Neue Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum
Ekstase, Trauer, Liebe und Hass: „Die Kunst der großen Gefühle“ in Münster

Münster -

Neid und Wut, Liebe und Hass, Begehren und Eifersucht – starke Gefühle sind so alt wie die Menschheit selbst. In der Ausstellung „Passion Leidenschaft. Die Kunst der großen Gefühle“ schlägt das Westfälische Landesmuseum in Münster vom 9. Oktober bis zum 14. Februar 2021 in 200 Exponaten einen großen Bogen über 2000 Jahre und nimmt sich auch die Polit-Propaganda un­serer Tage vor. 

Mittwoch, 07.10.2020, 05:20 Uhr aktualisiert: 07.10.2020, 08:15 Uhr
Neue Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum : Ekstase, Trauer, Liebe und Hass: „Die Kunst der großen Gefühle“ in Münster
Am Eingang der Schau weist eine Kopie der antiken Lao­koon-Gruppe den Besuchern den Weg. Foto: LWL

Der französische Maler Jean Boinard (1633-1711) war nicht nur Porträtmaler, sondern auch ein kluger Erfinder. Und so kam er Ende des 17. Jahrhunderts auf die Idee, ein doppelgesichtiges Porträt zu schaffen. Mittels einer Mechanik auf der Bildrückseite konnte er so auf einem Bild zwei Philosophen-Gesichter darstellen. Einmal den lächelnden Demokrit und einmal den mürrisch-dunkel blickenden Heraklit. Das Bild, dessen subtile Mechanik leider im Laufe der Zeit demoliert wurde, ist ein kleines Beispiel für die Lust der Künstler, in ihren Werken die Mimik des Menschen als Ausdruck ihrer Gefühle auszuloten.

Im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster führt die neue Ausstellungsreise unter dem Titel „Passion Leidenschaft“ natürlich deutlich tiefer als nur in den Bereich von Mimik oder gar Grimasse. Es geht um viel mehr: Lust, Begehren, Leidenschaft, Schmerz, Trauer, alles das wird hier in 200 Ausstellungsstücken mit einer zeitlichen Bandbreite von gut und gerne 2000 Jahren verhandelt.

Gefühle werden sichtbar

„Tiefe Gefühle sind zeitlos“, sprach Landesdirektor Matthias Löb am Dienstag die Universalität menschlicher Emotionen an. Das tat er vor einer Kopie der antiken Laokoon-Gruppe, die schon der Weimarer-Klassik-Theoretiker Johann Joachim Winckelmann mit den Worten „Edle Einfalt und stille Größe“ als Vorbild zeitloser antiker Kunst rühmte. Wie auf einem Präsentierteller hat Kuratorin Dr. Petra Marx, die schon vor vier Jahren erste Überlegungen für diese Schau anstellte, die wesentlichen Gefühle und Affekte im ersten Raum der Ausstellung zusammengefasst. Das Silberrelief einer Passionsdarstellung von Galeazzo Mondella (1467-1528) nimmt den antiken Laokoon in seinem Schmerzenskampf auf.

Alle menschlichen Affekte kommen im Einstiegsraum zum Tragen: der Schmerz, zum Beispiel sichtbar in Käthe Kollwitz’ „Frau mit totem Kind“ (1903), die Mutterliebe in einem Madonnenbild, auf dem Maria das Jesuskind liebkost und ihm ein paar rote Kirschen zeigt (Werkstatt des Quentin Massys, um 1520/25), dann wiederum das erotische Begehren wie in Camille Claudels Skulptur „La Valse“ (1891/1905). Am abgrundtiefen Ende der Emotionsskala sehen wir einen Stahlhelmkopf, den der von den Nationalsozialisten gerühmte Herbert Schnürpel nach 1918 schuf. Der Titel „Heiliger Hass“ nimmt in den stechenden Augen des Kriegers Gestalt an.

Wie universal sind Emotionen?

Es würde schon reichen, sich für einen ersten Besuch auf diese Bandbreite der Emotionen einzulassen, aber da kommen noch einige Kapitel und Räume. Im zweiten Kapitel der vielfältigen Schau geht es also zu den Wurzeln der menschlichen Kunst, in die Antike, und dann im Galopp durch die Jahrhunderte. Antike Komödienmasken im Trauergestus sind hier ebenso zu finden wie ekstatische Figuren auf griechischen Vasen. Hier finden wir als Beispiel der ständigen Beschäftigung der Kunst mit den Emotionen auch das eingangs erwähnte mechanische Doppelporträt von Jean Boinard, aber auch Studien des Evolutionsforschers Charles Darwin über den „Ausdruck der Gemüthsbewegungen“. Mit Fotos eines jungen Mädchens und eines alten Mannes wollte er die These belegen, dass Emotionen, hier in Bezug auf Lachen und Freude, bei Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts universal seien.

Aufs Höchste gesteigerte Emotion findet sich in Kapitel drei, das die gefährliche Balance von „Eros, Liebe und Lustmord“ anspricht. Noch ganz sittsam: Heinrich Aldegrevers „Lautenspieler und Geliebte“ (1537). Erschreckend schließlich die Radierung „Lustmord“ von Otto Dix (1922).

Ein erschöpfendes Kapitel für sich sind die Gefühlswelten in der Bildkultur des westlichen Christentums. Vom gerade im Spätmittelalter immer wieder dargestellten Passionsgeschehen geht es über Märtyrer-Szenen bis hin zu den blutigen Aktions-Spektakeln des Österreichers Hermann Nitsch.

Emotionen in der Politik: Hitler und Trump

In der Zeit von Corona-Angst und Hassrede ist der Weg zum fünften Kapitel nicht weit. Längst hat sich die Politik der großen Emotionen bemächtigt. Wahlplakate mit bedrohlichen Motiven, Hitler in dämonischer Pose auf Schwarzweiß-Bildern, auch Agitator Donald Trump taucht auf.

Bleibt zum Abschluss ein Blick auf die Gefühlswelten der Künstler mit Selbstporträts von Rembrandt bis Conrad Felixmüller. Und vor Bildschirm und Kamera darf der Gast dann auch noch mal in seine eigene Gesichtslandschaft gucken.

„Passion Leidenschaft. Die Kunst der großen Gefühle“. LWL-Landesmuseum für Kunst und Kultur, zu sehen vom 9. Oktober bis zum 14.Februar 2021. Eröffnungstag am Freitag, 9. Oktober, von 10 bis 24 Uhr bei freiem Eintritt. Eintrittspreis regulär 13/6,50 Euro. Digitorial und ausführlicher Katalog (29 Euro).

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