Wolfgang-Borchert-Theater zeigt „Gott“ von Ferdinand von Schirach
An der Grenze der Selbstbestimmung

Münster -

An den Grenzen schärfen sich die Werte, bilden sich Haltungen. Und die absolute Grenze für irdisches Leben ist der Tod. An diese Grenze führt Ferdinand von Schirach die Zuschauer in seinem Schauspiel „Gott“ – laut Bibel Herr über Leben und Tod (1. Buch Samuel Kapitel 2, Vers 6). Das Wolfgang-Borchert-Theater präsentiert den Zuschauern das höchst aktuelle Stück ab Donnerstag auf der Bühne.

Mittwoch, 28.10.2020, 17:12 Uhr aktualisiert: 29.10.2020, 17:35 Uhr
Bilden im Stück „Gott“ einen Ethikrat, der die Frage der Beihilfe zur Selbsttötung erörtern muss (v.l.): Jürgen Lorenzen, Florian Bender und Markus Hennes sowie Johannes Langer, Marion Mainka und Andreas Weißert.
Bilden im Stück „Gott“ einen Ethikrat, der die Frage der Beihilfe zur Selbsttötung erörtern muss (v.l.): Jürgen Lorenzen, Florian Bender und Markus Hennes sowie Johannes Langer, Marion Mainka und Andreas Weißert. Foto: Tanja Weidner

An den Grenzen schärfen sich die Werte, bilden sich Haltungen. Und die absolute Grenze für irdisches Leben ist der Tod. An diese Grenze führt Ferdinand von Schirach die Zuschauer in seinem Schauspiel „Gott“ – laut Bibel Herr über Leben und Tod (1. Buch Samuel Kapitel 2, Vers 6). Das Wolfgang-Borchert-Theater präsentiert den Zuschauern das höchst aktuelle Stück ab Donnerstag auf der Bühne.

Der Fall: Richard Gärtner verspürt nach dem Tod seiner Ehefrau nur noch einen Wunsch – er möchte selbstbestimmt sterben. Da er zwar alt, jedoch körperlich wie auch geistig vollkommen gesund ist, hat er zu diesem Zwecke die Verabreichung eines tödlichen Medikamentes beantragt. Ein Ethikrat soll nun darüber beraten, ob Gärtner bei seinem Vorhaben geholfen werden darf. Die Zuschauer verfolgen die Debatte der Mediziner, Ethiker, Theologen und Politiker auf der Bühne und sind am Ende gehalten, darüber abzustimmen: Soll dieser Mensch das Mittel bekommen oder soll er es nicht bekommen?

Die Diskussion auf der Bühne werde „teilweise auch sehr emotional geführt“, erzählt Meinhard Zanger, der das Stück inszeniert. Die Debatte über die Selbstbestimmung des Menschen über sein Leben wurde auch in der Antike kontrovers diskutiert. Die moderne Medizin hat diese ethisch-philosophische Spezialfrage zu einer allgemeinen Fragestellung werden lassen. Die Menschen leben in Friedenszeiten, gesünder, werden älter – gebrechlicher.

Der Suizid ist in Deutschland als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts schon lange straffrei. Vor fünf Jahren verbot der Bundestag aber die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung. Anfang 2020 hat das Bundesverfassungsgericht diese Bestimmung wegen des Verstoßes gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht für verfassungswidrig erklärt. In seinem Urteil vom 26. Februar beschloss das höchste deutsche Gericht, dass „die Freiheit sich das Leben zu nehmen, ... auch die Freiheit umfasst, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen“. Die Frage liegt also wieder auf dem gesellschaftspolitischen Tisch. Die Bundesregierung muss bis zum 26. Februar 2021 ein Gesetz verabschieden. Die Zuschauer des Stücks „Gott“ dürfen ab Donnerstag nach jeder Vorstellung darüber abstimmen: Wer darf darüber entscheiden, wie wir zu sterben haben?

Die ersten sieben Vorstellungen sind ausverkauft, müssen aber wegen der Pandemie nun doppelt gespielt werden. Das Theater wird sich wegen der Neuplatzierung bei den Zuschauern melden, die sowohl Tickets für „Gott“ als auch für andere Vorstellungen erworben haben. Der weitere Vorverkauf ist in dieser Woche ausgesetzt, um die aufwendige Umstellung im Theatersaal konfigurieren zu können. Infos:  400 19.

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