(Mit Video) Strafbarkeit gefordert
Catcalling: Münsteranerinnen kreiden verbale sexuelle Belästigung an

Münster -

Verbale sexuelle Belästigung war lange Zeit kein Thema, dem viel Beachtung geschenkt wurde. Doch seit einiger Zeit gibt es eine Bewegung, die das sogenannte „Catcalling“ an den Pranger stellt. Oder besser gesagt: es ankreidet. Und das jetzt auch in Münster.

Freitag, 30.10.2020, 16:30 Uhr aktualisiert: 30.10.2020, 17:58 Uhr
(Mit Video) Strafbarkeit gefordert: Catcalling: Münsteranerinnen kreiden verbale sexuelle Belästigung an
Ein Catcall wird angekreidet: es soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass verbale sexuelle Belästigung - leider - allgegenwärtig ist. Foto: dpa

„Oho, geiler Arsch. Aber die Brille müsstest du für mich noch abnehmen“, ist ein typisches Beispiel für einen sogenannten „Catcall“. Ein noch eher harmloses Beispiel für verbale sexuelle Belästigung. „Und so etwas sind auch keine missglückten Komplimente oder Flirtversuche mehr“, sagt die 23-jährige Kristina. Die Studentin aus Münster hat so etwas selbst erfahren – bereits mehrmals, wie sie betont.

So auch Anfang September, als ihr mal wieder auf anzügliche Weise hinterhergepfiffen wurde. „Man fühlt so eine Machtlosigkeit und Wut in diesem Moment.“ Dem wollte sie entgegenwirken, etwas unternehmen. Gemeinsam mit ihren drei Freundinnen Julia, Teresa und Johanna, die ebenfalls alle schon negative Erfahrungen mit dem Thema gemacht haben, gründete sie Anfang September kurzerhand die Instagram-Seite „catcallsofmuenster“ – einen Ableger der Anti-Catcall-Bewegung, die erstmals 2017 in New York auftrat. Dort tragen die vier Studentinnen Vorkommnisse rund um verbale sexuelle Belästigung zusammen und kreiden sie an.

Mit Kreide auf Münsters Straßen unterwegs

Belästigte Personen – die Opfer von Catcalling in Münster geworden sind, können sich per Mail oder Instagram-Nachricht an „catcallsofmuenster“ wenden. Die vier Studentinnen besuchen dann die Orte des Geschehens und schreiben den Catcall, die sexuelle Belästigung, mit Straßenmalkreide auf die Straße oder den Gehweg. Das dies nicht unbedacht passiert, ist ihnen besonders wichtig. Als unsere Zeitung Mitte September anfragt, ob man die vier Studentinnen mal beim „Ankreiden“ begleiten könne, hieß es, man sei noch in der Aufbauphase.

Diese ist nun abgeschlossen. Die vier jungen Frauen betreiben ihre Seite ziemlich professionell, investieren viel Zeit in dieses Projekt, dieses Ehrenamt, wie sie es selbst nennen. Jeder gemeldete Catcall wird in eine Tabelle eingetragen, jede Nachricht sorgfältig gelesen und beantwortet. Für Instagram werden die verbalen sexuellen Belästigungen sogar ins Englische übersetzt. Und auch beim Ankreiden an sich, geben sie sich alle Mühe.

Jeder Catcall wird gewissenhaft, am Ort des Geschehens, mit Kreide auf der Straße, dem Platz oder dem Fußweg aufgeschrieben. Mit den Fingern wird noch einmal drüber gestrichen, damit es nicht so schnell verwischt. Immer wieder müssen die Studentinnen diese Form des Ankreidens kurz unterbrechen. Leute auf dem Gehweg halten an und fragen, was sie da machen. Julia, Teresa, Johanna und Kristina nehmen sich die Zeit, den Menschen zu erklären, was sie vorhaben und wie sie es umsetzen.

Darum geht es eben: Aufmerksamkeit und Bewusstsein schaffen. „Bewusstsein dafür schaffen, was der Unterschied zwischen einem Catcall und einem Kompliment ist. Ein Kompliment sollte auch als solches bei der Person ankommen. Es sollte sie nicht objektifizieren, nicht sexualisieren und die Person nicht in eine unangenehme Situation bringen“, macht Kristina deutlich.

Studentinnen möchten anonym bleiben

Ganz sicher fühlen sich die vier Studentinnen auf der Straße aber nicht. Auch deshalb möchten sie lieber anonym bleiben. Beim Ankreiden gehen sie mit mehreren Personen los, weil es immer sein könne, dass sie blöd von der Seite angemacht werden. „Inzwischen haben wir auch rund 30 Unterstützerinnen und Unterstützer, die uns vier beim Ankreiden mal begleiten“, sagt die 22-jährige Teresa und ergänzt, dass im Café "Teilchen & Beschleuniger" Kreide-Spenden für das Projekt abgegeben werden können.

Die Unterstützung ist groß. Das wird auch auf Instagram deutlich. Schon nach wenigen Wochen hat „catcallsofmuenster“ über 2000 Follower. „Es kommen zudem viele positive und unterstützende Nachrichten rein“, berichten die vier Studentinnen, die inzwischen auch zwei bis drei Catcalls pro Tag gemeldet bekommen. Ein Beweis dafür, dass verbale sexuelle Belästigung allgegenwärtig sei – auch in Münster. In der ganzen Stadt würden diese Vorfälle passieren. „Besonders häufig in Bahnhofsnähe, an der Hammer Straße oder nachts auf der Jüdefelder Straße“, erzählt Kristina.

Catcalling: Verbale sexuelle Belästigung wird angekreidet

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  • Ein „Catcall“, eine verbale sexuelle Belästigung, wird an der Hammer Straße, am Ort des Geschehens, angekreidet.

    Foto: Jonas Wiening
  • Foto: Jonas Wiening
  • Mit ihrer Aktion wollen die vier Studentinnen Aufmerksamkeit für das Thema „Catcalling“. Sie fordern die Strafbarkeit von verbaler sexueller Belästigung in Deutschland.

    Foto: Catcallsofmuenster
  • Ein bis zwei Stunden Arbeit pro Tag stecken die vier Studentinnen in „catcallsofmuenster“.

    Foto: Jonas Wiening
  • In der ganzen Stadt werden die sexistischen Sprüche und Handlungen mit Straßenmalkreide auf Gehwegen oder Plätzen notiert.

    Foto: Catcallsofmuenster
  • Catcalls seien keine missglückten Komplimente oder Flirtversuche mehr, betonen Kristina, Johanna, Teresa und Julia.

    Foto: Catcallsofmuenster
  • Zwei bis drei Catcalls pro Tag werden den vier jungen Frauen inzwischen gemeldet.

    Foto: Catcallsofmuenster
  • Manche Catcalls sind so anzüglich und widerlich, dass es eine Triggerwarnung gibt.

    Foto: Catcallsofmuenster
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    Foto: Catcallsofmuenster
  • In Münster würde Catcalling überall, aber besonders oft am Bahnhof, passieren, sagen die „catcallsofmuenster“-Initiatorinnen.

    Foto: Catcallsofmuenster

Neben der Aufmerksamkeit und dem Bewusstseinschaffen für das Problem ist ihr Hauptanliegen darauf hinzuweisen, dass Catcalling künftig strafbar werden soll. Unterstützt wird eine Petition von Antonia Quell, die zum Beispiel Geldstrafen für die Täter oder Täterinnen, wie es in Frankreich der Fall ist, fordert. Diese Petition haben inzwischen schon weit über 60.000 Menschen in Deutschland unterschrieben.

„Viele Betroffene ärgern sich, dass sie sich nicht gewehrt haben, wenn sie Opfer von Catcalling geworden sind. Das ist aber falsch. Es ist nicht die Verantwortung der Person, die belästigt wird, sondern der Fehler liegt einzig beim Täter. Man sollte sich als Opfer nicht noch einen Vorwurf machen“, sagen die vier Studentinnen aus Münster und hoffen, dass sich bald etwas tut. Sie wollen keine Angst mehr auf der Straße haben und „sich nicht mehr eklig fühlen.“

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