„Rosa“: Biografische Lesung zu Rosa Luxemburg im TPZ
Die Frau, die die Meisen liebte

Münster -

Sie peppt halbtote Hummeln und Schmetterlinge wieder auf und bekennt in einem Brief: „Mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den Genossen.“ Rosa Luxemburgs eher unbekannter Seite nahmen sich Gabriele Brüning und Manfred Kerklau in einer Lesung im Theaterpädagogischen Zentrum (TPZ) an.

Donnerstag, 29.10.2020, 18:03 Uhr aktualisiert: 29.10.2020, 18:14 Uhr
Von Blüten umgeben: Gabriele Brüning und Manfred Kerklau
Von Blüten umgeben: Gabriele Brüning und Manfred Kerklau Foto: wam

Sie peppt halbtote Hummeln und Schmetterlinge wieder auf und bekennt in einem Brief: „Mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den Genossen.“ Rosa Luxemburgs eher unbekannter Seite nahmen sich Gabriele Brüning und Manfred Kerklau in einer Lesung im Theaterpädagogischen Zentrum (TPZ) an.

Zu Rosa Luxemburgs Hinterlassenschaft zählen nicht nur ihr immenses und einflussreiches politisches Schrifttum, sondern auch zahlreiche, oft sehr persönliche Briefe. Und außerdem: ein umfangreiches Herbarium. Denn die sozialistische Ikone hatte eine Leidenschaft, die sie nie verließ. Ihr Jugendtraum war, Botanikerin zu werden. Kerklaus und Brünings Theaterprojekt „Rosa“, nun coronabedingt zunächst zu einer Lesung geschrumpft, setzt sich auf die Spuren dieser Passion. Umgeben von Faksimiles der von Luxemburg seit 1913 gesammelten und gepressten Pflanzen, liest Gabriele Brüning aus Briefen, die diese überwiegend in ihren fast dreieinhalb Jahre dauernden Inhaftierungen während des Ersten Weltkriegs verfasste. In einem oft geradezu beschwingten, immer aber auch zwischen Sehnsüchten, sprudelnden Emotionen und akribischen, nüchternen Beobachtungen oszillierenden Ton entfaltet sich eine fesselnde Studie über Rosa Luxemburgs Charakter und ihren Blick auf die Welt. „Feinsinnig“ wäre dabei maßlos untertrieben.

In der Haftanstalt Wronke kann sie sich im Garten betätigen und scheint hier echte Erfüllung zu finden. Ihrer Freundin Sophie „Sonja“ Liebknecht teilt sie ihre Freuden über ungewöhnlich enge Beziehungen zu Meisen mit: „Auf meinem Grabstein sollen nur zwei Worte stehen: Zwi – Zwi.“ Über das Gedeihen von Silberpappeln schwärmt sie: „Ich habe nie so etwas Schönes gesehen.“ Aus diesem idyllischen Kokon heraus, aus diesem Glücksempfinden, sorgt sie sich gleichwohl um den Zustand des ganzen Globus. „Wie kommt es, dass Menschen über andere Menschen entscheiden dürfen? Wozu ist das alles?“, fragt sie, eher rhetorisch. Denn die Schönheit und Mannigfaltigkeit der Welt offenbare sich nicht im „Wozu?“, sondern im genauen, „richtigen“ Zuschauen und Zuhören. Jeder Tag sei „wie eine Rose, die geschenkt wurde“, mahnt sie. Das, suggeriert „Rosa“ eindrucksvoll, mag auch ihr politisches Vermächtnis ganzheitlich zu weiten: Diese Erfahrung und die Möglichkeit von Glück gilt es zu teilen.

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