Borchert-Theater muss bei der Saisoneröffnung wagemutig improvisieren
Mit Dario Fo und Karacho durch die Krise

Münster -

Das Borchert-Theater hat seine Saison eröffnet. Mit einer Komödie von Dario Fo. Der Polit-Clown und Italo-Marxist ließ es früher gerne auf der Bühne krachen, vornehmlich gegen Bonzen und Kapital. Ob das in Corona-Krisen-Zeiten auch funktioniert? Chefdramaturgin Tanja Weidner hat das Stück mit kleinen Verweisen an die Corona-Zeit angepasst. Außerdem musste kurzfristig wegen eines Unfalls personell grundlegend umgebaut werden. Ein Wagnis, das beim Publikum Anerkennung auslöst. Das Stück selbst allerdings überschreitet, wie bei Dario Fo zu erwarten, immer wieder die Grenze zum Klamauk. Das wird nicht jedem Theatergast im Jahre 2020 gefallen.

Sonntag, 23.08.2020, 17:30 Uhr
Antonia (Rosana Cleve) und Markus Hennes (Margherita, l.) haben „gehamstert“ und nicht bezahlt. Die Beute wird als „Schwangerschaftsbauch“ getarnt.
Antonia (Rosana Cleve) und Markus Hennes (Margherita, l.) haben „gehamstert“ und nicht bezahlt. Die Beute wird als „Schwangerschaftsbauch“ getarnt. Foto: Klaus Lefebvre

Ein Saison-Opener muss wohl irgendwie donnern wie ein Sommergewitter – zumal in Krisenzeiten. Was läge da näher, als einen Autoren heranzuziehen, der es vor 30, 40, 50 Jahren in seiner Heimat Italien mit schöner Regelmäßigkeit krachen ließ: Dario Fo, Volkstheatermann, Provokateur, Polit-Clown, später sogar Literaturnobelpreisträger – was viele erstaunte. Sein Stück „Bezahlt wird nicht!“, zurecht als Farce und Groteske eingestuft, bringt in der Regie von Tanja Weidner, die das Stück schon vor der Krise aussuchte, scharfe Gesellschaftskritik und Tempo auf die Bühne des Borchert-Theaters. Der Applaus des Publikums, das ob des absurden Treibens zwischenzeitlich etwas beklommen dreinschaut, war bei der Premiere allerdings wohl mehr der Tatsache geschuldet, dass das Ensemble nicht nur die Corona-Hemmnisse wegsteckte, sondern auch den sturzbedingten Ausfall von Hauptdarstellerin Monika Hess-Zanger kompensieren musste. Was Intendant Meinhard Zanger zu vorgerückter Stunde nach Spielende dazu veranlasste, die Leistung seiner Truppe persönlich zu loben und das Polit-Stück für das 91-köpfige Publikum auch noch erklärend einzuordnen.

Vielleicht ist das auch nötig, denn Dario Fos Stoff aus dem Jahre 1974, irgendwo zwischen heute eher putzig wirkendem Italo-Marxismus und Ölkrise entstanden, später nachbearbeitet, wirkt in seiner simpel-holzschnittartigen Gesellschaftsanalyse aus der Zeit gefallen. Hier das Prekariat, das in seiner Not Geschäfte plündert, dort die Bonzen und Bullen. Rosana Cleve (Sonderapplaus) schlüpft bewundernswert textsicher in die ursprünglich für Monika Hess-Zanger vorgesehene Rolle der Antonia, zugleich muss Markus Hennes beherzt einspringen und deren Part als Margherita übernehmen, was der Chose eine zusätzliche Travestie-Umdrehung verleiht. Mannomann!

Die beiden Damen waren beim Plündern im Supermarkt dabei und verstecken die Beute in der Wohnung, die Bühnenbildnerin Annette Wolf aus billigen Bordmitteln passend zusammenfügte, in einer Mischung aus poppiger Polit-Plakatwand hinten und Sperrholzmöbeln vorne. Kommen noch drei Herren dazu. Die Ehemänner Giovanni (Florian Bender), Luigi (Johannes Langer) und Routinier Jürgen Lorenzen als Polizist, Carabiniere, Leichenbestatter, Alter und Möbelpacker. Tanja Weidner lässt bei hohen Dreh- und Phonzahlen spielen und mixt passend einige Corona-Details ein, Berge von gehamstertem Klopapier inklusive. Man besprüht sich mit Desinfektionsmittel, grüßt sich per Ellenbogen und raunt sich durch die Maske was zu. Während die Damen zunächst ihre Beute vor den noch dem Ethos der Ehrlichkeit verpflichteten Männern verstecken, zu allem Überfluss auch in Taschen vor dem vorgetäuschten Schwangerschaftsbauch, kommen die Herren der Schöpfung schließlich auch in die Versuchung, Havarie-Ware von einem Laster wegzuschaffen. Die Polizei kontrolliert, schaut weg, konfisziert, und am Ende steht sogar noch eine Wohnungsräumung an. Ein bisschen Marx, ein bisschen Familienkrieg, ein bisschen Papst und Pille, bei Clown Dario Fo grenzt doch manches ans klamaukhafte Pillepalle. Und so wird der Zuschauer letztlich selber entscheiden müssen, ob die vor fast 50 Jahren von Fo formulierte Kapitalismuskritik in Coronazeiten noch zündet.

Zunächst bleibt der Respekt vor dem Borchert-Theater-Ensemble, das die geballten Widrigkeiten vor der Premiere wegsteckte und sich beherzt zur geplanten Premierenzeit an die Rampe traute. Die Saison ist eröffnet, und Intendant Meinhard Zanger formulierte das Ziel der Bühne, das eigentlich auch für alle Lebensbereiche gilt: „Wir wollen einem geregelten Alltag näher kommen!“

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