In der Oper hat 2020 der Sicherheitsbeauftragte mehr zu sagen als der Intendant
„Niemand denkt derzeit an Parsifal“

Frankfurt/Münster/Salzburg -

Die Oper hat es in Corona-Zeiten besonders schwer. Eine Zwischenbilanz mit Eindrücken aus Münster, Frankfurt und Salzburg.

Mittwoch, 09.09.2020, 18:36 Uhr
Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, sitzt im Zuschauerraum seines Hauses und muss, wie viele seiner Kollegen, in Corona-Zeiten viele Dinge neu denken und Pläne umschmieden.
Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, sitzt im Zuschauerraum seines Hauses und muss, wie viele seiner Kollegen, in Corona-Zeiten viele Dinge neu denken und Pläne umschmieden. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Kaum eine Sparte der Hochkultur treffen die Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie so schwer wie die Oper. Ein großer Chor auf der Bühne, Bläser im Orchestergraben – in diesem Herbst unmöglich. Wie geht Oper 2020? Mit Kompromissen und Mut zum Experiment, sagt Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt und Vorsitzender der Deutschsprachigen Opernkonferenz, der die 13 größten Opernhäuser Deutschlands, Österreichs und der Schweiz angehören.

„Ich will nicht sagen, die Lage ist desolat“, sagt Loebe, „aber man ist verängstigt, dass das ein Dauerzustand werden könnte.“ Die Intendanten erwarteten mehrheitlich von der Politik „mehr Risikobereitschaft“ bei der Genehmigung von Kulturveranstaltungen. „Die Oper ist der sicherste Ort, an dem man sich garantiert nicht ansteckt“, sagt Loebe. „Wenn alle, die im Sommer in Risikogebiete gefahren sind oder am Mainufer gefeiert haben, in die Oper gegangen wären, hätten wir jetzt geringere Fallzahlen.“

Landauf, landab ringen Opernhäuser mit ständig wechselnden Auflagen und Beschränkungen. Das Publikum muss zumindest beim Kommen und Gehen Masken tragen, es gibt keine Gastronomie und keine Pausen. Aber der Hunger nach Kultur ist groß, Karten sind schnell vergriffen. So wurden in Frankfurt bei den ersten zaghaften Veranstaltungen nach der Zwangsschließung um 10 Uhr 100 Plätze freigeschaltet – um 10.05 Uhr waren sie weg.

Opulente Stücke mit riesiger Besetzung haben keine Chance mit den geltenden Abstandsregeln im Orchester. Stattdessen stehen jetzt Werke auf dem Spielplan, die mit weniger Musikern auskommen. Wissenschaftler messen den Aerosol-Ausstoß aus Blasinstrumenten und den Atem vom Sängern, aber die Ergebnisse sind Loebe zufolge nicht eindeutig, die Empfehlungen ändern sich täglich.

„Wir hoffen, dass wir einen Großteil unseres Repertoires unter diesen Bedingungen hinkriegen“, sagt Loebe, „aber wir müssen Kompromisse eingehen.“ Zum Beispiel könnte ein Teil des Orchesters auf der Bühne sitzen. Wenn der Chor Masken trägt, sind eventuell ein paar Sänger mehr erlaubt. „Der Sicherheitsbeauftragte ist momentan wichtiger als der Intendant. Eigentlich sollte ich in Urlaub fahren“, scherzt Loebe.

In Münster hat man vor Wochen schon entschieden, die erste Oper der neuen Saison, Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“, nur konzertant und dabei auch noch in coronatauglicher Länge zu geben. Dem ersten und zweiten Akt der Premiere am 25. September folgen der dritte und vierte Akt zwei Tage später, am 27. September.

Damit groß besetzte Stücke nicht dauerhaft vom Theater-Spielplan verschwinden, denken die Opernhäuser darüber nach, Arrangements für kleinere Besetzungen in Auftrag zu geben oder lange Opern einfach aktweise zu kürzen. Die Pause ausfallen zu lassen, ist unschön fürs Publikum, aber für die Sänger unmöglich. „Damit bringen wir jeden Tenor der Welt um“, sagt Loebe. Klar ist, dass Barock eher coronakonform ist als zum Beispiel Richard Wagner. „Niemand denkt aktuell an ,Parsifal’“, sagt Loebe.

Normalerweise planen Opern den Spielplan lange voraus, Verträge mit Regisseuren und Sängern haben Jahre Vorlauf – nun heißt es von heute auf morgen: Giovanni Battista Pergolesi statt Jacques Offenbach. Mehr Sicherheit gibt es nicht in dieser Zeit, als dass Produktionsteam und Produktionszeitraum gleich bleiben. Gemacht werden muss dann eben Barock statt Operette. Für die Freiberufler ist das trotzdem ein Segen – viele hatten seit März nichts zu tun.

Bei all diesen Erwägungen sind finanzielle Aspekte erstmal außen vor. Aber jeder Platz, der leer bleibt, vergrößert das Loch in den kommunalen Finanzen. Oper ist nie kostendeckend, aber die Frage ist, wie viel der Steuerzahler pro Ticket drauflegen muss. Bisher gebe es zumindest in Frankfurt keine Signale, dass das Haus die ausgefallenen Einnahmen einsparen muss, sagt Loebe. Wenn der Corona-Ausnahmezustand ein Dauerzustand wird, kann sich das ändern.

Kleiner Trost: Immerhin geht jetzt in den Theatern und Häusern schon wieder mehr, als man vielleicht im Frühjahr gehofft hatte. Und die Festspiele in Salzburg haben eindrucksvoll bewiesen, dass man – bei entsprechender Masken- und Distanz-Disziplin – einen Festsaal für die Oper wenigstens halb füllen kann.

Allerdings wurden dort alle Akteure auf der Bühne auch permanent getestet und für die Zeit der Festspiele in ihren sozialen Kontakten stark eingeschränkt. So etwas kann man nur für wenige Festspielwochen durchhalten.

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