Nach Geiselnahme in JVA Münster
NRW-Landtag: Umgang mit auffälligen Gefangenen rückt in den Fokus

Münster/Düsseldorf -

Nach einer dreistündigen Geiselnahme im Gefängnis von Münster wird der Geiselnehmer von der Polizei erschossen. Nun hatte der Fall ein Nachspiel im Landtag.

Freitag, 23.10.2020, 11:06 Uhr aktualisiert: 23.10.2020, 19:48 Uhr
Obduktionsinstrumente und Zubehör liegen auf einem Tisch.
Ein Häftling ist bei einem Polizeieinsatz in der JVA Münster ums Leben gekommen, nachdem er vorher eine Person als Geisel genommen hatte. Auf dem Bild besprechen sich Mitarbeiter der Spurensicherung. Foto: Bernd Thissen

Der Tonfall war trotzig und kiebig: „Sie haben aus meiner Sicht alle Informationen, die sie haben wollen.“ Denen habe er nichts hinzuzufügen, gab sich Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Freitag in der Sondersitzung des Rechtsausschusses kurzangebunden. Zu der Geiselnahme eine Woche zuvor im Gefängnis in Münster, bei der Spezialeinsatzkräfte der Polizei einen Häftling erschossen und so eine angehende Vollzugsbeamtin aus seiner Gewalt befreiten, hatte die SPD dringenden Informationsbedarf im Landtag angemeldet.

Vorwürfe und Fragen

Weil sie schon zwei Stunden nach dem Einsatz dem Minister öffentlich vorgeworfen hatte, er ducke sich weg, reagierte der sichtlich sauer. Das werde weder dem 29-jährigen Opfer der Geiselnahme noch dessen Kollegen gerecht. Ob die SPD künftig live informiert werden wolle, stichelte er zurück. Eile sei kein Ratgeber, um den Fall aufzuarbeiten. 

„Wie sie mit den Rechten des Parlaments umgehen, ist eine Unverschämtheit“, gab der SPD-Innenpolitiker Hartmut Ganzke zurück. Und seine Grünen-Kollegin Verena Schäffer wies die polemische Reaktion des Ministers zurück.

Der Einsatz in der Justizvollzugsanstalt sei schulbuchmäßig verlaufen, betonte Biesenbach. „Die Lage wurde nach allem, was ich heute weiß, ausgesprochen gut bewältigt.“ Nach seinem schriftlichen Bericht nutzte der Geiselnehmer den Wäschetausch, um zwei Vollzugsbeamte wegzustoßen und die 29-jährige Auszubildende mit einem Griff in die Haare in seine Gewalt zu bringen. Das Opfer wirke jetzt „sehr stabil“, habe weiterarbeiten wollen, berichtete der Minister aus einem Gespräch. „Der Vorfall hat die Mitarbeiter zusammengeschweißt.“

Hinweise auf psychische Erkrankung

Der 40-jährige Geiselnehmer war demnach als aggressiv und übergriffig bekannt, galt als geistig verwirrt. „Ja, er war psychisch krank“, bestätigte Biesenbach am Rande des Ausschusses. Ein Psychiater habe aber keine akute Erkrankung diagnostiziert. Von einer solchen Tat sei nicht auszugehen gewesen. 

Polizei beendet Geiselnahme im Gefängnis

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  • Am Freitagmorgen ist es in der Gartenstraße zu einem Großeinsatz der Polizei gekommen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • In der Justizvollzugsanstalt hat es eine Geiselnahme gegeben.

    Foto: Stefan Werding
  • Die Polizei befreite die Geisel, dabei kam es auch zum Schusswaffeneinsatz. 

    Foto: Stefan Werding
  • Der Geiselnehmer kam bei dem Einsatz ums Leben, die Geisel blieb unverletzt.

    Foto: Stefan Werding
  • Die Gartenstraße wurde weiträumig abgesperrt, vom Bohlweg bis zum Ring.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Auch von der Promenade aus gab es am Freitagmorgen kein Durchkommen mehr zur Gartenstraße.

    Foto: Stefan Werding
  • Gegen 9.30 Uhr meldete die Polizei, dass die Lage vor Ort beendet ist.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Einsatzkräfte unterhalten sich nach der beendeten Geiselnahme.

    Foto: dpa
  • Einsatzkräfte unterhalten sich nach der beendeten Geiselnahme.

    Foto: dpa
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke
  • Foto: Matthias Ahlke

Bei allem Zwist wollen der Minister und die Fraktionen – als Konsequenz aus dem Fall des in der JVA Kleve nach einem Zellenbrand gestorbenen Syrers Amad A. – grundsätzlich mehr Betreuungsplätze und -angebote für psychisch kranke Häftlinge schaffen. Der Landtag will im November dafür den Weg ebnen. Biesenbach sagte: „Wir haben immer mehr verhaltensauffällige oder psychisch kranke Gefangene.“ Manche brächten sich durch Drogensucht in einen solchen Zustand. „Dort drohen Gefahren, die müssen wir möglichst schnell lösen.“ Das wolle er mit allen Fraktionen angehen, es gebe aber keine raschen Erfolge.

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