Raubprozess am Landgericht
Messerangriff ganz ohne Messer?

Münster -

Die Polizeimeldung vom 15. Juli 2020 klingt eindeutig: Bei einem Raubüberfall im Bahnhofsmilieu kommt ein Cuttermesser zum Einsatz, das Opfer wird verletzt, der Angreifer kann festgenommen werden. Jetzt hat der Raubprozess vorm Landgericht begonnen. Es zeigt sich: Der Fall ist unerwartet undurchsichtig.

Freitag, 20.11.2020, 20:00 Uhr
Landgericht Münster Foto: dpa
Landgericht Münster Foto: dpa Foto: Friso Gentsch

Um viel ging es nicht. Ein 20-Euro-Schein hat den Besitzer gewechselt – halb abgepresst, halb freiwillig rausgerückt, um in Ruhe gelassen zu werden. Das ist nicht in Ordnung. Kommt aber, wie Polizei und Sozialarbeiter übereinstimmend berichten, durchaus vor, wenn die Jobagentur im Wohnungslosen­milieu Sozialleistungen mangels Girokonto in bar auszahlt.

Staatsanwalt spricht von "Schwerem Raub"

Was diesen Vorfall – der sich im Juli vor einem Hauseingang in Bahnhofsnähe ereignete – so besonders macht, ist das Messer. Das 47-jährige Opfer sagt aus, es sei ein Cuttermesser gewesen. Der 47-jährige Angeklagte sagt aus, es sei nur seine Opiumpfeife gewesen. Obgleich er, zugegeben, den Eindruck eines Messers habe erwecken wollen.

Damit allerdings wird aus der Sache ein Kapitalverbrechen: Der Staatsanwalt spricht zum Prozessauftakt von „Schwerem Raub“ und verweist auf viele Paragrafen. Einer davon bezieht sich auch auf die leichte Verletzung, die das Opfer nachweislich davontrug. Der Angeklagte hat also richtig Ärger am Hals.

Wie gefährlich war der Angriff wirklich?

Die dritte große Strafkammer am Landgericht versucht nun, Licht ins Dunkel zu bringen. Leicht ist das nicht. Denn sie hat es mit dem Milieu einer spürbar unheilen Welt zu tun: mit Drogen, mit Beweisstücken, die nicht aufzutreiben sind, mit einem verunsicherten Zeugen, der von der Polizei vorgeführt werden muss – und dem 80 Euro Ordnungsgeld aufzubrummen dem um Fairness bemühten Vorsitzenden nicht leicht fällt. Mehrfach erinnert der Richter daran, dass sich niemand selbst belasten müsse.

Der Angeklagte hat sein Opfer – beide kennen sich seit Jahren – anscheinend massiv bedrängt und noch mehr Geld gefordert, bis zwei Sozialarbeiter dazwischengingen. Unklar ist, ob er Schulden eintreiben wollte. Unklar ist auch, wie gefährlich der Angriff wirklich war – die Fotos der Verletzung wirken unspektakulär.

Am 11. Dezember wird der Prozess fortgesetzt. Dann wird wohl auch über die Schuldfähigkeit des Angreifers gesprochen. Ein Messer wurde bei seiner Festnahme übrigens nicht gefunden. Wohl aber ein 20-Euro-Schein. Den lässt er nun – auf Nachfrage – zurückgeben.

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