Klasse Weber der Kunstakademie stellt 15 Vogelscheuchen auf
Mit Schrecken Angst vertreiben

Münster -

Die Klasse Weber der Kunstakademie Münster hat sich dieser faszinierenden Figur angenommen. „Scaregrow“ heißt das Kunstprojekt. In Landschaften in und rund um Münster haben die Studierenden insgesamt 15 vogelscheuchenartige Skulpturen in Feldern und Wiesen aufgestellt.

Samstag, 01.08.2020, 07:57 Uhr aktualisiert: 01.08.2020, 08:00 Uhr
Klasse Weber der Kunstakademie stellt 15 Vogelscheuchen auf: Mit Schrecken Angst vertreiben
Über den städtischen und ländlichen Raum Münsters verteilt, haben die Studierenden der Klasse Weber der Kunstakademie Münster „Vogelscheuchen“ aufgestellt, die es zu entdecken gilt. Foto: Klasse Weber

Sie ist selten geworden, eine der seltsamsten Figuren der Kulturgeschichte und bei tieferem Nachdenken die Symbolfigur der Corona-Pandemie: die Vogelscheuche. In freier Wildbahn kommt sie in Westfalen praktisch nicht mehr vor. Als Sinnbild für lax gekleidete Menschen findet der Ausdruck gelegentlich noch Verwendung. Aufgestellt wird sie aus Angst (vor Ernteverlust). Schrecken soll sie verbreiten. Zusammengefasst: Mit Schrecken soll Angst bekämpft werden. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum sich die Vogelscheuche im „Zauberer von Oz“ von Herzen ein Gehirn wünscht. Die Klasse Weber der Kunstakademie Münster hat sich dieser faszinierenden Figur angenommen. „Scaregrow“ heißt das Kunstprojekt unter der Devise „Unerwartet erwarten sie uns.“

In Landschaften in und rund um Münster haben die Studierenden insgesamt 15 vogelscheuchenartige Skulpturen in Feldern und Wiesen aufgestellt. Dort schieben die auffälligen Installationen inmitten von Getreide und Korn Wache. Trotz der Vielgestaltigkeit sind die Objekte als Attrappe, als Repräsentant des Menschen erkennbar – für Menschen. Ob sich das Getier davon beeindrucken lässt? Meist stellt sich auch bei den klassischen Jammergestalten aus alten Joppen und Knautschhut rasch Gewöhnung ein.

4242770-Ausstellung „Scaregrow“ der Kunstakademie-Klasse Weber - Sie haben keine Berechtigung dieses Objekt zu betrachten.

Die Künstler-Klasse hat schon im Titel der Ausstellung einen doppelten Boden angelegt: Die Vogelscheuche heißt im Englischen „scarecrow“. Aus dem Erschrecken der Krähe wird ein „scare­grow“ – ein Wachsen des Schreckens, gleichsam eine Kultivierung der Angst, womit wir wieder bei der aktuellen gesellschaftlichen Situation der Pandemie sind, in der Angst von interessierten Kreisen ausgesät und kultiviert wird, um Macht zu ernten.
Die Kunststudierenden haben das Thema breit aufgefasst. Ihre „Scaregrows“ haben Klamotten abgelegt, versorgen fürsorglich Vögel mit Futter, versuchen kryptisch mit Passanten oder dem Fernsehturm zu kommunizieren, spielen in Form einer riesigen, dreidimensionalen Krakelzeichnung mit der kindlichen Angst vor der Dunkelheit. Die am Wegesrand plötzlich auftauchenden, beim schweifenden Blick über das Feld erspähten oder aber bewusst gesuchten „Scheuchen“ öffnen in ihrer vorherrschenden Reglosigkeit Raum für Visionen. Und einen erfrischenden Blick auf die nahezu verschwundene Gattung der Vogelscheuche, heißt es in einer Pressemitteilung.

Zum Nachdenken regen die überraschend beim Spaziergang auftauchenden Skulpturen in jedem Fall an. Zumal jemand, der nicht weiß, dass hier Künstler am Werke waren, sich fragen kann, was der Bauer einem damit wohl sagen wollte, wenn auf einem Feld „Füttern verboten“ steht: Stichelt hier ein Landwirt in das diffizile Verhältnis von Mensch und Natur? Schließlich durften Tiere vor dem Anthropozän fressen, was die Wildnis ihnen ermöglichte. Heute ist dieses Schlaraffenland von Feldern und Weiden verboten, weil es Eigentümer gibt. Mitgemacht haben Pia Miriam Voss, Annemarie Lange, Stefan Leer, Sarah Jupe, Nele Breuers und Nicole Widner, Robin Bolt, Tineke Kaiser, Frederike de Graft, Jana Theml, Lena Homann, Johanna Thoss, Michelle Hennig, Shuji Inoue sowie Charlotte Drews.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7516452?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker