Die aktuelle Debatte um den Pianisten Igor Levit
Von Beethoven, Liszt und Twitter

Münster -

Igor Levit wird verehrt. Für sein Klavierspiel, für sein Engagement, für seine Internet-Kommentare. Manche aber reagieren gereizt auf ihn, ein Kritiker in München teilte kräftig aus und erntete seinerseits heftige Kritik.

Freitag, 23.10.2020, 17:20 Uhr aktualisiert: 30.10.2020, 11:46 Uhr
Igor Levit
Igor Levit Foto: Robbie-Lawrence

„Verwirrung der Kategorien“, hieß es am Ende eines Kommentars, der die Auseinandersetzung eines Münchner Musikkritikers mit dem Pianisten Igor Levit und dessen Twitter-Beiträgen thematisierte. Der Kritiker Helmut Mauró hatte in der Süddeutschen vom Leder gezogen und behauptet, Levit spiele nicht in der Liga eines Starpianisten wie Daniil Trifonov. Eigentliche Stoßrichtung des Textes aber waren wohl Levits öffentliche Äußerungen – von seiner Verachtung der AfD-Politiker bis hin zu seinem Twitter-Kommentar nach einem antisemitischen Anschlag, er sei „so müde . . . und wütend“. Die Reaktionen fielen so heftig aus, dass sich die Chefredaktion zu einer Entschuldigung an Levit entschloss, die unter zahlreichen Leserbriefen abgedruckt war. Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, analysierte dann klug, wie durch scheinbar harmlose Formulierungen antisemitische Klischees beim Leser aktiviert werden können, und sprach dem jüdischen Pianisten Igor Levit, der selbst schon rechtsradikalen Morddrohungen ausgesetzt war, ihr Mitgefühl zu.

Offenbar war der Münchner Kritiker aber nicht der Erste, der sich an Levits öffentlichen Aktivitäten rieb. So sollen manche Musiker naserümpfend gestaunt haben, dass Igor Levit für seine coronabedingten Online-Privatkonzerte, die die Kunst gratis unters Volk brachten und so möglicherweise einer in Not geratenen Branche eher schaden als nutzen, vom Bundespräsidenten ausgezeichnet wurde. Dass er in Interviews und Online-Beiträgen nicht nur gegen rechte Politiker austeilen kann und auch wohlmeinenden Gesprächspartnern gegenüber schon mal selbstgerecht wirkt, blieb nicht unbemerkt.

Und natürlich kann man über seine pianistischen Interpretationen streiten: Nach einem Levit-Konzert in Münster bekannte ein angesehener hiesiger Musiker offen, bei Levits Beethoven-Spiel „nicht mitgehen“ zu können. Manche Musikkritiker finden, der Pianist riskiere künstlerisch zu wenig, halte sich in seiner Beethoven-Gesamtaufnahme zu sehr ans rein mechanische Gelingen. All das anzuführen ist vollkommen legitim, während der Münchner Vorwurf, er verfüge „gar nicht“ über ein „perfektes Legato“, doch eher seltsam anmutet. Die Frage nach der „Pose“ am Piano und die Formulierung vom „Zeigen“ von Gefühl könnte tatsächlich, siehe Carolin Emcke, an antisemitische Muster rühren, wie sie etwa Wagner gegen Mendelssohn richtete: Alles sei Pose, nichts wirklich gefühlt. Hier ist tatsächlich eine „Verwirrung der Kategorien“ zwischen Musikkritik und persönlichem Streit zu erkennen – mindestens. Womöglich hatten Levits Kommentare über jenen Kritiker, der seine Kunst ablehnt, zu dieser überzogenen Retourkutsche geführt. „Toxische Verquickung“ nennt es die „Zeit“ und gesteht zwar zu, dass „Levits virtuelle Dauerpräsenz nervt“, dass in der jetzigen Debatte allerdings grobe Keile auf grobe Klötze gehauen werden. Beiträge von Künstlern zu aktuellen Entwicklungen sind ja trotzdem ein wichtiges, diskussionswürdiges Thema.

Vielleicht sollte man sich zum geistigen Erfrischen Schumanns „Geistervariationen“ (mit schönem Legato) oder Bu­sonis „Ad nos, ad salutarem undam“ (mit virtuoser Wucht) aus Levits ­„Life“-Album anhören: Das fegt manch vorschnelles Urteil hinweg. Oder man greift zu den Liszt-Aufnahmen von Daniil Trifonov. Gewiss sind die grandios. Aber dass Musiker nicht in einer „Liga“ spielen, sollte seit den Tagen des kleinen Beethoven-Bewunderers Schroeder von den „Peanuts“ bekannt sein: „Es gibt keine Weltmeisterschaft der Pianisten!“

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