Ale Bachlechner beim Förderverein Aktuelle Kunst
Wie viele bin ich – und wozu?

Münster -

Endstation Workshop – hier landet das Individuum, das Marktgesetze wie Wettbewerb und Konkurrenz geradezu körperlich verinnerlicht hat. Hier exponiert Ale Bachlechner sich selbdritt in in ihrem Video „Like You Really Mean It“ als „Trainingsanzug“ und „Nackter Affe“.

Donnerstag, 29.10.2020, 17:35 Uhr
Lebensfragen im Todestal bei Las Vegas: Ale Bachlechner zeigt sich selbdritt im Strudel von Anspruchs- und Leistungsdenken.
Lebensfragen im Todestal bei Las Vegas: Ale Bachlechner zeigt sich selbdritt im Strudel von Anspruchs- und Leistungsdenken. Foto: G. H. Kock

Endstation Workshop – hier landet das Individuum, das Marktgesetze wie Wettbewerb und Konkurrenz geradezu körperlich verinnerlicht hat. Hier exponiert Ale Bachlechner sich selbdritt in in ihrem Video „Like You Really Mean It“.

Zu sehen sind drei Typen (verkörpert durch die Künstlerin): die Workshopleiterin, den „Trainingsanzug“ und den „Nackten Affen“. Die Bezeichnungen geben dem Charakter jeweils eine Richtung. Der Name „Trainingsanzug“ erinnert an das zynische Bonmot des Monsieur Selbstvermarktung Karl Lagerfeld: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Diese Workshopteilnehmerin trägt eine Hunde-Kette um den Hals, wirkt fahrig auf ihrem hippen Drehstuhl, fixiert ihre Hände in den Hosentaschen. Ihr animalischer Counterpart exponiert ostentativ seine Souveränität bis hin zur Nacktheit, Unverletzlichkeit und verbirgt ihr Antlitz hinter einer Affen-Maske. Die Moderatorin gibt scheinbar ihr Bestes, ist aber ebenfalls von einer unangenehmen Atmosphäre synthetischen Interesses erfasst – als seien die Persönlichkeitsanteile nicht authentisch aneinander interessiert. Überhaupt ist die Ästhetik unangenehm künstlich, fast unmenschlich virtuell.

Die drei sprechen ausschließlich Zitate von Selbstdarsteller-Profis wie Oprah Winfrey oder Sebastian Kurz sowie Sätze von Kulturwissenschaftlern und Kapitalismuskritikerkritikern wie Mark Fisher, der konstatierte, dass der Sieg des Kapitalismus derart total sei, dass man sich eine Alternative nicht mal mehr vorstellen könne. Der Geist von Erfolg und Perfektion durchwirkt die drei Drittel Bachlechner. Um Ratschläge bemüht, bleiben sie aber unpersönlich, geben weiter, was sie von René, Sebastian, Vika oder Clemens gehört haben. Mit angenommenen Autoritäten auf Du und Du.

Die lebendigen Wesen wirken in diesem „Death Valley“-Hintergrund eigentümlich fremd; in ihrer virtuellen Umgebung manifestieren sich wie durchlaufende Emoticon-GIFs in Live-Chats Symbole ihrer Themen: eine Katze, die Löwe sein will, ein Mops, der auf ein Smartphone starrt, rotierende und explodierende Autos sowie Erdlöcher – es ist zum In-den-Boden-versinken. Irgendwann wird lange applaudiert. Ob einander oder sich selbst? Belanglos. Ein getarnter Horror-Trip.

Je öfter man sich die 13 Minuten mit einem Sound, der an David Lynchs „Twin Peaks“ erinnert, ansieht, desto mehr stellt sich die Erkenntnis ein, dass es mit Parolen wie „Sei einfach nur du selbst“ nicht einfach ist. Ein kurzes Video von erkenntnisleitender Tiefe. Um es analog zu einem Fernseh-Philosophen zu sagen: Wie viele bin ich und wenn ja, wozu?

Beim Besuch der Ausstellung „Like You Really Mean It“ gilt Maskenpflicht. Bis zu acht Personen können die Ausstellung beim FAK, Fresnostraße 8, gleichzeitig betrachten. Termine auf Anfrage: fak.zwanzigzwanzig@gmail.com.

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