Studie der Uni Münster in Corona-Krise
Zwischen Glaube und Ersatz-Religion

Münster -

Bedeutet Religiosität, in der aktuellen Corona-Krise weniger empfänglich für Verschwörungsmentalitäten zu sein? Nicht immer. Sozial gelebter Glaube hingegen schon, wie eine Studie von zwei Wissenschaftlern der Universität Münster zeigt. 

Mittwoch, 13.01.2021, 17:00 Uhr aktualisiert: 13.01.2021, 17:43 Uhr
Studie der Uni Münster in Corona-Krise: Zwischen Glaube und Ersatz-Religion
Forscher der WWU haben untersucht, inwiefern Glaube vor Anfälligkeit für Verschwörungstheorien schützt. Foto: picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Woran glauben Menschen, die auch glauben, hinter der Corona-Pandemie stecke ein bösartiger Plan - oder Bill Gates? Wie anfällig der Einzelne für Verschwörungstheorien ist, hängt weniger davon ab, wie religiös sich jemand sieht, sondern was er glaubt und vor allem, wie er seine Religion praktiziert. Das haben Carolin Hillenbrand und Detlef Pollack vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster (WWU) herausgefunden.

"Die Umfrage ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht repräsentativ, aber wir haben den Online-Fragebogen bereits sehr weit gestreut", sagt Hillenbrand. 2032 Menschen haben diesen Fragebogen von Anfang Juli bis Ende Dezember beantwortet. Da die Umfrage nicht nach dem Zufallsprinzip erfolge, und diese Zielgruppe eher teilnehme, seien 20 bis 59 Jahre Alte höher Gebildete überrepräsentiert.

Eigenes Glaubensverständnis ist entscheidend

Die Annahme sei gewesen, dass religiöse Menschen in ihrem Glauben auch in Krisenzeiten ausreichend Trost finden, sodass sie sich nicht an "Ersatz-" oder "Quasi-Religionen" wenden, erklärt die Wissenschaftlerin. Laut ihrer Untersuchung gibt es aber auch bestimmte Formen von Religiosität, die eine Nähe zu verschwörerischen Aussagen aufweisen.

IMG_9633 (3)

Carolin Hillenbrand Foto: Sandra Röseler/ Bistumspresse

"Es auf das eigene Glaubensverständnis an", so Hillenbrand. Menschen, die ihre Religion auch über andere Glaubensrichtungen stellen, also ein "exklusiveres" Glaubensverständnis haben, seien eher "privatistisch-apokalyptisch" veranlagt und anfälliger für verschwörerisches Gedankengut, als Menschen, die anderer Religionsformen gegenüber offener seien. Im Gegensatz zur Religion gebe es bei Verschwörungen keine positive Erlösungstheorie, erläutert Carolin Hillenbrand. "Es wird ein Sündenbock gesucht, es ist viel Schwarz-Malerei, es gibt nur Gut und Böse."

Zehn Prozent stimmen Verschwörungstheorie zu

Und etwas Böses vermuten gar nicht mal so wenige Teilnehmer der Umfrage hinter der aktuellen Situation: Etwa zehn Prozent, also 200 Menschen, haben der Aussage zugestimmt: "Hinter dem Ereignis der Corona-Pandemie stecken verborgene, böse Mächte." 

"Neben der Religion ist auch die Bildung ein wichtiger Faktor", stellt Hillenbrand fest. Anfälliger seien die Menschen, die Vorbehalte gegenüber Wissenschaft und Technologie und ein geringes Vertrauen in die Bundesregierung haben. 

Alter macht keinen Unterschied

Keinen Unterschied mache hingegen das Alter der Umfrageteilnehmer, auch nicht, ob sie aus West- oder Ostdeutschland kommen. "Es gibt aber Zusammenhänge zwischen Verschwörungsmentalität und Antisemitismus und Islamophobie."

So hätten Menschen, die konspirativen Aussagen zustimmen, häufig auch juden- und islamfeindliche Aussagen bejaht. "Verschwörungsmentalität kann also auch mit Tendenzen der sozialen Abwertung einhergehen. Dahinter liegen Vorstellungen von einer starken Wir-Gruppe, die jedoch auf Kosten der Akzeptanz von Fremdgruppen gehen", so Hillenbrand. Signifikant sei außerdem die politische Orientierung: "Links- und rechtsextreme Menschen sind eher empfänglich als die gemäßigte Mitte."

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7764545?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker