Die Performance „Seele essen Angst auf“ in Münster
Begegnung mit Kontrollverlusten

Münster -

„Angst essen Seele auf“ heißt ein berühmter Film von Rainer Werner Fassbinder. Eine facettenreiche Performance in Münster dreht den Titel ins Positive.

Sonntag, 18.10.2020, 17:44 Uhr
Geheimnisvolle Kästen im Wald (hier mit dem Schauspieler Christian Bo Salle) offenbaren allerlei Angstbekenntnisse.
Geheimnisvolle Kästen im Wald (hier mit dem Schauspieler Christian Bo Salle) offenbaren allerlei Angstbekenntnisse. Foto: Oliver Berg

„Sie gehört zu mir wie ein Fluchtweg ohne Tür.“ Der Fahrer hört Schlager mit morbiden Texten. Der Reiseleiter, der eben noch mit einem schrägen Ritual das Publikum vor dem Theater begrüßt und die Plätze im Bus angewiesen hat, erweist sich als nicht vertrauenswürdig: „Wir biegen jetzt links ab, direkt nach Coerde“, flötet er ins Mikro. Kaum gesagt, startet das Gefährt in die entgegengesetzte Richtung durch. Dieser vermeintliche Führer ist ein Entführer. Und er gibt vertrauten Landmarken und Gebäuden von Institutionen neue, trostlose Namen: „Schule der Überforderung“, „Haus der verschwitzten Termine“, „Brücke der Beziehungslosigkeit“.

Dieses Spiel mit Irritationen und Ungewissheit setzt den Auftaktakzent von „Seele essen Angst auf“, einer facettenreichen und bildmächtigen Koproduktion der Performance-Kollektive SKART und Mobile Albania, des Stadttheaters Gießen und des Theaters Münster. Hinter dem ins Positive gedrehten, sprichwörtlich gewordenen Titel eines Melodrams von Rainer Werner Fassbinder verbirgt sich eine interaktive Inszenierung der Sorgen und Ängste des Pu­blikums. Diese werden auf der Fahrt anonymisiert auf Zettel gebannt, zur späteren Interpretation durch Schauspieler.

Nach allerlei Wirrungen landet die Reisegesellschaft in einem Wald, von den fellbemützten Betreibern einer Schießbude begrüßt, bewacht von mysteriösen Figuren in überlebensgroßen Kostümen, Urviecher traditioneller Ängste: ein Laubwesen, ein Klotz aus Fell, ein schemenhafter Sensenmann. An zwei Stellen stehen je drei hölzerne Kästen. Hinter eingelassenen Sichtfenstern, die wie Monitore fungieren, schieben sich darin abwechselnd Köpfe von Darstellern zu maschinenartigen Geräuschen ins Bild. Mit starrem Ausdruck, suggestiv beleuchtet, ähneln sie Wachsfiguren, Puppen, Hologrammen. Weitere, in den kleineren Kuben verborgene Erzähler verspinnen die Angstbekenntnisse der Teilnehmer zu improvisierten Geschichten, mit großer Bandbreite an Genres und Tonlagen. Rührend klingen die Sehnsucht nach einem schönen Zuhause und die vorauseilende Verlustangst, grell die Überforderung im Job. Oft komödiantisch und persiflierend, aber auch mit Splatter-Elementen durchsetzt entstehen Skizzen unterschiedlicher Ängste vor Kontrollverlust: Je komplizierter das menschliche Leben zwischen Natur- und Technikwelten, desto vielfältiger die Sorgen, große, kleine, individuelle und kollektive. Angst, die Gesellschaft sei den Problemen von Umweltzerstörung und Fluchtbewegungen nicht gewachsen; Angst, bisherige Erfolge bei der Eindämmung der Corona-Pandemie würden leichtfertig verspielt. Laut grölt ein unbeeindrucktes Feierbiest durch den Wald.

„Seele essen Angst auf“ bietet, getreu dem Titel, auch eine kulinarische Begegnung mit den Sorgen: In der dritten Box sieht man Hände den jeweils geschilderten Grusel synchron als Kleinskulptur modellieren. Das Material ist Fondant, eine Zuckermasse. Am Schießstand, wo eine Angst nach Wahl mit einer Luftpistole aufs Korn genommen werden kann, gibt es auch die Chance, sich die Angst wörtlich einzuverleiben und zu verdauen – als skurriles Konfekt. Fresszellen, Marsch!

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