Ehepaar Nippoldt drehte „Schlöppmanns Hut“
Stummfilm pointiert Familien- und Künstler-Dasein in Corona-Zeiten

Münster -

Corona veränderte alles. Lockdown und Kontaktbeschränkungen lähmten auch den Kulturbetrieb. Trotz Lockerungen: Viele Künstler, die live auftreten, sind seit dem Frühjahr immer noch praktisch arbeitslos. Die Illustratorin Christine Nippoldt wollte dem nicht tatenlos zusehen. „Alle Aufträge brachen weg. Aber wir sind Kreative. Wir wollen und müssen uns ausdrücken.“

Mittwoch, 14.10.2020, 07:20 Uhr aktualisiert: 14.10.2020, 11:08 Uhr
Die Crew von „Schlöppmanns Hut“: Christine Nippoldt (mit Filmklappe und Flüstertüte auf dem Boden liegend) drehte mit Ehemann Robert Nippoldt (3. v. r.), den Töchtern Lydia (r.) und Johanna Nippoldt (2. v. r.), Pianist Philip Ritter (l.) sowie Luna Hendrikse (2. v. l.) und Yannis Achtsoglou (sitzend) im eigenen Garten in Mecklenbeck den Stummfilm „Schlöppmanns Hut“, der den Kampf mit Terminen, Kindern und Auftraggebern karikieren soll.
Die Crew von „Schlöppmanns Hut“: Christine Nippoldt (mit Filmklappe und Flüstertüte auf dem Boden liegend) drehte mit Ehemann Robert Nippoldt (3. v. r.), den Töchtern Lydia (r.) und Johanna Nippoldt (2. v. r.), Pianist Philip Ritter (l.) sowie Luna Hendrikse (2. v. l.) und Yannis Achtsoglou (sitzend) im eigenen Garten in Mecklenbeck den Stummfilm „Schlöppmanns Hut“, der den Kampf mit Terminen, Kindern und Auftraggebern karikieren soll. Foto: Peter Sauer

Corona veränderte alles. Lockdown und Kontaktbeschränkungen lähmten auch den Kulturbetrieb. Trotz Lockerungen: Viele Künstler, die live auftreten, sind seit dem Frühjahr immer noch praktisch arbeitslos. Die Illustratorin Christine Nippoldt wollte dem nicht tatenlos zusehen. „Alle Aufträge brachen weg. Aber wir sind Kreative. Wir wollen und müssen uns ausdrücken.“

Gesagt, getan. Mitten im Lockdown drehte die Münsteranerin einen No-Budget-Film, einen Stummfilm. Weil Corona die Kunst verstummen ließ. Aber auch, weil ohne Worte oft mehr gesagt werden kann als mit. Über Ostern 2020 drehte Christine Nippoldt nach eigenen Storyboards an nur drei Tagen den Kurzfilm „Schlöppmanns Hut“. Ganz Corona-konform im heimischen Garten in Mecklenbeck, mit Familie und Freunden aus der eigenen Künstler-WG.

Ehemann Robert Nippoldt (Grafiker und Illustrator von Prachtbänden) spielt mit tänzerisch anmutender Körpersprache und chaplineskem Mienenspiel einen Zeichner, der unverhofft den Auftrag bekommt, das Por­trät des reichen Herrn Schlöppmann zu zeichnen (piefig wie ein „Pfeffersack“ in den „Buddenbrocks“ mit verstärktem Kissen unterm Hemd: Yannis Achtsoglou).

Als Fechtkampf mit dem weißen Blatt Papier geht es Zeichner Robert Nippoldt an. Erst mit Bleistift-, dann mit flotten Pinselstrichen. In einem unbeobachteten Moment malen die beiden quirligen Kinder Lydia (6) und Johanna Nippoldt (10) jedoch das Porträt auf ihre Weise zu Ende. Au backe. Der Künstler greift noch behände zum Toilettenpapier, um zu korrigieren, doch Herr Schlöppmann geht entsetzt weg. Der Zeichner scheint seinen einzigen Auftrag in Corona-Zeiten zu verlieren, ja wenn da nicht Frau Schlöppmann wäre (weltoffene „neue Frau“ Weimarer Prägung: Luna Hendrikse). Sie hat den Weitblick und erkennt über Umwege den Dadaismus auf der vermeintlich verunglückten Zeichnung. „Herr Schlöppmann steht für die Wirtschaft im allgemeinen und Frau Schlöppmann symbolisiert den Corona-Rettungsfonds“ sagt Christine Nippoldt.

Ihr Stummfilm persifliert mit Situationskomik, Herzlichkeit und Liebe zum Detail pointiert das Familien- und Künstler-Dasein in Corona-Zeiten. Da wird intensiv gespielt, werden Augen ausdrucksstark hervorgehoben, da erscheinen Szenen wie bewegte gemalte Bilder. Schön in Schwarz-weiß mit Knistern, Flecken und Rissen, Texttafeln, 20er-Jahre-Kleidung und -Requisiten (vom Zylinder bis zum Kneifer) bis hin zum selbst gezeichneten Geld. Das „Trio Größenwahn“ spielt und pfeift den Titelsong, Philip Ritter begleitet die einzelnen Szenen mit schwungvollem Piano-Swing, der auch das Wort „Dadaismus“ kongenial musikalisch nachahmt.

Derzeit laufen die Bewerbungen für zwei Filmfestivals in Ingolstadt und Chicago. Bis dahin läuft der Sieben-Minüter „Schlöppmanns Hut“ bei youtube. Bleibt nur noch ein wichtiger Hinweis: „Bei diesem Film wurde kein Klopapier aus Corona-Hamsterkäufen eingesetzt.“

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