27-jähriger Münsteraner, sitzen in Untersuchungshaft.

„Wir wollen einfach sichergehen, dass wir keine Beweismittel übersehen haben“, sagt Polizeisprecher Andreas Bode an diesem Morgen vor der Gartenlaube der Mutter des verhafteten 27-jährigen IT-Fachmanns. Für diese Sicherheit machen die rund 30 ehrenamtlichen Mitarbeiter des THW die Parzelle wortwörtlich dem Erdboden gleich. Beete werden um- und Pflanzen ausgegraben. Kubikmeterweise Erde und Steine werden ebenso abtransportiert wie schließlich die Überreste der Gartenlaube, denn auch die wird, so akkurat es eben möglich ist, zurückgebaut.

Missbrauchsfall: THW nimmt Gartenlaube auseinander

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  • Im Missbrauchsfall Münster nimmt die Polizei mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW) die Gartenlaube in Kinderhaus auseinander.

    Foto: Oliver Werner
  • „Wir werden hier jeden Stein und jedes Brett umdrehen, damit wir wirklich nichts übersehen“, sagte Ermittlungsleiter Joachim Poll.

    Foto: Oliver Werner
  • Das Technische Hilfswerk (THW) unterstützt die Beamten.

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  • Foto: Oliver Werner

Man habe intern darüber gesprochen, warum man hier sei, doch während der Arbeit versuche man, dies auszublenden, sagt Bastian Solke, Ortsbeauftragter des münsterischen THW mit Blick auf die unfassbaren Vorwürfe. Anderenfalls sei die Gefahr zu groß, dass die technische Arbeit leide. Und die ist anspruchsvoll, denn um mögliche Beweismittel nicht zu beschädigen, wird auch der Rückbau der Gartenlaube von Hand erledigt. Die warmen Temperaturen bringen die Helfer ins Schwitzen, Sorge bereitet den THW-Kräften aber eher ein mögliches Unwetter. Bei Hagel und Gewitter müsse man eine Pause einlegen, bei Regen arbeite man weiter, legen sie am frühen Morgen fest.

Es gehe darum zu schauen, ob es noch versteckte Beweismittel gebe, etwa in irgendwelchen Hohlräumen, erklärt ein Mitarbeiter der Spurensicherung vor Ort und fügt an: „Lügde darf sich nicht wiederholen.“ Die polizeiliche Ermittlungsarbeit zu den Missbrauchsfällen in der nordrhein-westfälischen Stadt Lügde war in den öffentlichen Fokus geraten, weil unter anderem Beweismittel verschwanden. NRW-Innenminister Herbert Reul sprach seinerzeit von einem Polizeiversagen.

 

 

Lügde darf sich nicht wiederholen.

Ein Mitarbeiter der Spurensicherung

Das soll in Münster unter keinen Umständen noch einmal passieren. Wenngleich die Spurensicherung am Samstag nicht davon ausgeht, dass man auf dem Gelände der Gartenlaube noch etwas finde. Denn schon seit der Verhaftung des 27-Jährigen Mitte Mai sind die Beamten dort tätig. Unter anderem hatten sie hinter einer Zwischendecke Aufzeichnungstechnik und Computer sichergestellt. Zudem waren Spürhunde zum Einsatz gekommen.
Trotzdem: Alles, was das Gelände von Parzelle 30 am Samstag verlässt, wird nach einer ersten, detektorunterstützten Sichtung vor Ort in den kommenden Tagen noch einmal genau untersucht werden.

 

Kriminalität: Missbrauchsfall von Münster in der Chronologie

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  • Anfang

    Der Missbrauchsfall Münster hat enorme Ausmaße. Der Hauptverdächtige, Adrian V. aus Münster, wurde am 14. Mai 2020 festgenommen. Doch der Fall hat eine lange Vorgeschichte und ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Chronologie:

  • 2010-2013 Verbreitung Kinderpornografie

    September 2010 (bis September 2013): Adrian V. aus Münster verbreitet kinderpornografisches Material, dafür wird er später vom Jugendschöffengericht verurteilt.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2013: Mit knapp 20 Jahren kommt Adrian V. mit seiner drei Jahre älteren Freundin zusammen, die bereits einen dreijährigen Sohn hat.

  • 2014 Kinderpornografie Teil 2

    September 2014 bis Dezember 2014: Erneut verbreitet Adrian V. kinderpornografische Werke. Später bekommt er in einem zweiten Urteil dafür eine Bewährungsstrafe.  

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Ende 2015: Das erste Strafverfahren gegen Adrian V. läuft. Es ist ein Fall für die „Clearingstelle“, in der Kinderschutzfälle anonymisiert von Vertretern der Polizei, der Gerichtsbarkeit, der Psychologie, der Kinderschutzambulanz und pädagogischen Fachkräften des ASD beraten werden. Am Ende steht die Entscheidung, dass momentan keine familiengerichtlichen Maßnahmen notwendig seien. Auch, weil Adrian V. zu dieser Zeit nicht mit seiner Freundin und deren Sohn zusammen wohnt.

  • 2016 Erstes Urteil

    13. Januar 2016: Das Jugendschöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Taten liegen zwischen September 2010 und September 2013. Adrian V. muss eine Therapie beginnen.

    Foto: Ahlke (Symbolbild)
  • 2016 Jugendamt

    2016: Die Kindesmutter wird nach 2016 vom Jugendamt Münster in ihrer Elternverantwortung belassen. Es habe bis heute keine Hinweise aus dem sozialen Umfeld auf eine mögliche Gefährdung oder Auffälligkeiten des Jungen gegeben, betont ein Sprecher der Stadt Münster

    Foto: Oliver Werner
  • 2017 Zweites Urteil

    8. Juni 2017: Das Schöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornographischer Schriften zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren - wieder auf Bewährung. Die Taten lagen zwischen September 2014 und Dezember 2014, also vor der Bewährungszeit. Seine Therapie setzt er fort.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Ermittlungsverfahren beginnt

    2018: Es beginnt ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen der Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet. Der Täter gesteht seiner Lebensgefährtin, dass er ihren Sohn regelmäßig missbraucht.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Missbrauchsfälle

    November 2018 bis Mai 2020: Adrian V. soll den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht, die Taten zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. 15 Taten, beginnend im Jahr 2018 bis zum Zeitpunkt der Festnahme im Mai 2020, werden ihm auf Grundlage elektronischer Beweismittel vorgeworfen.

    Foto: dpa
  • 2019 Anfangsverdacht

    April 2019: Anfangsverdacht gegen Adrian V.: Eine ermittelte IP-Adresse führt die Spur zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Dülmen (Kreis Coesfeld), bei dem der Münsteraner als IT-Administrator arbeitet.

  • 25./26. April 2020:

    25./26. April 2020:  In der Kleingarten-Hütte der Mutter in Münster-Kinderhaus sollen sich mindestens vier der Beschuldigten an zwei Opfern vergangen und die Taten teilweise gefilmt haben. Diese Tat ist bislang noch nicht Tatbestand des Haftbefehls. Die Mutter von Adrian V. soll bei dieser Missbrauchstat Hilfe geleistet haben.

    Foto: dpa
  • 7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung

    7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung bei Adrian V. in Münster: Die Ermittler stellen umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die ebenfalls mit hochprofessioneller Verschlüsselungstechnik gesichert waren und zum Teil noch sind.

    Foto: Polizei Münster
  • 12. Mai 2020: Einer der sichergestellten Laptops wird entschlüsselt. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien mit Missbrauchshandlungen zum Nachteil des zehnjährigen Jungen aus dem häuslichen Umfeld des Beschuldigten.

  • Polizeipräsidium Münster

    13. Mai 2020: Das Polizeipräsidium Münster übernimmt aufgrund des ermittelten Wohnsitzes die Ermittlungen.

    Foto: Matthias Ahlke (Archivbild)
  • Festnahme Adrian V.

    14. Mai 2020: Adrian V. wird morgens in Münsters Innenstadt festgenommen. Kurze Zeit später wird der zehnjährige Junge bei einer Verwandten in Begleitung zweier Männer (29 und 35) aus Hannover angetroffen. Da keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die beiden Männer Straftaten zum Nachteil des Jungen begangen haben könnten, werden sie vorerst nicht festgenommen. Der Junge wird direkt in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster gegeben.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Durchsuchung Gartenlaube

    15. Mai 2020: Durchsuchung der Gartenlaube in Kinderhaus: Ermittler finden, in einer Zwischendecke versteckt, eine von Adrian V. gelöschte Festplatte.

    Foto: Polizei Münster
  • 29. Mai 2020: Ein 43-Jähriger aus Kassel, dessen zwölfjähriger Neffe zu den Opfern zählt, wird festgenommen. Dadurch ergeben sich Hinweise auf einen Mann in Köln, der das zehnjährige Opfer aus Münster missbraucht haben soll.

  • 30. Mai 2020: Der 41-jährige Verdächtige aus Köln wird festgenommen. Er räumt den Missbrauchsvorwurf nach der Festnahme ein.

  • 2020 - Festnahmen 4. Juni

    4. Juni 2020: Die Daten der Festplatte aus der Gartenlaube können durch Experten des Polizeipräsidiums Münster wiederhergestellt werden. Dabei wird ein Videofilm entdeckt, auf dem sexuelle Handlungen zum Nachteil des Zehnjährigen und eines Fünfjährigen zu sehen sind, die durch Adrian V. und drei weitere Männer begangen wurden. Die Beschuldigten werden festgenommen: ein 30-Jähriger aus Staufenberg bei Gießen, dessen fünfjähriger Sohn zu den Opfern zählt, ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg und der am 14. Mai bereits aufgefallene 35-Jährige aus Hannover. Auch die Mutter des hauptverdächtigen Adrian V. wird festgenommen. Es werden vier weitere verdächtige Personen festgenommen, die jedoch noch am selben Tag wieder freigelassen werden.

    Foto: Polizei Münster
  • 2020 - Pressekonferenz

    6. Juni 2020: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Münster informieren die Öffentlichkeit in einer großen Pressekonferenz über die bisherigen Ermittlungen zum Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 9. Juni 2020: Es gibt Hinweise auf zwei weitere Opfer. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass zwei Väter Anzeige erstattet hätten, dass ihre Söhne von dem im Fall bereits Beschuldigten unsittlich berührt worden seien. Die Anzeigen richteten sich nicht gegen den 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster.

  • 2020-06-14 Abriss Gartenlaube

    14. Juni 2020:  Die Ermittler suchen nach weiteren Beweisen - und nehmen dafür die Gartenlaube in Münster-Kinderhaus als Tatort komplett auseinander .

    Foto: Oliver Werner
  • 2020 - Zahl der Tatverdächtigen steigt

    17. Juni 2020: Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul berichtet im Innenausschuss des Landtags, dass weitere Opfer und auch weitere Tatverdächtige identifiziert wurden. Die Zahl der Tatverdächtigen steigt damit um sieben auf insgesamt 18 an. Die Zahl der Opfer hat sich laut Reul auf sechs erhöht.

    Foto: dpa
  • 2020-06-30 Durchsuchungen

    30. Juni 2020: In einer konzertierten Aktion führt die Polizei mit 180 Beamten Durchsuchungen in vier Bundesländern (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Schleswig-Holstein) durch. Im Anschluss werden vier Männer verhaftet, denen vorgeworfen wird, den zehnjährigen Jungen aus Münster schwer sexuell missbraucht zu haben: ein 52-Jähriger aus Norderstedt (Schleswig-Holstein), ein 26-jähriger Mann aus Aachen und zwei 29  und 49 Jahre alte Männer aus Hannover.

    Foto: dpa (Symbolbild)

 


Hinweis: Wer selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden ist oder jemanden kennt, der Hilfe braucht, kann sich an das Hilfetelefon sexueller Missbrauch wenden: 0800 22 555 30 (kostenlos und anonym). Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle für Menschen, die Entlastung, Beratung und Unterstützung suchen, die sich um ein Kind sorgen, die einen Verdacht oder ein „komisches Gefühl“ haben, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten. 

Du bist ein Kind und dich bedrückt etwas? Wenn du niemanden findest, der oder die dir helfen könnte, oder wenn es dir lieber ist, mit einer Person zu sprechen, die du nicht so gut kennst: Dann rufe an bei der „Nummer gegen Kummer“ : 116111 (kostenlos und anonym). Wenn du lieber schreibst als redest: Per Mail oder Chat findest du dort jemanden, der sich um deine Probleme kümmert.

In Münster bietet zudem die Beratungsstelle Zartbitter (0251-4140555) Hilfe für Jugendliche ab 14 Jahren an. Zudem werden dort Angehörige und Bezugspersonen von Betroffenen sowie Fachkräfte beraten. Jüngere Kinder können beim Kinderschutzbund anrufen (0251-47180).

Doch auch jeder andere kann etwas tun! Mit der Kampagne „Missbrauch verhindern!“ stärkt die Polizei Erwachsene, damit sie Kinder schützen können. In fünf Schritten - Wissen, Offenheit, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Handeln - bekommt man das Rüstzeug, um Anzeichen für Missbrauch zu erkennen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

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