Fotoprojekt über Feuerwehr und Polizei
Die Menschen hinter den Uniformen

Münster -

Eine in Münster gegründete Initiative wirbt für mehr Respekt gegenüber Menschen in Uniform – auf ganz kreative Weise. Sie stellt die Menschen in den Uniformen persönlich vor. Resonanz erfolgt deutschlandweit.

Donnerstag, 05.11.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 05.11.2020, 14:06 Uhr
Gründer der Initiative für Respekt und Toleranz (v.l.): Dirk Reinhardt, Charlotte Beck, Andrea Wommelsdorf und Burkard Knöpker.
Gründer der Initiative für Respekt und Toleranz (v.l.): Dirk Reinhardt, Charlotte Beck, Andrea Wommelsdorf und Burkard Knöpker.

Alles fing mit einigen Videos an, die Andrea Wommelsdorf von den Ausschreitungen im Juli in Stuttgart sah. Junge und jugendliche Täter hatten seinerzeit die Polizei angriffen – manche Medien berichteten gar von Hinterhalten. „Ich war fassungslos“, erinnert sich die 55-jährige Münsteranerin. Sie thematisierte die Vorkommnisse im Bekanntenkreis und erhielt von einem Feuerwehrmann die Rückmeldung, dass es längst keine Seltenheit mehr sei, dass Menschen in Uniform beschimpft und angegangen würden. Die Polizei Münster etwa verzeichnete allein im vergangenen Jahr 67 tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte oder gleichstehende Personen.

Die Menschen hinter den Uniformen zeigen

„Das hat mich nicht losgelassen“, sagt Wommelsdorf rückblickend und fügt hinzu: „Ich wollte etwas dagegen tun.“ Gesagt, getan. Gemeinsam mit Charlotte Beck, Dirk Reinhardt und Burkard Knöpker gründete sie die „Initiative für Respekt und Toleranz“ , die in einem ersten Projekt Menschen in Uniform auf Fotos zeigt, und – noch viel wichtiger – in Interviews zu Wort kommen lässt, um den Menschen hinter der Uniform zu zeigen.

„Es hat mich richtig betroffen gemacht, zu erleben, wie dankbar die Menschen waren, dass ihnen endlich mal jemand zuhört“, sagt Andrea Wommelsdorf. Neben ihr sitzt Burkard Knöpker, der die Gespräche mit Polizisten und Feuerwehrleuten geführt hat – und immer noch führt, denn: „Wir haben noch eine Menge vor“, sagt Knöpker.

Jeder Einzelne, bei dem wir dadurch ein Umdenken erreichen, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Andrea Wommelsdorf

Dabei verschweigen die beiden auch nicht, dass ihnen von außen durchaus auch Zweifel entgegengebracht worden seien. Ob das denn irgendetwas bringe, habe sie oft gehört, verrät Wommelsdorf. Doch diese Zweifel teilt sie nicht. „Wir möchten die Menschen sensibilisieren“, sagt sie, und: „Jeder Einzelne, bei dem wir dadurch ein Umdenken erreichen, ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Denn Respekt, das jedenfalls ist der Eindruck der Initiatoren, sei keine Selbstverständlichkeit mehr. Immer häufiger werde ein Schuldiger für die eigene Unzufriedenheit gesucht. „Der Ton in der Gesellschaft wird rauer“, sagt Wommelsdorf. Woran das liege? „Ich weiß nicht, woher dieser Hass kommt“, sagt die selbstständige Einrichtungsberaterin nachdenklich.

Umso wichtiger sei es, sich immer bewusst zu machen, dass „Polizei und Feuerwehr für uns im Einsatz sind. Jeder könnte der nächste sein, der sie braucht“, stellt Wommelsdorf heraus.

Tiefes Misstrauen bei den Betroffenen

Burkard Knöpker räumt ein, dass es zunächst nicht immer einfach gewesen sei, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen. Zwar hätten die Gewerkschaft der Polizei und die Stadt Münster dankenswerterweise als Vermittler fungiert, dennoch sei im persönlichem Kontakt mit den Beamten zunächst auch Reserviertheit zu spüren gewesen. Tief sitze offenbar das Misstrauen, gerade ob der Anfeindungen in sozialen Medien. „Es war tatsächlich zunächst das Schwierigste, die Menschen locker zu kriegen“, sagt Knöpker. War das Eis erstmal gebrochen, sei vieles dann einfacher gefallen.

Aus den Gesprächen sind kurze, ganz persönliche Porträts entstanden – geblieben aber ist noch mehr: „Die Schilderungen dieser Menschen zu hören, verändert einen“, sagt Andrea Wommelsdorf. Sie denke da etwa an die Polizistin, die einen Erhängten gefunden habe, den die Frau danach noch tagelang bei sich im Wohnzimmer gesehen habe. Oder den Polizisten, der trotz der auf einer Demonstration davongetragenen Verletzung auch danach wieder bei Demonstrationen im Einsatz sei.

Große Interesse am Fotoprojekt

Offen ist bislang, wie das Projekt verwertet wird. Nach einer Berichterstattung im Spiegel aber sei das Interesse republikweit groß. Zahlreiche Institutionen, aber auch Privatleute hätten sich gemeldet und ihre Unterstützung bekundet. „Wir hätten nicht gedacht, dass das so durch die Decke geht“, sieht Andrea Wommelsdorf darin den Beleg dafür, dass das Thema einen Nerv getroffen habe. Eine Ausstellung soll es – vermutlich im kommenden Jahr – geben. Auch ein Buch wäre denkbar.

Doch wichtiger ist dem Initiatoren-Quartett die Sache an sich – und die bedeutet: Möglichst viele mit dem Thema zu erreichen. Texte und Fotos sind dafür die Hilfsmittel, vielleicht ist es aber dieser eine Satz von Burkard Knöpker, der mehr sagt, als 1000 Worte und Bilder: „Wir sind auf tolle Menschen getroffen.“

Die Menschen hinter den Uniformen

1/10
  • Michael Berger: Wenn ein aggressiver, alkoholisierter Mann mit dem Kopf eine Beule in den Rettungswagen schlägt, ist Michael Berger froh, dass er nicht selbst vor ihm steht. Obwohl es sich hierbei um einen Einzelfall handelt, stellt der Notfallsanitäter fest, dass tatsächlich Anerkennung, Wertschätzung und Respekt in der Gesellschaft, besonders gegenüber Uniformträgern, nachgelassen haben. Über die Gründe kann er nur spekulieren: Da mag die Erziehung Ursache sein oder die sozialen Medien, in denen häufig genug nur Ausschnitte der Realität dargestellt werden.
    Michael Berger erzählt, wie er mit Hilfe der Polizei einen Schwan einfing, dessen Flügel gebrochen war. „Auch wenn da nichts weiter passiert ist, haben bestimmt 10 Passanten ihr Handy herausgeholt und gefilmt.“ Wenigstens in diesem Fall konnte es glücklicherweise nicht zu einem Missverständnis kommen.
    Bei allem, was der 33-Jährige über seinen Beruf als Feuerwehrmann erzählt, merkt man, wie engagiert er seiner Tätigkeit nachgeht. So absolviert er zurzeit eine zusätzliche Ausbildung für das psychosoziale Unterstützungsteam. Natürlich ist da auch der Sport, mit dem er sich fit hält, im Dienst oder außerhalb mit dem Mountainbike. Längere Touren macht er mit seiner Lebensgefährtin im selbst umgebauten Bully, etwa nach Norwegen. Von den klaren Seen, aus denen man trinken kann, und der Natur im Allgemeinen schwärmt er besonders.
    Diese Liebe zur Natur ist vielleicht nicht geweckt, aber doch gestärkt worden durch ein halbes Jahr in Australien. Da war er unterwegs nach seiner ersten Ausbildung zum Elektriker, im „work & travel“, hat in seinem Beruf gearbeitet, auf dem Feld und im Straßenbau. Zugleich dürfte die Zeit prägend gewesen sein für seine weltoffene Art und seine Toleranz, gerade auch gegenüber Geflüchteten. Dass Michael Berger nebenbei noch Zeit findet, in einer Band E-Gitarre zu spielen und zu singen, ist beachtlich. „Einen Namen“, verrät uns der Notfallsanitäter, „hat die Band allerdings noch nicht“.

    Foto: Charlotte Beck
  • Sencan Derinalp: Beim Aufräumen des Kellers hat Sencan Derinalp einen Zettel wiedergefunden, auf den er als Kind genau diesen Satz geschrieben hat: „Ich möchte mal zur Kripo und den größten Fisch der Welt fangen.“ Die Weichen dafür sind nun gestellt. Der 25-jährige Deutschtürke befindet sich zurzeit in der Polizeiausbildung an der Fachhochschule.Falls er dann noch Zeit hat, fährt er zum Angeln nach Holland. „Am liebsten Raubfische, Hecht oder Zander“, sagt der charismatische junge Mann, der durch seine ruhige, gewinnende Art beeindruckt. Wenn er dann von seiner letzten Praktikumsphase bei der Autobahnpolizei erzählt, plastisch von Vollsperrung und Rettungshubschrauber, oder seinen Dolmetschertätigkeiten im Dienst, wird deutlich, welch ein Gewinn er für die Polizei ist.Dabei hat Sencan Derinalp etwas gebraucht. Denn der erste Einstellungstest war nicht erfolgreich. Ein zwischenzeitliches Studium in „creative technology“ hat er abgebrochen, weil es ihm zu technisch war, und schließlich absolvierte er zunächst eine Ausbildung als Industriekaufmann. Endlich aber klappte es dann doch. Natürlich waren seine Eltern stolz, als er in Köln mit einigen tausend anderen Polizeischülern vereidigt wurde.Wenn er dann davon erzählt, dass er sich in dem Beruf auch in 30, 40 oder 50 Jahren noch wohlfühlen will, passt das einfach. „Am liebsten im Wach- und Wechseldienst im Ruhrgebiet“, entgegnet er auf die Frage, wo er nach seiner Ausbildung am liebsten tätig sein wolle. Aber im Oktober beginnt sein mehrwöchiges Praktikum bei der Kripo. Und da kommt der alte Zettel aus dem Keller wieder ins Spiel.

    Foto: Charlotte Beck
  • Guido Blömker: Guido Blömker kennt sich aus mit den Sorgen seiner Kollegen, denn er ist nicht nur Wachabteilungsleiter und Zugführer, sondern auch „Koordinator der psychosozialen Unterstützungsteams“. Feuerwehrleute sind viel gewohnt und auf einiges vorbereitet, aber die Zeiten werden rauer. Respektlosigkeiten, die häufig in verbale oder körperliche Gewalt umschlagen, häufen sich. Alkoholisierte Personen sind der Klassiker. Daher wird der psychosoziale Dienst als Anlaufstelle immer öfter genutzt.So berichtet Guido Blömker von mehreren Kollegen, die für die Polizei eine Tür aufhebeln mussten und sich anschließend einer Pistolenmündung gegenübersahen. Zum Glück hatte die Schusswaffe eine Ladehemmung. So etwas hinterlässt Spuren, es „macht was mit dir“. Das steckt man nicht einfach weg. Der Graben zwischen Bürger und Staat wird größer, Feuerwehr und Sanitäter werden als verlängerter Arm der Politik wahrgenommen. „Dabei sind wir doch die Guten, die kommen, wenn andere gehen“, sagt Blömker.Seine Erfahrung und Geistesgegenwart stellt er auch während unseres Gesprächs unter Beweis. Selbst als eine Brandmeldeanlage ihn zwischenzeitlich zum Einsatz ruft, geht es im Anschluss gelassen weiter. Was ihm wichtig ist? „Respekt, Zusammenhalt und Rücksicht auf Schwächere.“ Aber da ist noch mehr: die Sorge um seine Kollegen, die Kameradschaft im Team und die Hoffnung, dass Motivation und Spaß erhalten bleiben.Dass Guido Blömker einst ein Physikstudium aufgenommen hat, mag man kaum glauben, doch die Anlage von Logik und Ruhe in der Beweisführung gibt ihm vielleicht auch das Fundament für einen Beruf, den er seit dem Zivildienst schätzen gelernt hat. Dabei führte der Weg des Hobby-Triathleten geografisch über Hannover, Emsdetten und Ibbenbüren schließlich nach Münster. „Es hat etwas gedauert“, sagt er mit einem Schmunzeln. Aber ist das Leben nicht voller Umwege?

    Foto: Charlotte Beck
  • Jürgen Tölle: Wenn Jürgen Tölle von Fotografie, Malerei und seinen eigenen Ausstellungen erzählt, die letzte zum Thema „Demokratie“, dann kann man sich kaum vorstellen, dass seine berufliche Tätigkeit so ganz anders ist. Die Zeiten, in denen er sich mit organisierter Kriminalität, Waffen- und Drogenhandel oder Massenschlägereien auseinandersetzen musste, sind zum Glück vorbei. Heute ist er zuständig für das Controlling bei der Polizei und schult Führungspersonal.„Ich sah als 19-Jähriger aus wie 15“, erzählt er von seinen Anfängen bei der Polizei und kann heute darüber lachen, wie es ihm damals schwergefallen sei, sich gegenüber den Luden in Köln durchzusetzen. Dabei wurden die Grundlagen für seine Berufswahl früh gelegt. Denn sein Vater war im Nachkriegsdeutschland selbst bei der Polizei, und der kleine Jürgen mopste ihm schon im Alter von 5 oder 6 Jahren Teile seiner Uniform und regelte damit selbst den Verkehr. Er fand es völlig unverständlich, weshalb man ihn nicht arbeiten ließ.Leider zeigte er dann als Schüler nicht unbedingt überragende Leistungen. Deshalb war die Bewerbung bei der Polizei auch erst beim zweiten Versuch erfolgreich. Damals war die Ausbildung noch ganz anders und er musste sich mühsam auf dem zweiten Bildungsweg weiterbilden. Das erklärt auch seine ganz eigene Sicht zum Thema Respekt, den man sich erarbeiten müsse. Heute ist bei Polizeischülern Abitur Standard. Früher war das anders: „Das Überleben, sich im Wolfsrudel durchzusetzen, habe ich auf der Hauptschule gelernt.“Viele Abiturienten müssten sich Respekt nicht verdienen, weil es in deren Kreisen normal sei. Folglich gebe es ein Problem, wenn sie auf Menschen mit anderem soziokulturellen Hintergrund stießen. Da mag die Ausbildung an ihre Grenzen stoßen. Denn natürlich lässt sich vieles argumentativ klären, aber eben nicht alles. Christlichkeit, Gerechtigkeit, die Fähigkeit, verzeihen zu können, und Fairness seien seine Grundmaximen, sagt Jürgen Tölle. Dabei weitet seine künstlerische Ader noch den Horizont und prädestiniert ihn für beratende Tätigkeiten.

    Foto: Charlotte Beck
  • Ernst Kröger: Dass er nur noch zwei Jahre bis zur Rente hat, sieht man Ernst Kröger nicht an. Es ist der Sport, mit dem er sich fit hält: schwimmen, rad- und skifahren, wandern, Tennis im Verein. Zum Glück wird er nach dem Abschied seinem Beruf verbunden bleiben, denn er lehrt auch als Gastdozent am Institut der Feuerwehr.Und dann erzählt er aus seinem Berufsleben. 27 Jahre Rettungswagen, davon 10 Jahre im Notarztauto – da kommen allerhand Geschichten zusammen. Etwa der Wohnungsbrand, bei dem sich die Feuerwehr Zutritt mit der Drehleiter verschafft. Bei diesem dramatischen Einsatz kann Ernst Kröger ein Kind aus den Flammen retten. Er berichtet von dem Unfall, bei dem ein Mittelklassewagen zwischen Bus und Lkw völlig zerquetscht wird und der Fahrer nach zwei Stunden mit hydraulischem Einsatz unverletzt das Fahrzeug verlässt. Oder vom Einsatz, bei dem ein weit über 80-jähriger Mann intubiert und mit der Trage durchs Treppenhaus befördert wird.Wenn Anwohner bei solchen Einsätzen mit Kommentaren wie „Dauert es noch lange?“ um die Ecke kommen, kann sogar ein routinierter Feuerwehrmann wie Ernst Kröger, der Ruhe und Besonnenheit ausstrahlt, seine Geduld verlieren. „Egoismus“, stellt er fest, „ist ein großes gesellschaftliches Problem.“ Mehr Rücksichtnahme, das würde er sich wünschen und mehr Respekt – auch für den Beruf des Feuerwehrmannes.Ursprünglich wollte der gelernte Kfz-Mechaniker Fahrzeugtechnik studieren, hatte während seiner Bundeswehrzeit aber schon zur Feuerwehr Kontakt. Und dort gefiel es ihm so gut, dass er blieb. Trotzdem ist seine Liebe zu Autos nach wie vor groß – eine Leidenschaft, die ihn mit seinem Sohn verbindet und die dafür sorgt, dass es ihm auch nach seinem Abschied von der Feuerwehr sicher nicht langweilig werden wird.

    Foto: Charlotte Beck
  • Bastian Stehr: Wenn Bastian Stehr nach dem Nachtdienst noch lange Berichte schreiben muss, weil vielleicht wieder ein Betrunkener randaliert und herumgepöbelt hat und inzwischen seinen Rausch im Gewahrsam ausschläft, dann kommt es vor, dass er über die Gleichgültigkeit in der Öffentlichkeit nachdenkt. „Man nimmt die Beleidigungen und Bedrohungen dieser Menschen schon gar nicht mehr wahr“, sagt der 31-jährige Polizeibeamte über solche Einsätze, die nicht selten in körperliche Auseinandersetzungen münden.Zu seinen Aufgaben als Polizist gehört es auch, jugendliche Ladendiebe an ihre Eltern zu übergeben. In solchen und ähnlichen Fällen wünscht er sich mehr Zeit für Gespräche und präventive Maßnahmen, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, was ohne zusätzliches Personal aber kaum zu leisten ist. „Motivation durch Respekt“ ist ihm wichtig, etwas, das mit Geld nicht aufzuwiegen ist.Nach anfänglichen Berufswünschen von Feuerwehrmann über Archäologe bis hin zum Rechtsanwalt ist er nun schon neun Jahre im Polizeidienst beschäftigt und zieht das vorsichtige Resümee, dass sich die Qualität der Anfeindungen geändert habe. Dazu trügen wohl auch Fernsehserien bei. Die Menschen hätten den Eindruck, die Polizei zu kennen. „Im Fernsehen machen sie das aber anders“, laute inzwischen eine gängige Floskel.Dabei, das fällt sofort auf, wirkt Bastian Stehr zumeist ruhig und gelassen. Das kommt ihm auch zugute, wenn er zweimal jährlich Kinder- und Jugendfreizeiten über mehrere Wochen begleitet. „Früher“, sagt er, „habe ich Rugby gespielt.“ Eine Verletzung war die Ursache für den Wechsel der Sportarten, heute schwimmt und läuft er viel und hält sich im Studio fit. Und dann ist da noch seine Vorliebe für anspruchsvolle Brettspiele, die über Risiko oder Monopoly hinausgehen. Die komplexen Strukturen dieser Spiele findet er nun auch in seinem Beruf wieder. Irgendwie passt das alles zusammen.

    Foto: Charlotte Beck
  • Andreas Kloß: „Ich fahre jeden Tag mit Freude zur Arbeit“. Wenn man es sagen kann wie Andreas Kloß, den alle nur Andi nennen, hat man nicht so viel falsch gemacht. Der Feuerwehrmann hat durchaus Vergleichsmöglichkeiten, etwa als Bergmann unter Tage. Und wer weiß, vielleicht hätte er als einer der letzten im Schacht das Licht ausgemacht, wäre er nicht zum Wehrdienst eingezogen worden. Schließlich sind es 12 Jahre bei der Bundeswehr geworden, davon zwei bei der Militärpolizei in Kanada, und schließlich ging er zur Feuerwehr.„Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Wir sind wie eine Familie“, lobt er und kommt auf „die beste Ausbildung bei der Feuerwehr“ zu sprechen: die zum Feuerwehrtaucher. Er berichtet von Mopeds, Autos, Waffen, Reisepässen und Tresoren, die er aus dem Wasser gezogen hat, aber auch von zwei Frauen, die mit ihrem Ruderboot unter einen Schubverband geraten sind. Die beiden Sportlerinnen konnten nur tot geborgen werden. Manchmal wird die Taucherstaffel auch für einen Tatort gebucht, dann kann man mal mit Professor Börne und Kommissar Thiel fachsimpeln.Wie alle Feuerwehrleute hat Andi Kloß zusätzlich eine Ausbildung im Rettungsdienst. Wenn er von seiner Tätigkeit als Geburtshelfer spricht, klingt das auch eher nach Rettungstaucher, wie das „Kind gesichert“ werden müsse, wenn es „rausgeflutscht“ kommt. Das macht ihn sympathisch, diese Mischung aus Technik und Emotion. Und wenn er über das spricht, was ihm wichtig ist – auch in Bezug auf seine Kinder – „Loyalität, Ehrlichkeit, Fleiß“, wirkt das nicht aufgesetzt.Seine Vorliebe für Sport sieht man ihm an. Es scheint kaum eine Sportart zu geben, die er nicht ausübt, Snowboard in den Alpen, Eishockey in Kanada, kitesurfen, Motorrad fahren, Fußball. Letzteres spielt er nicht mehr aktiv, sondern trainiert eine Jugendmannschaft. Ein pralles, buntes Leben mit klaren Überzeugungen und deutlichen Polen.

    Foto: Charlotte Beck
  • Vanessa Arlt: Schon als Kind, erzählt sie, hätte sie darauf geachtet, dass die Schippchen im Sandkasten gleichmäßig verteilt sind. Bei so viel Hang zu Recht und Gerechtigkeit kann man eigentlich nur Schiedsrichterin werden. „Ich pfeife bis zur Regionalliga der Herren und bei den Damen auch international“, sagt Vanessa Arlt, die deshalb schon in Norwegen im Einsatz war. „Das tut den Männern richtig gut“, fügt sie in Bezug auf ihre Tätigkeit als Schiedsrichterin bei Herrenspielen hinzu.Und wer weiß, vielleicht wäre das Maß an Gerechtigkeit schon erfüllt gewesen, wäre ihr Vater nicht bei der Polizei gewesen. Eigentlich habe sie ja Tierärztin werden und auf einem Bauernhof leben wollen. So aber war der berufliche Weg fast vorgegeben. „Ich fand Papas Geschichten einfach spannend“, sagt sie.Nach ihrem Studium war sie tätig im Streifendienst, in der Hundertschaft und arbeitet inzwischen in der Pressestelle. Dabei sind es die vermeintlichen Kleinigkeiten, die sie zu schätzen weiß: der demente ältere Mann, den sie nach Hause gebracht hat, oder die Kinder, die Blaulicht sehen wollen und die Arbeit der Polizei wertschätzen.Aber natürlich gibt es auch andere Begegnungen, „wo erst mal gemault und das Gefühl vermittelt wird, unerwünscht zu sein, obwohl man noch gar nicht gesagt hat, worum es geht“. Wie etwa die Sache mit dem Radler ohne Licht. Da habe sie nur darauf hinweisen wollen, dass man ihn schlecht sehen könne, von Verwarnungsgeld war noch gar nicht die Rede. Bedrohungen oder körperliche Übergriffe habe es aber bisher nicht gegeben, sehe man von den üblichen Pöbeleien bei Fußballspielen ab. Dennoch wünscht sich die Kommissarin Empathie, Selbstreflexion, Vertrauen und Respekt in der Gesellschaft, was zweifellos das Miteinander (noch) einfacher machen würde.

    Foto: Charlotte Beck
  • Dirk Blockwitz: Dirk Blockwitz ist seit 25 Jahren Feuerwehrmann mit Leib und Seele. Nach seiner abgeschlossenen Berufsausbildung im Handwerk und dem Zivildienst entschloss er sich, dem bereits vom Vater ausgeübten Beruf nachzugehen. Die Vielseitigkeit und das „zur Stelle sein“, wenn Gefahr im Verzug ist, fesselten ihn. „Du legst deinen Beruf nicht einfach ab, wenn du nach Hause gehst“, erklärt er.Sein wohl schönstes Erlebnis ereignete sich außerhalb der regulären Dienstzeit beim „Holzmachen“ mit einem Freund. Auf dessen Hof lag die Nachbarin fernab vom Krankenhaus in den Wehen. Keine Hebamme vor Ort – so sprang der Feuerwehrmann und Notfallsanitäter mal eben mit „geliehenen Gummihandschuhen der Hofoma“ als Hebamme ein. „Du kannst eben nicht aus deiner Haut“, meint er augenzwinkernd. Irgendwie ist er immer zur Stelle, wenn Not am Mann (oder an der Frau) ist.Seine heranwachsenden Söhne sind bereits in der Jugendfeuerwehr aktiv. Dass einer der beiden am 11. September Geburtstag hat, ausgerechnet am Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center, bei denen so viele Feuerwehrleute ums Leben kamen, ist fast schon ein bisschen unheimlich. Achtung, Vertrauen und Respekt sind die Werte, die Dirk Blockwitz, von seinen Freunden „Blocky“ genannt, seinen Jungs vermittelt. Sorge bereitet ihm die zunehmende Verrohung der Gesellschaft. Dass Rettungskräfte und Ordnungshüter vermehrt angegriffen werden, ist für ihn unverständlich.In seiner Freizeit fährt er gerne mit dem Fahrrad auf den Wochenmarkt und kocht mit seiner Frau mediterran. Was er sich wünscht: Wertschätzung für Menschen, die ihr Leben einsetzen, um anderen zu helfen.

    Foto: Charlotte Beck
  • Simon Kaminski: „Was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“ So einfach es klingt, so schwierig scheint die Umsetzung. Simon Kaminski jedenfalls hat dieses Prinzip schon früh gelernt und beherzigt es. Man nimmt ihm ab, dass ihm gesellschaftlicher Respekt fehlt und er nicht nachvollziehen kann, weshalb manche Menschen der Polizei so ablehnend gegenüberstehen.Dabei war gerade sein Wunsch, Menschen zu helfen, eine wichtige Motivation, sich für diese Laufbahn zu bewerben. Hubschrauberpilot wollte er ursprünglich werden oder noch früher Künstler. „Auf die Idee, zur Polizei zu gehen, hat mich auch mein Fußballtrainer gebracht“, sagt er. Das war damals, als er noch in Lemgo spielte, als Verteidiger, der auch mal nach vorne prescht, wenn sich die Chance zu einem Kopfballtor ergibt.Fußball ist noch immer seine Leidenschaft, falls er die Zeit dazu findet: Als Kommissar in der Hundertschaft hat er über 400 Überstunden aufgebaut. „Damit habe ich aber lange nicht die meisten“, setzt er hinzu. Und dann erzählt er, von seiner Ausbildung und dem Praktikum in der Wache, von den Einsätzen bei Fußballspielen und Demonstrationen. Auch als Polizist verteidigt er, und zwar die Werte der Gesellschaft. Dabei muss man einiges wegstecken, etwa die Verletzung durch eine Flasche, die als Wurfgeschoss aus der Menge sein Jochbein traf. Das hätte im wahrsten Sinn des Wortes auch ins Auge gehen können.In jedem Satz spürt man die Hingabe zu seinem Beruf. Dazu passt seine Aussage, trotz der Anfeindungen, mit denen Polizisten konfrontiert sind, weiter mit Freude zur Arbeit gehen zu wollen. Dass der 30-Jährige heil von seinen Einsätzen zurückkommen möchte, ist mehr als nachvollziehbar. Selbstverständlich ist es allerdings nicht.

    Foto: Charlotte Beck
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