Missbrauchsfall Münster
Reue ist am ersten Prozesstag kaum auszumachen

Münster -

Als der Hauptbeschuldigte im Missbrauchsprozess von Münster am Donnerstagmittag den Saal im Landgericht betritt, verbirgt er sein Gesicht. Doch Reue ist in den wenigen Minuten, in denen die Öffentlichkeit dem Prozess beiwohnt, weder bei ihm noch bei den anderen Angeklagten auszumachen.

Freitag, 13.11.2020, 07:00 Uhr aktualisiert: 13.11.2020, 10:15 Uhr
Marco S. aus Hannover kommt in den Gerichtssaal: Er gehört zu den fünf Angeklagten im Missbrauchsprozess.
Marco S. aus Hannover kommt in den Gerichtssaal: Er gehört zu den fünf Angeklagten im Missbrauchsprozess. Foto: dpa

Um 13.41 Uhr bekommt das Unfassbare an diesem Donnerstag langsam ein Gesicht: Doch zunächst versucht Adrian V., der Hauptbeschuldigte im Missbrauchskomplex Münster, seines noch hinter einem schwarzen Aktenordner zu verbergen. Über den Kopf hat der 27-Jährige eine dunkle Kapuze gezogen, als er im großen Sitzungssaal des Landgerichts zwischen seinen beiden Verteidigern und Plexiglasscheiben als Corona-Schutz Platz nimmt; zwei Reihen dahinter sitzt auch seine Mutter auf der Anklagebank.

Im Internet kennengelernt und verabredet

Wie der IT-Fachmann aus Münster, der als Schlüsselfigur des ausufernden Missbrauchsgeschehens gilt, verbergen die übrigen vier Angeklagten ihr Gesicht. Kennengelernt und verabredet haben sie sich offenbar im Internet auf einer einschlägigen Chatplattform für Pädophile, wie die Staatsanwaltschaft meint.

Erst als Fotografen und Kameraleute draußen sind, fallen Ordner und Aktenmappen vor den Gesichtern derjenigen, die zwei Jungen im Alter von fünf und zehn Jahren in einer Gartenlaube unweit der Wohnung von Adrian V. im Norden Münsters unermessliches Leid angetan haben sollen. Aber nicht nur dort. Und nicht nicht nur diesen beiden Kindern.

Kaum ein Ausdruck von Reue

Solange die Öffentlichkeit im Verhandlungssaal zugelassen ist, trägt der 27-jährige Münsteraner seine Corona-Maske. Sie lässt so gerade die Augenpartie unter der hohen Stirn erkennen. In einer kurzen Verhandlungspause blättert Adrian V. fahrig in den vor ihm liegenden Akten, um zwischendurch die ausgewählten Zuschauer mit starren dunklen Augen durch die Brillengläser hinweg zu fixieren, während seiner Mutter beim Gespräch mit ihren Anwälten ein Lächeln über das Gesicht huscht. Ein Ausdruck von Reue über das, was die Staatsanwaltschaft juristisch schweren sexuellen Kindesmissbrauch nennt, ist in diesen Momenten kaum auszumachen.

Die Angeklagten im Hauptprozess
  • Adrian V. steht im Mittelpunkt des Verfahrens. Er soll über lange Zeit wiederholt Kinder, vornehmlich den Sohn seiner Lebensgefährtin, sexuell missbraucht haben. Zudem bot er den Jungen anderen Männern zum Missbrauch an. Aufnahmen davon verbreitete er.
  • Carina V. war Eigentümerin der Gartenlaube in Münster-Kinderhaus, die regelmäßig Tatort der Missbrauchstaten war. Sie soll die Laube ihrem Sohn und den Mitangeschuldigten in dem Wissen überlassen haben, dass dort Jungen sexuell missbraucht werden sollten.
  • Enrico L. aus Schorfheide soll beim Treffen im April in Münster dabei gewesen sein. Zudem wird ihm vorgeworfen, im August 2018 einen damals neunjährigen entfernten Verwandten und 2020 unter anderem seinen eigenen Sohn (7) missbraucht zu haben.
  • Tobias S. aus Staufenberg soll seinen Sohn (5) mehrfach missbraucht und zum Treffen im April in Münster mitgebracht haben. Zudem missbrauchte er ein Mädchen – die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es sich dabei um seine Tochter (5) gehandelt hat.
  • Marco S. aus Hannover soll an schwerem sexuellem Missbrauch beteiligt gewesen sein. Der 35-Jährige soll unter anderem vom 24. bis zum 26. April 2020 beim Treffen mit den anderen Angeklagten in der Gartenlaube in Münster-Kinderhaus dabei gewesen sein.
...

 

 

Kinder sind in Obhut der Jugendämter

Alles Weitere entzieht sich am Mittag aber den Augen und Ohren der Öffentlichkeit. Denn nach kürzerer Beratung müssen die wenigen Journalisten und drei Zuschauer, mehr waren aus coronoabedingten Vorsichtsmaßnahmen nicht zugelassen, den großen Saal endgültig verlassen.

Bei der Verlesung der 25 Seiten aus zwei verbundenen Anklagen dürfen sie nicht mehr zuhören – um die Intimsphäre der minderjährigen Opfer, die sich nach Auskunft der Staatsanwaltschaft in Obhut der Jugendämter befinden, zu schützen. In dem Verfahren geht es um Missbrauchsvorwürfe in einem Zeitraum zwischen 2018 und Mai 2020.

Interview mit Ewa Bäumer vom Kinderschutzbund

Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Auch der Rechtsanwalt von Adrian V. beantragt den Ausschluss der Öffentlichkeit unter Verweis darauf, dass in dem Prozess das Sexualleben des Angeklagten eine Rolle spielen werde. Doch darauf geht der Vorsitzende Richter gar nicht mehr ein: Denn er hat seine Begründung bereits auf die schutzwürdigen Interessen der Opfer gestützt.

Im weiteren Prozessverlauf bleiben die Türen des Gerichtssaals zunächst für die Öffentlichkeit versperrt. Ob sich das später noch ändern wird, ließ der Vorsitzende der ersten Strafkammer genauso offen wie die Entscheidung über die Befangenheitsanträge gegen das Gericht.

Angeklagten haben sich bislang nicht geäußert

Einlassungen der bislang schweigenden Angeklagten gibt es zum Prozessauftakt jedenfalls noch nicht. Sie sollen am Freitag Gelegenheit bekommen, sich unter anderem zu schrecklichen Geschehnissen in der Gartenlaube zu äußern, zu der der Staatsanwaltschaft nach eigener Aussage rund 30 Stunden an Videomaterial vorliegen.

Die Kamera dort hatte Adrian V. den Ermittlungen zufolge selbst über einem Bett in der Laube installiert, um das eigentlich Unfassbare noch selbst zu dokumentieren und in Teilen wohl in den dunklen Abgründen des Internets anderen Pädophilen zugänglich zu machen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7675611?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker