Hans Henning Paars Stück „Dis-Tanz“ wurde im Großen Haus mit Jubel aufgenommen
Packende Chiffren aus der Corona-Zeit

Münster -

Ängste, Bedrohung, Ausnahmesituation: Mit all dem leben die Menschen zur Corona-Zeit rund um den Globus. Hans Henning Paar, Chef des münsterschen Tanztheaters, hat mit seiner Compagnie aus der Not eine Tugend gemacht. Sein Stück „Dis-Tanz“ findet eindrucksvolle Bilder und Chiffren und löst nach 60 eindringlichen Minuten im Großen Haus Jubelstürme aus.

Sonntag, 13.09.2020, 15:22 Uhr aktualisiert: 13.09.2020, 17:04 Uhr

So brandaktuell und spannend kann Tanztheater sein! Münsters Compagnie leuchtet in der neuen Inszenierung von Tanztheater-Chef Hans Henning Paar die Corona-Krise aus. Das sind 60 Minuten zwischen Nähe und „Dis-Tanz“, Wirbel und Meditation, in denen das begeisterte und am Ende über fünf Minuten stehend applaudierende Publikum vieles wiederentdeckt und zugleich über choreografische Chiffren nachsinnen darf.

Paar setzt einen kontrastreichen Rahmen für seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Die gehen zunächst gemäßigten Schrittes über die Bühne – in notwendigem Abstand natürlich. Dazwischen wälzt sich und wuselt ein Mitglied der Compagnie in weißem Ganzkörperanzug wie eine gefährliche Spinne oder Krake. Das muss das Virus sein, das sich langsam und listig der Menschen bemächtigt. Am Ende der 60 Minuten setzen die Tänzerinnen und Tänzer wie der Duracell-Hase aus der bekannten Werbung zum Dauertrommelwirbel an. Nichts gelernt aus der Krise? Zurück in die alten Gleise aus Hektik und Betriebsamkeit? Darüber lohnt es sich nachzudenken.

Dazwischen sind zehn bis 15 fein durchdachte Szenen zu erleben – inklusive einer originellen „Armverlängerung“ für den passenden Abstand. Eines der berührendsten Bilder tanzen Keelan Whitmore und Maria Bayarri Pérez. Sie ist unter transparenter Folie verborgen und gefangen, er nähert sich kreisend und behutsam, hebt sie schließlich empor aus der aufgezwungenen Isolation und Erdenschwere.

Mit Licht schafft Hans Henning Paar zusätzliche Reize und Stimmungen. Er lässt ein Karree ausleuchten, in dem eine Tänzerin gefangen ist und in verzweifelte Ausbruchsbewegungen verfällt: Quarantäne. Gleißendes Licht und Tänzer in Folie, die langsam wie im Meer schwebende Quallen durch den Raum gleiten, evozieren ein Bild, das an Krankenhaus und Intensivstation denken lässt. Schließlich teilt ein transparenter Vorhang im glitzernden Licht die Bühne und die Protagonisten voneinander. Verhinderte Begegnung in Zeiten der Pandemie.

Compagnie geht an die Grenzen

Die Compagnie geht körperlich an die Grenzen mit Sprüngen, Pirouetten, Verkrümmungen und Zuckungen, in denen letztlich auch Bedrohung, Angst und Tod sichtbar werden. Das alles in einer musikalisch unterlegten Bandbreite von bebenden Synthesizer-Beats bis hin zu meditativen Bach-Klaviersequenzen in der Bearbeitung von Ryuichi Sakamoto. Das alles löst nach 60 Minuten viel Jubel aus. Fünf oder sechs Vorhänge. Sehenswert!

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