Das Borchert-Theater lässt in Schirachs „Gott“ über Sterbehilfe abstimmen
Schlagabtausch auf hohem Niveau

Münster -

Auf der Bühne tagt der Ethikrat, am Ende stimmt das Publikum ab: Ferdinand von Schirachs „Gott“ kam wenige Tage vor der neuerlichen Schließung der Theater in Münster heraus.

Freitag, 30.10.2020, 15:14 Uhr aktualisiert: 30.10.2020, 16:14 Uhr
Auf der Bühne des Wolfgang-Borchert-Theaters tagt der Ethikrat. Für den plädiert
Auf der Bühne des Wolfgang-Borchert-Theaters tagt der Ethikrat. Für den plädiert Foto: WBT

Richard Gärtner ist 78 Jahre alt. Geistig und körperlich ist er gesund. Trotzdem will er seinem Leben ein Ende setzen. Warum? Vor ein paar Jahren hat er seine Frau verloren und mit ihr jeden Sinn weiterzuleben. In Therapie war er schon, aber reden hilft ihm nicht und Medikamente will er nicht. Also bittet er seinen Arzt um Sterbehilfe, die ihm dieser auch gewähren würde. Ist das in Ordnung? Mit dieser Frage setzt sich Ferdinand von Schirach in seinem neuen Stück „Gott“ auseinander, das am Donnerstag im Borchert-Theater Premiere hatte.

Wie schon in „Terror“, wo es um den Abschuss eines entführten Flugzeugs ging, verhandelt der Autor auch hier eine verzwickte Frage und bringt dazu einen Ethikrat auf die Bühne, der das Problem aus juristischer, medizinischer, moralischer und religiöser Sicht diskutiert – geleitet von Rosana Cleve als Vorsitzende, die sich immer wieder erklärend an die Zuschauer wendet. Denn diese sollen – auch das eine Parallele zu „Terror“ – am Ende über den Fall abstimmen.

Meinhard Zanger inszeniert ebenso streng wie stringent. Angesprochen werden nicht die Sinne, sondern der Verstand. Abgesehen von Andreas Weißert, der als Richard Gärtner seinen Sterbewunsch mit einer gewissen Emotionalität darlegt, bemühen sich alle Beteiligten um Sachlichkeit. In beinahe uniformen dunklen Anzügen sitzen sie auf ihren Stühlen und legen ihre Sicht der Dinge dar – zuweilen scharf attackiert von Marion Mainka, die als Gärtners Anwältin jede argumentative Ungereimtheit aufzuspüren bemüht ist.

Johannes Langer liefert als Jurist den gesetzlichen Hintergrund, der mit der Unterscheidung von aktiver und passiver Sterbehilfe kompliziert genug ist. Ivana Langmajer wendet sich als Mitglied des Ethikrats dezidiert gegen Sterbehilfe, ebenso Florian Bender, der die Bundesärztekammer vertritt. Komplizierter wird es bei Markus Hennes, der als Gärtners Arzt zwar bereit ist, dessen Wunsch nach Sterbehilfe zu erfüllen, aber auch das moralische Dilemma erkennen lässt, in das er dabei gerät.

Einen ausführlichen Schlagabtausch mit der Anwältin liefert sich schließlich Jürgen Lorenzen in der Rolle des theologischen Sachverständigen. Als Bischof liegt für ihn die Souveränität über Leben und Tod nicht beim Menschen, sondern bei Gott. Echte Freiheit sei es, sich dem Willen Gottes zu fügen, argumentiert er. Das gelte aber nur unter der Voraussetzung, dass man genau diesen Glauben habe, kontert die Anwältin und scheint damit beim Premierenpublikum besser anzukommen. Denn dieses votiert am Ende mit großer Mehrheit für Sterbehilfe.

Das Stück wird zunächst bis zum Sonntag gespielt.

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