Uraufführung: Gloster Productions zeigt „Nur die Toten kennen Brooklyn“ von Thomas Wolfe
Leben in der Unübersichtlichkeit

Münster -

Ein Mann fragt nach dem Weg. Mehr passiert nicht. Dass Thomas Wolfe in „Nur die Toten kennen Brooklyn“ mehr beschreibt, als eine nostalgische Szene aus der Vor-Navi-Zeit, zeigt das Theater Gloster in seiner Uraufführung der Kurzgeschichte.

Freitag, 07.08.2020, 14:04 Uhr
Die Inszenierung ist auch ein optischer Genuss: In einer ebenso illustrativen wie künstlerischen Kulisse wurde die Kurzgeschichte „Nur die Toten kennen Brooklyn“ von Thomas Wolfe uraufgeführt.
Die Inszenierung ist auch ein optischer Genuss: In einer ebenso illustrativen wie künstlerischen Kulisse wurde die Kurzgeschichte „Nur die Toten kennen Brooklyn“ von Thomas Wolfe uraufgeführt. Foto: Jörg Kersten

Inmitten der Stadtkulisse fragt einer: „Was braucht man, um sich in der Stadt halbwegs zurechtzufinden?“ Es flackern Filme auf der Skyline einer Metropole: Straßenszenen, Luftbilder, Karten. Brooklyn ist gemeint. Sechs Menschlein warten an der U-Bahn-Kante: nesteln am Sakko herum, laufen auf und ab, stehen stoisch da. Die Frage müsste lauten: Was braucht man, um sich halbwegs im Leben zurechtzufinden? Brooklyn ist in der Kurzgeschichte „Only the Dead Know Brooklyn“ des amerikanischen Autors Thomas Wolfe eine Metapher für Leben als ein Suchen nach Godot.

Münsters Gloster Productions hat zum ersten Mal (in künstlerischer Kooperation mit dem Theaterlabel „Make“ nach einer Idee von Norbert Nowotsch) den 1935 erschienenen Text mit scheinbar belanglos alltäglichen Szenen auf die Bühne der Titanickhalle gebracht. Mit akustischer Hilfe fährt hier zwischen Schauspielern und Zuschauern schon mal spürbar die U-Bahn durch. Die gealterte Industriehalle ist perfekt für urban-lakonischen Tiefsinn.

Ein Alter Ego des Autors erzählt eine Begebenheit aus der U-Bahn. Im Navi-Zeitalter ein Anachronismus, eine Austausch mit Patina: Jemand fragt nach dem Weg. Und das war’s im Grunde. Außer vielleicht, dass keiner wirklich die Antwort hat. Einer behauptet, dass er sich auskennt, weil er hier aufgewachsen ist, gerät aber mit seiner wirren Endlos-Beschreibung in Streit mit dem Ego, das sich auszukennen meint, aber keinen Plan hat, im Gegenteil sich wundert, dass es einen gibt, der einen Plan hat. Und ausgerechnet der, der einen Plan hat, fragt nach dem Weg . . .

Welcher Weg wird gesucht, wenn doch ein Plan zur Hand ist? Der Suchende wirkt seltsam sicher. Er sucht Orte auf, weil ihr Name wohlklingend ist. Und schaut sich dort um. Aus einer Freiheit der Zwecklosigkeit findet dieser Clown, Tramp, Flaneur eine Heimat in der Verlorenheit, indem er Orte aufsucht, die schöne Namen haben – wie Bensenhoist oder Bay Ridge. In den Worten Wolfes (leicht verändert): „Es dauert ein Leben, um das Leben durch und durch zu kennen, und selbst dann würde man nicht alles kennen.“

Carolin Wirth zitiert als Wolfes Schwester Mabel und gleichsam als Epilog aus dem letzten Brief des sterbenden Thomas Wolfe an seinen Verleger: ein Ausruf von Lebenslust. Die Inszenierung von Manfred Kerklau vermittelt den Text so, dass er trotz nostalgischer Erinnerungen an ein vergangenes Brooklyn bedeutsam wird. Die Spieler: Carsten Bender als jungenhaft verwundertes Ego, Pitt Hartmann als rechthaberischer Auskenner und vor allem Tilman Rademacher als schelmisch versonnen versponnenes Treibgut sowie als Subway-Gäste Gabriele Jasper, Julian Lesieur und Bettina Zumdick haben das kurze Kammerstück famos und berührend umgesetzt.

Weitere Aufführungen: 8. August (15 und 17 Uhr) und 9. August (19 und 21 Uhr). Karten (15 / 10 Euro): online und Abendkasse.

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