Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur zur Provenienzforschung
Die Geschichte hinter den Bildern

Münster -

„Provenienzforschung“ klingt sperrig, ist aber spannend. Das Landesmuseum in Münster zeigt jetzt 17 Werke, die den rechtmäßigen Besitzern einst durch die Nationalsozialisten entzogen wurden und heute wieder in die Hände der rechtmäßigen Besitzer bzw. deren Erben gelangen sollen. Ein Einblick.

Donnerstag, 30.07.2020, 15:10 Uhr aktualisiert: 30.07.2020, 15:42 Uhr
Provenienzforscherin Eline van Dijk (l.) und Co-Kuratorin Anna Luisa Walter vor dem Gemälde „Getreideernte“ von Max Liebermann, dessen komplizierte Besitzgeschichte nur bruchstückhaft nachvollzogen werden kann.Foto: Oliver Werner
Provenienzforscherin Eline van Dijk (l.) und Co-Kuratorin Anna Luisa Walter vor dem Gemälde „Getreideernte“ von Max Liebermann, dessen komplizierte Besitzgeschichte nur bruchstückhaft nachvollzogen werden kann.Foto: Oliver Werner Foto: Oliver Werner

Um 1820 malte Karl Blechen eine „Romantische Landschaft mit Ruine“. Das stimmungsvolle Gemälde wechselte im Laufe der Zeit wiederholt den Besitzer, unter anderem gehörte es dem jüdischen Kunstsammler Julius Freund. 1939 emigrierte der Berliner Kaufmann nach England, 1942 wurde seine Kunstsammlung in der Schweiz versteigert. Die „Romantische Landschaft“ erwarb Hitlers Beauftragter für das in Linz geplante „Führermuseum“.

Nach dem Krieg landete das Bild in einem Kunstdepot in München, seit 1969 hing es im münsterischen Landesmuseum – als „Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland“, wie so viele Gemälde, deren Herkunft nach Ende des Zweiten Weltkrieges unklar war. Erst Jahrzehnte später konnten die rechtmäßigen Eigentümer ermittelt werden. Das Bild wurde an die Erben restituiert, von denen es das Museum käuflich erwarb.

Heute hängt es wieder im LWL-Museum am Domplatz. Aktuell ist Blechens Landschaft in der Ausstellung „Eine Frage der Herkunft. Geschichte(n) hinter den Bildern“ zu sehen, die an insgesamt 17 Werken beispielhaft nachzeichnet, wie Restitutionsforschung betrieben wird – wie also Experten ermitteln, wem ein Gemälde einst gehörte, wann und wie es Orte und Besitzer wechselte, ob es sich womöglich bei einem Gemälde um Raubkunst handelt, die einst von den Nationalsozialisten den rechtmäßigen, zumeist jüdischen Besitzern entzogen wurde.

Mit Hilfe von Zeitstrahlen, Fotos, Briefen und Auktionskatalogen können die Besucher die Biografien der Kunstwerke nachvollziehen. Präsentiert werden Bilder mit geklärter Provenienz – wie Blechens Landschaft –, mit offener Herkunft oder mit bedenklicher Besitzgeschichte. So wie Max Liebermanns „Getreideernte“ aus dem Jahr 1874. Es gehörte einst einem gewissen Paul Stern, berichtet Provenienzforscherin Eline van Dijk. Doch handelte es sich um jenen Paul Stern, einen deutschen Juden, der ein Freund des großen Galeristen Paul Cassirer war und 1942 in einem Sammellager in München starb? Das ist unklar. „Der Fall ist bislang offen, er wird aber weiterverfolgt“, versichert van Dijk.

Sollten sich Nachfahren des Vorbesitzer dieses Gemäldes oder anderer Werke finden, dann sei es für das LWL-Museum keine Frage, Werke zurückzugeben, betont Museumsleiter Dr. Hermann Arnhold – schon aus moralischer Verantwortung. Im Übrigen, so Arnhold, sei sein Haus schon sehr früh offensiv mit dem Thema Raubkunst umgegangen. Man forsche seit Jahren mit großem Nachdruck – und werde die Arbeit fortsetzen. Die Provenienzforschung, so schätzte er am Donnerstag, werde das LWL-Museum wohl noch „20, 30 Jahre“ beschäftigen.

Die Ausstellung läuft bis zum 10. Januar 2021. Begleitend ist der Katalog „Eine Frage der Herkunft“ erschienen.

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