Ausstellung „Ich schreib’ Dir von zuhause“ in der dst.Galerie
Lebenszeichen auf DIN-A-6

Münster -

In unübersichtlichen und nebeligen Zeiten wie derzeit könnte man eigentlich mal die Künstler zur Lage in der Corona-Pandemie befragen. Kai Eric Schwichtenberg hat es getan

Dienstag, 11.08.2020, 17:28 Uhr
Kai Eric Schwichtenberg (u.M.) hat viel Post bekommen: Miriam Jonas stellt eine Postkarten-Maske zur Verfügung, Lia Sáile sendet Sand, Richard Helbin hat sein Arbeitspensum gewebt, und Antje Vogel lässt Noahs „Taube“ von der Leine.
Kai Eric Schwichtenberg (u.M.) hat viel Post bekommen: Miriam Jonas stellt eine Postkarten-Maske zur Verfügung, Lia Sáile sendet Sand, Richard Helbin hat sein Arbeitspensum gewebt, und Antje Vogel lässt Noahs „Taube“ von der Leine. Foto: Hanna Neander / Gerhard H. Kock

Künstler verfügen jenseits notwendiger Eitelkeit oft über eine hohe Sensibilität für den Zeitgeist, sind geübt im Gespür von Atmosphären, haben intuitiv Zugang zu Stimmungen. Und nicht zuletzt ist ihnen das Bedürfnis, der Drang, der Wille zum Ausdruck eigen. In unübersichtlichen und nebeligen Zeiten wie derzeit könnte man eigentlich mal die Künstler zur Lage in der Corona-Pandemie befragen. Kai Eric Schwichtenberg hat es getan.

Der Kunstkenner und Blogger aus Münster ist gut vernetzt und schickte 70 bekannten und befreundeten Künstlern eine leere, ausreichend frankierte Postkarte mit einer Bitte: „Schreib’ mir von zuhause!“ Schließlich waren/sind auch die Kommunikationswesen Künstler ins Homeoffice verbannt. Obwohl die Angeschriebenen für ihre Wünsche, Gedanken, ihre Gestaltungskraft auf eine Projektionsfläche im DIN-A-6-Format (10,5 mal 14,8 Zentimeter) beschränkt waren, ist in der Ausstellung „Ich schreib’ Dir von zuhause“, die Konrad Abeln jetzt in seiner dst.Galerie zeigt, eine überwältigende, berührende und amüsierende Vielfalt vertreten.

Dass von den am 6. April angeschriebenen 70 Künstlern bis jetzt 64 ihre Karte zurückgeschickt haben, zeigt auch, wie dankbar diese Möglichkeit zum Ausdrücken von Ideen in dieser fremden Zeit aufgegriffen wurde. Und es ist viel Hoffnung dabei . . .

Die erste Karte kommt schon drei Tage später: Miriam Jonas schickt die Karte als Maske mit Gummilitzen zurück und berichtet offen von ihrem Auftakt-Enthusiasmus, für Berliner Pflegeheime Masken zu nähen, vom anschwellenden „Krieg der Kurzwaren“ in den ersten Tagen, befragt sich, ob der Drang nach einem „künstlerischen Sinn“ in diesem Tun ein Narzissmus ist. Nora Gomringer skizziert mit Toast, Gezwitscher und guten Nachrichten von Mama in wenigen Zeilen eine tröstende alltägliche Sonntagsstimmung der Corona-Tage, um zu schließen: „Ich nehme zu, als gäb’s (k)ein Morgen“.

Lia Sáile lotet die symbolische Ambivalenz von Sand aus: auf der einen Seite Sommer, Strand und Meer; auf der anderen Seite rieselt er auch durchs Stundenglas von Gevatter Tod. Die Künstlerin hat feinsten Sand zwischen zwei Folien gepackt, so dass diese Postkarte Sanduhr und Souvenir sein kann.

Richard Helbin protokolliert gleichsam seine Arbeitszeitnachweise als Gewebe. Schwarze Flecken zeigen: Ich habe gearbeitet. Im Lockdown-Schock finden sich nur einzelne Punkte. Im Laufe der Wochen und Monate werden es immer mehr. Am Ende sind es regelrecht schwarze Blöcke aus Streifen. Und noch etwas: Anfangs ist das Gewebe locker, luftig, am Ende straff und eng. Der Alltag hat den Künstler wieder. Der Zusammenhang von Freiraum und Zwängen von Arbeit wird augen- und sinnfällig.

Antje Vogel spielt auf die biblische Taube mit dem Ölzweig an, die Noah wieder festes Land verhieß. Ihr bunter Piepmatz hängt allerdings noch am vielleicht seidenen Faden.

Die Gestaltung reicht von klassischer Beschriftung mit guten Wünschen wie bei Kasper König bis zum Video: Denn der jüngste Beitrag ist ein Handy-Video von Annika Kahrs, das zeigt, wie sie sich an einer Gestaltung der Karte abmüht.

Weitere Künstler sind unter anderem Tatjana Doll, Tobias Zielony, Verena Issel, Gertrud Neuhaus, Stefan Marx, Nicola Gördes + Stella Rossié, Christian Odzuck, Christoph Roßner, Malte Frey, Kai Richter, Janus Hochgesand, Tim Cierpiszewski, Christoph Worringer, Dorthe Goeden und Malte Van de Water.

Das Projekt realisiert sich dank der Großzügigkeit der Autoren und Autorinnnen und ist nicht kommerziell. „Ich schreib’ Dir von Zuhause“ ist ein Projekt von www.retrospektiven.art Zu sehen in der dst.Galerie, Hafenstraße 21, bis 22. August mittwochs bis samstags 12 bis 18 Uhr

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