Der erste Teil von Mozarts „Le nozze di Figaro“ in Münster
Den Kaiser hätt’s gefreut

Münster -

Eine große Mozart-Oper: Das ist in Corona-Zeiten schwierig. Münsters Theater macht daher zwei Abende aus einem Stück und präsentierte zunächst den ersten Teil des Figaro - halbszenisch und gekürzt.

Sonntag, 27.09.2020, 15:14 Uhr
Graf Almaviva (Filippo Bettoschi) ist in Münster fein säuberlich durch Scheiben von seiner Gattin (Kristi Anna Isene, M.) und besonder von der begehrten Zofe Susanne (Marielle Murphy) getrennt: Corona macht’s nötig.
Graf Almaviva (Filippo Bettoschi) ist in Münster fein säuberlich durch Scheiben von seiner Gattin (Kristi Anna Isene, M.) und besonder von der begehrten Zofe Susanne (Marielle Murphy) getrennt: Corona macht’s nötig. Foto: Oliver Berg

Einmal, gegen Ende des Stücks, hat der Kaiser gegähnt. So wurde Mozarts neue Oper zwar kein Reinfall, verschwand aber schon nach wenigen Aufführungen vom Spielplan in Wien. Der „Figaro“ ist aber auch lang – und die wunderbar erfundene Szene aus dem Spielfilm „Amadeus“ ist eine von mehreren Episoden, die den Rang des Werkes beleuchten. In Wirklichkeit gab es lediglich die kaiserliche Anordnung, keine Ensemblestücke für das begeisterte Publikum zu wiederholen, damit die Aufführungen nicht endlos lang werden.

Heute erzwingt Corona eine Kürzung des Werks. Das Theater Münster hat daher nicht nur aus den vier Akten zwei Abende gemacht, sondern auch noch beherzt gestrichen, so dass der erste Teil am Freitag inklusive Moderation kaum mehr als eine Stunde dauerte. Das hätte den Kaiser womöglich ebenso gefreut wie die üppigen „historischen“ Kostüme, die Almut Blanke den Sängern verpasste. Wenn Sie schon durch Scheiben voneinander getrennt sind und nicht wirklich interagieren können, sollen sie wenigstens prachtvoll aussehen, schien sich auch der für die szenische Einrichtung verantwortliche Ansgar Weigner gedacht zu haben.

Hinten auf der Bühne ließ Dirigent Golo Berg das Sinfonieorchester Münster in der Ouvertüre fabelhaft abschnurren – mit klein besetzten Streichern auf Vibrato-Sparflamme, agil plappernden Holzbläsern und scharfen Akzenten von Blech und Pauke. Nach einem solchen Einstieg würde man sich normalerweise auf einen schönen langen Abend freuen. Da der momentan nicht möglich ist, setzte das Theater auf eine Lösung, die etwas von einem „Figaro“-Wunschkonzert hatte: Im Rang gab Dramaturg Ronny Scholz mit sanfter Stimme und feinen Pointen den Moderator, der eine inhaltliche Orientierung für die verschlungene Intrigenhandlung lieferte – so weit das überhaupt möglich ist. Und auf der Bühne erklangen die populären Arien im italienischen Original sowie kleine Ensemblestücke.

Dabei blieben aber naturgemäß auch Wünsche offen. Eine andere grandios erdachte „Amadeus“-Szene zeigt, wie der stolze Mozart, seinem Kaiser vom 20-minütigen Finale des zweiten Akts vorschwärmt, über das später der legendäre Freiherr von Knigge schrieb, es verdiene „als das Meisterstück der ganzen Oper angesehn zu werden“. In Münster war dieses Finale gekürzt, so dass auch die ebenso kurze wie wunderbare Quartett-Episode von Graf, Gräfin, Susanna und Figaro entfiel.

Die finale Versammlung des fast kompletten Ensembles auf der Bühne indes war eine optische Augenweide und musikalisch eine runde Sache. Schon an diesem ersten Abend hatte man ohnehin den Eindruck einer glücklichen Konstellation: Die silberstimmige Susanne Marielle Murphys und der volle Sopran der Gräfin Kristi Anna Isene hoben sich ebenso vorteilhaft voneinander ab wie der vokal wuchtige Figaro Gregor Dalals vom vergleichsweise dezenten Grafen Filippo Bettoschi.

Publikumsliebling dieses ersten Teils war der Cherubino von Anna Alàs i Jové – nicht nur, weil die beiden Vorzeige-Arien hier vorkommen, sondern weil die Sängerin sie mit einer Eleganz und vokalen Rundung vortrug, die jeden Grafen eifersüchtig machen könnten. Ihr Part war zudem mit den effektvollsten Gesten, Grimassen und witzigen Text-Fähnchen angereichert: Das Theater Münster rettete in die konzertante Aufführung, die natürlich auch ohne Chor auskommen musste, so viel Szene wie möglich. Am Sonntagabend ging der „tolle Tag“, wie „Die Hochzeit des Figaro“ ja im Untertitel heißt, mit dem dritten und vierten Akt zu Ende (Besprechung folgt)

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