Zufallsfund
Violine von 1885 lagerte in der Westfälischen Schule für Musik

Münster -

Infektionszahlen auswerten, an Hygienekonzepten feilen, im Home-Office durchhalten – so könnte man sich den Arbeitsalltag vieler Beschäftigten der Stadtverwaltung in diesen Monaten vorstellen. Doch das trifft nur zum Teil zu. Trotz Krisenmodus treiben alle Dezernate Projekte voran, die in die Zukunft weisen. In einer Serie gibt die Stadt Einblick – zum Beispiel in einen unerwarteten Fund.

Freitag, 10.07.2020, 09:00 Uhr
„Ich wecke die Geige wieder, man muss sie spielen“, sagt Musikschuldirektorin Friedrun Vollmer. Instrumentenwart und Musikschulbibliothekar Thorsten Bönning wird den Augenblick des kostbaren Zufallsfundes so schnell nicht vergessen.
„Ich wecke die Geige wieder, man muss sie spielen“, sagt Musikschuldirektorin Friedrun Vollmer. Instrumentenwart und Musikschulbibliothekar Thorsten Bönning wird den Augenblick des kostbaren Zufallsfundes so schnell nicht vergessen. Foto: Presseamt Münster

Für Geigenbauer Matthias Thönniß klang es zunächst nach einer alltäglichen Routine-Arbeit: Einen ganzen Schwung durchschnittlicher Violinen, die schon lange in der Bibliothek der Westfälischen Schule für Musik lagerten, sollte er für Musikschüler wieder einsatzbereit machen. „Aber als unser Geigenbauer einen der Instrumentenkästen öffnete, wurde er auf einmal ganz unruhig“, erinnert sich Thorsten Bönning, Instrumentenwart und Bibliothekar der Musikschule an der Himmelreichallee.

Zum Vorschein kam eine wertvolle historische Violine, heißt es in der städtischen Pressemitteilung. „Das hat der Experte sofort gesehen, am Lack, am Farbton, an den Details der Konstruktion“, sagt Bönning. Er war damals erst zwei Monate im Amt und damit beauftragt, den riesigen Fundus der Musikschule zu sortieren. 

Zweitmeinung steht noch aus

Der Zufallsfund ereignete sich im Spätsommer des vergangenen Jahres, aber erst vor wenigen Wochen ist die Geige wieder zurückgekehrt aus der Bochumer Werkstatt von Matthias Thönniß. Er hat all die anderen Alltagsgeigen wieder spielbereit gemacht – und recherchiert, was es auf sich hat mit dem einen edlen alten Instrument, das der Musikschule vermutlich vor etwa 30 Jahren geschenkt wurde. „Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine 1885 von Charles Jean Baptiste Collin-Mézin in Paris hergestellte Geige“, sagt Friedrun Vollmer, Leiterin der Westfälischen Schule für Musik.

Collin-Mézin baute seine besten Instrumente zwischen 1875 und 1910, die Geige fällt also mitten in diese Periode. „Die Originalsignatur sowie eine Seriennummer befinden sich auf der Innenseite des Bodens“, schreibt Geigenbauer Thönniß in seiner Beurteilung. Um ganz genau zu wissen, ob es sich bei der Violine nicht um eine Fälschung handelt, steht noch eine Zweitmeinung aus.

Wert von etwa 20.000 Euro

Berühmte Musiker wie Joseph Joachim und Jules Armingaud spielten seinerzeit auf Collin-Mézins Ins­trumenten und lobten deren Qualität. Dem kann sich Friedrun Vollmer mehr als 100 Jahre später nur anschließen. „Die Geige hat einen sehr weichen und vollen Klang“, so Friedrun Vollmer. Sie ist die Erste, die wieder auf der Violine spielt, nachdem sie beim Geigenbauer neue Saiten und einen neuen Steg bekommen hat. „Ich wecke sie jetzt wieder, ich öffne sie“, sagt die Musikerin.

Auf etwa 20.000 Euro wird der Wert der nach einem Stradivari-Modell gebauten Geige, die so lange im Dornröschenschlaf lag, geschätzt. Allerdings soll sie nicht verkauft werden. „Ich würde sie nicht jedem in die Hand drücken. Aber vielleicht kann ein talentierter Schüler sie einmal im Rahmen eines Stipendiums nutzen“, sagt die Schulleiterin.

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