Museum in Werther zeigt erstmals vier vor 80 Jahren beschlagnahmte Werke von Peter August Böckstiegel
„Dorfstraße“ ist wieder aufgetaucht

Werther/Münster -

Vier Bilder des westfälischen Malers Peter August Böckstiegel (1889-1951) sind über 80 Jahre nach ihrer Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten wieder aufgetaucht. Das Böckstiegel-Museum in Werther zeigt sie vom 10. Juli an in der Ausstellung „Dunkle Jahre, voller Farben – Peter August Böckstiegel 1933-1945“.

Donnerstag, 02.07.2020, 20:04 Uhr
Peter August Böckstiegel: Dorfstraße, 1916. Das Aquarell auf Papier, 43,7 mal 55,7 Zentimeter groß, zählte früher wahrscheinlich zum Bestand des Städtischen Museums Stettin und wurde 1937 als „entartet“ beschlagnahmt
Peter August Böckstiegel: Dorfstraße, 1916. Das Aquarell auf Papier, 43,7 mal 55,7 Zentimeter groß, zählte früher wahrscheinlich zum Bestand des Städtischen Museums Stettin und wurde 1937 als „entartet“ beschlagnahmt Foto: Anja Koschel

Im August vor zwei Jahren öffnete das neue Böckstiegel-Museum in Werther am Teutoburger Wald seine Pforten. Es hat sich seitdem in der westfälischen Kulturlandschaft etabliert. Nun, in schwieriger Corona-Zeit, präsentiert das Haus die Ausstellung „Dunkle Jahre, voller Farben – Peter August Böckstiegel 1933-1945“ (wg. Corona voraussichtlich vom 10. Juli an). In dieser Schau sind zugleich vier besondere Trouvaillen zu sehen: Werke des Künstlers, die 1937 als „entartet“ in deutschen Museumssammlungen beschlagnahmt wurden. Sie galten seitdem als verschollen.

Die drei Radierungen und ein Aquarell stammen aus einer Privatsammlung und werden zum ersten Mal seit mehr als 80 Jahren wieder öffentlich präsentiert. Der Leihgeber, so teilte das Museum im Verlauf dieser Woche mit, „möchte damit einen Beitrag zur Wiedergutmachung des Schadens leisten, der durch den Bildersturm der Nationalsozialisten im Sommer 1937 entstanden ist“. Damals wurden etwa 20 000 Werke in Vorbereitung der perfiden Ausstellung „Entartete Kunst“ in München aus Museumsbesitz beschlagnahmt, darunter auch 92 Gemälde, Aquarelle und Grafiken von Peter August Böckstiegel.

David Riedel, Künstlerischer Leiter des Museum Peter August Böckstiegel, sagt zu dieser Schau: „Die Wiederentdeckung dieser vier endgültig verloren geglaubter Werke macht Hoffnung, dass weitere Bilder Böckstiegels die Raubzüge der Nationalsozialisten überstanden haben. Ich bin sehr dankbar, dass unser Museum nun die Chance hat, sie zeigen zu können. Für Böckstiegel bedeutete der Sommer 1937, dass sein Schaffen aus öffentlichen Sammlungen in ganz Deutschland verschwunden war.“

Die vier nun wiederentdeckten Werke, die man in Werther sehen kann, gehörten dem Musikwissenschaftler Dr. Hans Erdmann (1911–1986). In den späten 1930er Jahren begann dieser mit dem Aufbau einer Sammlung moderner Kunst. Als er 1942 eine Stelle als Dozent für Musikerziehung an der Lehrerbildungsanstalt in Güstrow antrat, kam er in Kontakt mit Bernhard A. Böhmer.

Böhmer war neben drei weiteren Kunsthändlern vom Reichspropaganda­ministerium mit dem Verkauf eines Großteils der zuvor beschlagnahmten Werke beauftragt worden – ausschließlich gegen Devisen und an Sammler im Ausland. Doch Böhmer hielt sich wohl nicht an diese Vorgabe und gab offenbar mehrere, darunter von seinen Kollegen als „unverwertet“ zurückgegebene Werke auch an deutsche Sammler weiter. So kam, wie das Böckstiegel-Museum in einer Pressemitteilung erläutert, vermutlich auch Hans Erdmann in den Besitz zumindest eines Teils seiner Sammlung „entarteter“ Kunst, die insgesamt zwei Gemälde und ein Konvolut von ursprünglich fast 80 Papierarbeiten umfasste.

Zu dem auf Böhmer zurückgehenden Sammlungsteil Erdmanns gehörten ursprünglich sieben Werke von Peter August Böckstiegel. Böhmer kannte Böckstiegel aus der Zeit seines Studiums an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Bielefeld persönlich und hat, wie es weiter heißt, nach 1937 offenbar gezielt Arbeiten Böckstiegels für die „Verwertung“ an sich gezogen. Die Wissenschaftler des Böckstiegel-Museums gehen davon aus, dass dieser Sammler Erdmann als Liebhaber des Expressionismus neben geschäftlichen Interessen durchaus auch die Intention hatte, Böckstiegels Werke (wie die anderer Expressionisten) vor der Vernichtung und dem Vergessen zu bewahren.

Von den Arbeiten Böckstiegels in der Sammlung Erdmann befand sich die Radierung „Bauer aus Arrode (Thorlümke)“ bis zum Jahre 1937 im Städtischen Museum Bielefeld. Dessen Direktor Eduard Schoneweg, er hatte das Blatt 1929 selbst erworben, hat offenbar sogar noch Hilfestellung bei der Beschlagnahmung des Bildes geleistet.

Hier ein kurzer Blick auf die weiteren in der Ausstellung zu sehenden Bilder: Der Städtischen Gemäldegalerie Bochum gehörte die Radierung „Bauernhof in Werther“ und der „Deutschen Graphikschau 1937“ in den Städtischen Kunstsammlungen Görlitz das Blatt „Meine liebe Mutter“. Die Identifikation dieser Blätter ist übrigens durch eindeutige Beschriftungen und Etiketten auf der Rückseite möglich. Das in seiner kühnen und farbigen Sprache gehaltene Aquarell „Dorfstraße“ gehörte wahrscheinlich dem Städtischen Museum Stettin.

 

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