Missbrauchsfall von Münster
Verhandlung noch in diesem Jahr: Anklage stützt sich auf Filmmaterial

Münster -

Der Hauptbeschuldigte im schweren Kindesmissbrauchsfall von Münster, Adrian V. (27), soll gemeinsam mit seiner Mutter sowie drei weiteren Tatverdächtigen noch in diesem Jahr vor Gericht stehen. Die Staatsanwaltschaft Münster hat gegen die fünf Angeschuldigten Anklage bei der Jugendschutzkammer des Landgerichts Münster erhoben. Ihnen drohen langjährige Haftstrafen.

Freitag, 04.09.2020, 18:12 Uhr aktualisiert: 04.09.2020, 18:15 Uhr
Missbrauchsfall von Münster : Verhandlung noch in diesem Jahr: Anklage stützt sich auf Filmmaterial
In dieser Gartenlaube in Münster soll ein Großteil der Taten passiert sein. Foto: dpa

Durch die Ermittlungen im Kindesmissbrauchsfall von Münster gab es Festnahmen in weiteren Bundesländern, zuletzt in Dresden und Pirna.   Allein im Hoheitsgebiet der Staatsanwaltschaft Münster sitzen derzeit neun Verdächtige in Untersuchungshaft.
Die Staatsanwaltschaft wirft Adrian V. vor, den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin über Jahre hinweg bei mindestens 26 Gelegenheiten vergewaltigt zu haben. Er soll den Jungen auch über das Internet angeboten haben.

Anklage stützt sich hauptsächlich auf 2020

Die Anklageschrift, die Tatvorwürfe aus den Jahren 2018 bis 2020 umfasst, stützt sich vor allem auf April 2020.  Adrian V. und die drei weiteren Männer aus Staufenberg (Hessen), Hannover und Schorfheide (Brandenburg) sollen damals den Jungen der Lebensgefährtin und den fünfjährigen Sohn des Angeschuldigten aus Staufenberg mit K.o.-Tropfen wehrlos gemacht, mehrfach sexuell missbraucht und die Taten gefilmt haben. Der Mutter von Adrian V. wird Beihilfe vorgeworfen. Sie soll ihre Gartenlaube in Münster in dem Wissen um die Taten zur Verfügung gestellt haben.
Neben dem Verdacht des schweren, teilweise gemeinschaftlich begangenen sexuellen Missbrauchs von Kindern besteht  der Verdacht der gemeinschaftlichen Vergewaltigung und der gefährlichen Körperverletzung.

Die Beschuldigten äußern sich nicht zu den Vorwürfen. Der Tatverdacht stützt sich auf Dateien einer gelöschten Festplatte, die Polizeiexperten wieder herstellen konnten. Dort sind mehrstündige Aufzeichnungen einer Videokamera, die in der Gartenlaube installiert war, zu sehen.

Missbrauchsfall in Münster

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  • In einer Gartenlaube in Münster-Kinderhaus haben sich nach Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft über rund zwei Jahre schwere Missbrauchsfälle ereignet. Der Skandal sorgt in ganz Deutschland für Entsetzen.

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  • Die Polizei in Münster (hier Polizeipräsident Rainer Furth) ist auf ein professionell verschleiertes Kindesmissbrauchsnetz gestoßen und hat in mehreren Bundesländern elf Verdächtige festgenommen. Sieben Beschuldigte befinden sich in Untersuchungshaft. Drei Kinder seien als Opfer identifiziert worden. Sie seien fünf, zehn und zwölf Jahre alt. 

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  • Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. In einer Gartenlaube und in einem Keller fanden die Ermittler hochprofessionelle technische Ausstattung zur Videoaufzeichnung und riesige Mengen versiert verschlüsselter Daten. Die Täter nutzten Handys, auf denen ein Großteil der Spuren gelöscht war. Bislang haben die Ermittler mehr als 500 Terabyte sichergestellt. Viele der Daten müssen noch entschlüsselt werden. 

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  • Bei den sechs weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich den Angaben zufolge um dessen 45 Jahre alte Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg bei Gießen (30 Jahre alt), Hannover (35), Schorfheide in Brandenburg (42), Kassel (43) und Köln (41). Die Ermittler hätten „unfassbare“ Bilder sehen müssen, sagte der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll. 

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  • Mindestens vier der Männer sollen wechselweise einen fünf- und einen zehnjährigen Jungen in einer Gartenlaube über Stunden schwer sexuell missbraucht und die Taten teils gefilmt haben. Die Mutter des Hauptbeschuldigten sei Nutzerin der Hütte im Stadtteil Kinderhaus; sie soll ihrem Sohn die Schlüssel überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben.

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  • Bei den beiden Opfern handelt es sich laut den Ermittlern um den zehnjährigen Sohn der Lebensgefährtin des Münsteraners und um den fünfjährigen Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Das habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben, die die Ermittler versteckt in einer Zwischendecke gefunden hätten.

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  • Bei dem dritten Opfer handelt es sich den Ermittlern zufolge um den zwölfjährigen Neffen des Beschuldigten aus Kassel. Dieser soll den Jungen missbraucht haben, wie aus sichergestellten Daten des 27-jährigen Münsteraners hervorgehe. Alle Opfer, die aus Münster sowie Staufenberg und Kassel in Hessen kommen, werden derzeit von den zuständigen Jugendämtern betreut. Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Körperliche Verletzungen haben sie nicht davon getragen, sagte Poll. Die Kinder seien von Rechtsmedizinern untersucht worden. 

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  • In einem Keller in Münster habe man einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum gefunden. Er sei dem 27-jährigen Tatverdächtigen zuzurechnen, sagte Poll. Er sprach von mehreren hundert Asservaten an gefundener IT-Technik. Die Datenträger seien hochprofessionell verschlüsselt worden.

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  • Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagten übereinstimmend Poll und Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt (hier im Bild). Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: „Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.“

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  • Den Ermittlern sei es bis heute nicht gelungen, alle Daten zu entschlüsseln. Poll sprach von aufwendigen, kniffligen und mit viel Technik verbundenen Ermittlungen. Der 27-Jährige aus Münster sei in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld für die IT-Technik tätig gewesen. Ausgangspunkt der Ermittlungen sei ein Verfahren aus dem Jahr 2018 gewesen; damals habe eine unbekannte Person Daten mit Kinderpornografie übers Internet angeboten. Über eine ermittelte IP-Adresse habe die Spur zu dem landwirtschaftlichen Betrieb geführt. 

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  • Der 27-Jährige ist in den Jahren 2016 und 2017 zweimal wegen der Verbreitung und des Besitzes von Kinderpornografie zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Wegen einer offen bekundeten pädophilen Neigung sei er vom Gericht auch zu einer Therapie verpflichtet worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist er dieser Aufforderung auch nachgekommen.

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  • Die Behörden wussten um die kinderpornografischen Straftaten des 27-jährigen Hauptbeschuldigten. Dennoch sahen sie kein Gefährdungspotenzial für den Jungen der Lebensgefährtin des mutmaßlichen Täters.Er begab sich vor einigen Jahren in Therapie. Sein Bewährungshelfer hatte sich positiv über ihn geäußert. Die Stadt stellt auf Anfrage klar, dass der mutmaßliche Täter damals nicht mit dem späteren Opfer zusammenlebte. Das Jugendamt der Stadt hatte Kontakt mit der Mutter aufgenommen. Diese hatte Hilfe aber abgelehnt. Nun steht sie unter Verdacht, von den Taten gewusst zu haben.

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  • Der Fall sei in einem Expertengremium, der sogenannten „Clearingstelle“ in der münsterischen Kinderschutzambulanz, beraten worden. Dabei seine keine ausreichenden Fakten auf mögliche Gefährdungsmomente beschrieben worden, die einen Eingriff in das elterliche Sorgerecht oder eine Herausnahme des Kindes aus der Familie gerechtfertigt hätten.

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Die Gartenlaube als Tatort der widerlichen Kindesmissbrauchstaten in Münster-Kinderhaus ist inzwischen abgerissen. Nichts blieb mehr übrig, als die Polizei dort nach weiteren Beweismitteln und vor allem Datenträgern gesucht hatte. Dort, inmitten der idyllischen Anlage des Kleingartenvereins im Stadtteil, sollen Adrian V. und drei weitere Männer aus Brandenburg, Niedersachsen und Hessen im April zwei Kinder über mehrere Tage und jeweils mehrere Stunden lang schwer missbraucht haben. Die schrecklichen Taten sind von einer Videokamera in der Gartenlaube aufgezeichnet worden. Experten des Polizeipräsidiums Münster gelang es, die gelöschten Dateien einer Festplatte wiederherzustellen, worauf sich  die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft stützt.

Die Hauptverhandlung gegen Adrian V., dessen Mutter, die ihre Gartenlaube im Wissen um die Taten zur Verfügung gestellt haben soll, und die weiteren drei Beschuldigten soll möglichst noch in diesem Jahr beginnen. Drei Monate nach Bekanntwerden der schweren Vorwürfe hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Aus ihrer Sicht erfüllen die Taten unterschiedliche Strafbestände wie schweren sexuellen Missbrauch, gefährliche Körperverletzung und Beihilfe. Das Landgericht Münster wird nun über die Zulassung der Anklageschrift entscheiden.

Adrian V. ist IT-Experte

Der Hauptbeschuldigte Adrian V. ist IT-Experte. Seine sichergestellten Computer und Datenspeicher sind oder waren hochgradig verschlüsselt. Bislang ist es den Experten nur zu einem Teil gelungen, die insgesamt gigantischen Dateien zu sichern. Auf das bereits entschlüsselte Foto- und Videomaterial stützt sich jetzt die Anklage. Allein zur Gartenlaube liegen der Ermittlungskommission „Rose“ 30 Stunden Filmszenen vor.

Adrian V. wird unter anderem vorgeworfen, bei 26 unterschiedlichen Gelegenheiten den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin  sexuell schwer missbraucht zu haben. Das geht auf die Dateien eines von der Polizei entschlüsselten Laptops zurück. Der Angeklagte soll von den Taten Fotos und Videos gemacht und über das Internet (Darknet) angeboten haben. Im Mai 2019 soll V. mit dem Jungen nach Köln gefahren sein, um dort einen 41-jährigen Mann zu treffen, den er über das Internet kennengelernt haben soll. Gemeinsam sollen sie den Zehnjährigen sexuell missbraucht haben.

Der Junge ist in der Obhut des städtischen Jugendamtes. Gegen die Mutter wird ermittelt.  

Missbrauchsfall: THW nimmt Gartenlaube auseinander

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  • Im Missbrauchsfall Münster nimmt die Polizei mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW) die Gartenlaube in Kinderhaus auseinander.

    Foto: Oliver Werner
  • „Wir werden hier jeden Stein und jedes Brett umdrehen, damit wir wirklich nichts übersehen“, sagte Ermittlungsleiter Joachim Poll.

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  • Das Technische Hilfswerk (THW) unterstützt die Beamten.

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