Der beliebte Schauspieler Mario Adorf feiert heute seinen 90. Geburtstag
Vom Bösewicht zum Patriarchen

München/Münster/NorDwalde -

Mario Adorf wird 90. Der beliebte Schauspieler hat ein erfolgreiches, zugleich aber auch wechselhaftes Leben hinter sich. Eine Würdigung.

Montag, 07.09.2020, 18:50 Uhr aktualisiert: 09.09.2020, 16:05 Uhr
Mario Adorf 2012 bei den Biografietagen in Nordwalde im Münsterland.
Mario Adorf 2012 bei den Biografietagen in Nordwalde im Münsterland. Foto: Wilfried Gerharz, dpa

Es gibt vor allem eine Textsequenz, mit der Mario Adorf in der deutschen Film- und Fernsehgeschichte zur Kultfigur wurde. In Patrick Süskinds (Drehbuch) und Helmut Dietls (Regie) TV-Mehrteiler „Kir Royal“ aus den 1980er Jahren geht Adorf als Industriekleber-Unternehmer Heinrich Haffenloher den Klatschreporter „Baby“ Schimmerlos (Franz-Xaver Kroetz) rüde an, um ihn zu einer Gefälligkeitsberichterstattung im Boulevardblatt zu drängen: „Isch mach disch fertig, Schimmerlos! Isch scheiß disch zu mit meinem Jeld, dass du keine ruhige Minute mehr hast“, sagt er im schmierigsten rheinischen Tonfall. Schimmerlos knickt nach kurzem Widerstand ein und und bereitet dem Industriellen die Bühne für einen Auftritt in der Münchner Schickimicki-Gesellschaft – inklusive Cancan auf dem Tisch im französischen Szene-Lokal.

Mario Adorf, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, amüsierte sich einmal im Interview darüber, dass mancher seiner Zuschauer diese Haffenloher-Szene noch besser rezitieren könne als er selbst. Prägende Rollen hatte der altgediente Schauspieler, der auch im hohen Alter bevorzugt für Patriarchen-Rollen eingesetzt wird, genug. In actionreichen Westernstreifen spielte er ebenso mit wie im sozialkritischen „Neuen Deutschen Film“ oder in Komödien. Als Bösewicht „Santer“ agierte er in der Winnetou-1-Verfilmung. Regisseure besetzten ihn zunächst gerne für Schurkenrollen, seine etwas dunkle, süditalienische Physiognomie kam ihm dabei entgegen. Doch er konnte auch der freundliche Chef und Vater sein. Unvergessen ist Adorf etwa als Kaufmann in dem Dieter-Wedel-Mehrteiler „Der große Bellheim“ (1992). Im Schattenmann (1996) reüssierte er dann wenige Jahre später wieder als krimineller Geschäftsmann und Unterwelt- Boss Jan Herzog.

Die Karriere des im Provinzkaff Mayen in der Eifel aufgewachsenen Adorf hatte holprig begonnen. Beim Vorsprechen an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München war Adorf nämlich von der Bühne gestürzt. „Es war eigentlich ein Misserfolg“, gibt er im Dokumentarfilm „Es hätte schlimmer kommen können“ zu, der noch bis Ende Oktober in der Mediathek der ARD zu sehen ist. Der damalige Kammerspiel-Intendant war trotzdem neugierig geworden. „Er hat zwei Dinge, die mir aufgefallen sind: Er hat Kraft und Naivität“, nennt Adorf ein Zitat Hans Schweikarts, das ihm später überliefert wurde. Im Jahre 1953 startete Adorf also an der Schule und traf dort den legendären Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner, der ihn stark beeindruckte. Bis 1962 blieb er an den Kammerspielen. Seinen Durchbruch vor der Kamera hatte er bereits 1957, als Frauenmörder in Robert Siod­maks Krimi „Nachts, wenn der Teufel kam“.

Viele Rollen folgten. In Volker Schlöndorffs oscarprämierter Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ war er Vater Matzerath. In Rainer Werner Fassbinders Wirtschaftswunder-Satire „Lola“ gab er den Baulöwen Schuckert, und für Helmut Dietl trat er nicht nur in Kir Royal, sondern auch als Promi-Wirt in der Gesellschaftssatire „Rossini“ auf.

Adorf drehte aber auch mit berühmten Regisseuren wie Claude Chabrol oder Billy Wilder. Auch ans Theater zog es ihn zwischendurch immer wieder. Im Nobelort Saint-Tropez lernte der Schauspieler seine spätere Ehefrau Monique kennen, die mit der legendären Brigitte Bardot befreundet war. „Ich hatte zuerst nur Augen für die Bardot“, gab Adorf später zu. Doch dann fiel ihm irgendwann Monique auf, ihre Lebendigkeit. „Und da begann die ganze Geschichte zwischen uns.“ Eine Liebe, die auch Jahrzehnte später noch halten sollte, anders als die Kurzbeziehung zur mittlerweile verstorbenen Schauspielerin Lis Verhoeven, mit der er die Tochter Stella-Maria hat, ebenfalls eine Schauspielerin. Mehrere Jahrzehnte lebte Adorf in Italien, der Heimat seines Vaters, zu dem er kaum Kontakt hatte.

„Jede Einstellung, jede Bühne betritt er mit der Wucht einer Naturgewalt“, schrieb 2010 die FAZ über Adorf, der unter anderem den Grimme-Preis, das Bundesverdienstkreuz sowie den Deutschen und den Bayerischen Filmpreis erhalten hat. Der Gewürdigte selbst, der 2012 bei den 5. Biografie-Tagen in Nordwalde im Münsterland über sein Leben erzählte, sieht rückblickend manches kritischer: „Es sind sicher viele Wünsche offen geblieben, aber ich war mit meinem Leben und dem, was ich erreicht habe, im Ganzen zufrieden“, sagt er. „Das Besondere am Beruf des Schauspielers ist, dass er im Gegensatz zu vielen Menschen ein zwar unsicherer aber frei gewählter und geliebter Beruf ist. Es ist ein Beruf, der es erlaubt, über die Kindheit hinaus ein Leben lang zu spielen.“

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