„Der letzte Besitz“: Berührende Fotografien dokumentieren Schicksal von Flüchtlingen
Drei Tütchen Erde aus der Heimat

Münster -

Drei Plastiksäckchen mit Heimaterde, ein Brustbeutel mit Medikamenten und Geld, eine Reisezahnbürste, ein Rosenkranz: In der Überwasserkirche in Münster bekommen namenlose Migranten, die im Mittelmeer ertrunken sind, wieder eine Identität.

Mittwoch, 09.09.2020, 16:04 Uhr
Ein Schlüssel, religiöse Symbole und drei Säckchen mit Erde: Dies ist der „letzte Besitz“ ertrunkener Flüchtlinge – ebenso wie das Portemonnaie und die Papierschnipsel , die Mattia Balsamini fotografiert hat. Abdrucke davon sind jetzt in Münster zu sehen.
Ein Schlüssel, religiöse Symbole und drei Säckchen mit Erde: Dies ist der „letzte Besitz“ ertrunkener Flüchtlinge – ebenso wie das Portemonnaie und die Papierschnipsel , die Mattia Balsamini fotografiert hat. Abdrucke davon sind jetzt in Münster zu sehen. Foto: OLIVER WERNER

Ein Kapuzenpullover gegen die zu erwartende Kälte in der Fremde. Eine Zahnbürste für das Allernötigste an Körperpflege auf der riskanten Reise. Ein Handy, um die Daheimgebliebenen über die Ankunft im „gelobten Land“ zu informieren. Und – dies ist vielleicht besonders eindrücklich: drei kleine Plastiksäckchen, gefüllt mit Erde aus der Heimat. Der nicht bekannten Heimat.

Denn woher genau diese Erde stammt und wer sie als Symbol der Hoffnung mit auf die Reise in eine hoffentlich bessere Zukunft nahm, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Rund 700 Flüchtlinge waren an Bord, als am 18. April 2015 die „Barca Nostra“ vor der libyschen Küste im Mittelmeer kenterte. Nur wenige überlebten. Den namenlosen Toten will nun eine berührende kleine Ausstellung in der Pfarrkirche Liebfrauenkirche-Überwasser mit Fotografien vom „Letzten Besitz“ die Würde zurückgeben.

Lange Papierfahnen hängen zur Linken im Seitenschiff der Kirche vom Deckengewölbe herab. Darauf in Augenhöhe die nicht allzu großen Fotos von Fundstücken, die von Mattia Balsamini in Szene gesetzt wurden und für ihre anonymen Besitzer sprechen sollen, deren tragisches Schicksal sich in den Medien zumeist nur in nüchternen Zahlen ausdrückt, wie Thomas Schickum vom Vorstand der Caritas Münster bei der Eröffnung am Dienstagabend erklärte. Sie ist Veranstalterin der Ausstellung.

Initiiert wurde sie von der Flüchtlingsinitiative in Coesfeld, wo die Fotos bereits zu sehen waren. Ein Artikel im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ im Mai 2019 habe die dortige Flüchtlingsinitiative Initiative auf die bemerkenswerten Fotos aufmerksam gemacht, erzählte Ludger Schulte-Roling bei der Eröffnung. „Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben auch nichts anderes dabei.“ Gemeint sind – wie auf den Fotografien zu sehen – Fotos, religiöse Gegenstände, Portemonnaies, Stofftaschen. Oder Handys, über deren Besitz sich hierzulande mancher bei Flüchtlingen mokiere, wie Paul Joachim Müller, ebenfalls bei der Flüchtlingsinitiative engagiert, sagte. Dabei sei ein Handy für die Flüchtlinge die einzige Möglichkeit, eine Nachrichten an ihre Familie zu übermitteln.

Die Fotografien haben eine spannende Vorgeschichte. Im Juli 2016 wurde das gekenterte Boot – ein bis dato einmaliger Vorgang – auf Bestreben des italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi gehoben und nach Sizilien gebracht. Dort sollte die forensische Anthropologin Cristina Cattaneo von der Mailänder Universität die Identität der Toten ermitteln – auch anhand ihres „letzten Besitzes“.

Stadtdechant Jörg Hagemann appellierte am Dienstagabend, sich berühren zu lassen vom dramatisch bebilderten Schicksal der Gekenterten. „Sie wurden mitten in ihrer Hoffnung aus dem Leben gerissen, aber wir können uns darauf einlassen und so die Hoffnung weitertragen, auch in der Begegnung mit anderen Geflüchteten in unserem Umfeld.“

Die Ausstellung endet am 23. Oktober mit einem Vortrag um 20 Uhr von Martin Kolek von der Crew der „Sea Watch“

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