Einschätzung des Jugendamtes zum Missbrauchsfall
„Gründlichkeit vor Schnelligkeit“

Münster -

Im Missbrauchsfall von Münster hat sich nun das Jugendamt der Stadt geäußert und seine grundsätzliche Rolle beim Jugendschutz erläutert. Jugenddezernent Thomas Paal widersprach Forderungen die Arbeit komplett auf den Prüfstand zu stellen.

Mittwoch, 17.06.2020, 18:50 Uhr aktualisiert: 17.06.2020, 21:36 Uhr
Die Laube ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in einem Missbrauchsfall, in der die Ermittler u.a. Festplatten und Videokameras fanden. Mittlerweile wurde die Laube abgerissen.
Die Laube ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in einem Missbrauchsfall, in der die Ermittler u.a. Festplatten und Videokameras fanden. Mittlerweile wurde die Laube abgerissen. Foto: dpa

Die Leiterin und die Jugendschutzbeauftragte des städtischen Jugendamtes haben jetzt zum ersten Mal zum Umgang der Behörde mit dem aktuell aufgedeckten Missbrauchsfall Stellung genommen. Gegen die Mutter des zehnjährigen Jungen, der als Hauptopfer gilt, „lag nichts vor“, erinnert sich die Jugendschutzbeauftragte Sandra Krome im Interview mit unserer Zeitung an die Erörterung des Falles beim Familiengericht und im Jugendamt in den Jahren 2015 und 2016. Damals war bekannt geworden, dass der jetzige Hauptbeschuldigte, der Lebensgefährte der Mutter des missbrauchten Jungen, wegen Besitzes kinderpornografischen Materials vorbestraft war. Die Mutter habe damals klarmachen können, sie schütze ihr Kind. Was, wie sich ja nun herausstellte, nicht der Fall war.

Das Jugendamt sehe seine Aufgabe vornehmlich darin, „Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen“, betonte die Leiterin des Jugendamtes, Sabine Trockel. Erziehungsberechtigte bei der Klärung möglicher Gefährdung des Kindeswohls mit einem Generalverdacht zu belegen, sei kontraproduktiv. Das Jugendamt gab auf Nachfrage keine Auskunft darüber, in wie vielen Fällen, bei denen es innerhalb des letzten Jahres um mögliche Inobhutnahmen ging, Vorwürfe von sexuellem Missbrauch eine Rolle spielten. Die sogenannte „Clearingstelle“, in der sich Fachleute, die professionell mit Kindern und Familien aus Münster beschäftigt sind, beraten lassen können, wird jüngst häufiger nachgefragt: Das Expertengremium, bei dem unter anderen auch Polizei und Staatsanwaltschaft beteiligt sind, beriet laut Stadt im vergangenen Jahr in 25 Verdachtsfällen, zehn mehr als im Vorjahr.

Die Forderungen des Chefs der SPD-Fraktion im Rat, Dr. Michael Jung, die gesamte Arbeit beim Jugendschutz nun auf den Prüfstand zu stellen (wir berichteten), wies der städtische Jugenddezernent Thomas Paal zurück: „Wir unterziehen ausgewählte Fälle des Jugendamtes regelmäßig rückblickenden Analysen. Das ist Teil unserer laufenden Qualitätskontrolle“, so Paal. Natürlich analysiere die Verwaltung auch „diesen besonders tragischen Fall“ rückblickend darauf, ob und welche Lehren daraus zu ziehen seien. „Wenn solche Analysen sinnvolle Ergebnisse ermöglichen sollen, muss aber Gründlichkeit vor Schnelligkeit gehen“, betonte Paal, „Sofortprogramme werden der Komplexität dieser Aufgabe nicht gerecht.“ Zumal die Kommunen vieles auch gar nicht beeinflussen könnten. Paal: „Zum Beispiel wird immer deutlicher, dass der Datenschutz ein wirksames Vorgehen gegen den Sumpf des pädokriminellen Milieus oft behindert. Die Gesetzgeber auf Bundes- und Landesebene sollten die Interessen von Kinder- und Datenschutz neu justieren“, forderte er.

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