Was für ein Theater 
Kunstakademie zeigt in der „Werkstatt Demokratie“: Zooming Puppets

Münster -

Studierende der Kunstakademie Münster haben sich unter Leitung von Prof. Nicoline van Harskamp an der „Werkstatt Demokratie“ des Stadtensembles Münster beteiligt und ein Video online gestellt: „Zooming Puppets“. Was für ein Theater . . .

Montag, 11.01.2021, 19:28 Uhr aktualisiert: 12.01.2021, 11:28 Uhr
Schräg, skurril, mindestens seltsam: Die Kunstakademie beteiligt sich mit einem Zoom-Puppentheater an der „Werkstatt Demokratie“ des Stadtensembles.
Schräg, skurril, mindestens seltsam: Die Kunstakademie beteiligt sich mit einem Zoom-Puppentheater an der „Werkstatt Demokratie“ des Stadtensembles. Foto: Screenshot: -kok-

Der Zuschauer sollte nach seinem Befremden nicht ins Nachdenken kommen, denn er könnte feststellen, dass die Wirklichkeit die Kunst bei Weitem an Seltsamkeiten übertrifft. Studierende der Kunstakademie Münster haben sich unter Leitung von Prof. Nicoline van Harskamp an der „Werkstatt Demokratie“ des Stadtensembles Münster beteiligt und ein Video online gestellt: „ Zooming Puppets “.

Die Künstler lassen in diesem ehrenwerten Haus die Puppen in einer wilden Colorado-Mischung tanzen – ein Gesellschaftspanoptikum: Beim spießigen Hausmeister-Paar scheucht die Oma (Nele Ziemer) ihren Gatten (Leonard P. A. Gruber) herum, der ohnehin wenig zu melden hat, hält Sauberkeit und Ordnung in Ehren. Als nächstes schaltet sich in diese muntere Zoom-Tratschrunde Yvonne-Leya (Kerstin Hochhaus) in spektakulärem Outfit zu: Musen-Ikone Elke Koska, Metropolis-Ikone Maria und Hindugöttin Shakti zugleich.   

In der WG wohnen Amanda (Renée Morales Garcia) und ihr Proll (Jacob Jürgens) zusammen. Während sie mit US-amerikanischem Akzent Sprüche kloppt („Ich bin deutsch“ / „Arsch hoch, Kopftuch ab und anpacken“) und Reclam-Hefte („Parsifal ist meine Lieblingsoper“) wie Bretter vorm Kopf trägt, ist der Suffkopp an ihrer Seite nur auf Party aus oder auf Harmonie oder ruft „Nieder mit der Demokratie!“.

Maler Martin (Alik Klein) mit Baskenmütze und schwarzem Rollkragen jammert („Mich sieht ja keiner.“) und protzt: Er sei ja schon immer Querdenker gewesen. Er vertraue nicht den Fakten. Seine stolzen Helikopter-Eltern (Lisa Tschorn und Matthias Staudt) haben ihn zur Freiheit erzogen, tragen Corona-Visiere und sorgen dafür, dass ihr Künstler-Sohn morgens früh arbeitet.

„Gelaber“, schimpft ein Lesbenpaar (Pia Jauch und Kip Fiene), setzt sich seine Masken auf, die durch das Banner „Love is Love“ miteinander verbunden sind; die eine lackiert der anderen die Nägel. Da wird es dem wütenden Reichsbürger (Martin Schlat­hölter) mit Schwellkopp und ständig verschränkten Armen, der sich auf gut Deutsch mit „Stolz“ identifizieren kann, aber nicht mit „Pride“, zu bunt: „Was soll der Mist?“ Und überhaupt: Corona sei nur aufgebauscht, ende mit Stern und Internierung.

Die sechs Mieter in diesem ehrenwerten Haus toben von Fakten befreit, dafür von Meinungen berauscht durch den Themen-Dschungel der Gegenwart, bis alle kakophonisch durcheinanderreden, sich das Puppenhaus schließt und dem Betrachter verblüfft der Mund offen steht. Nach einem ersten Befremden über diese turbulenten zwanzig Minuten könnte der Zuschauer ins Nachdenken kommen; dann wird er feststellen, dass die Kunst von den Seltsamkeiten in der Wirklichkeit bei Weitem übertroffen wird . . . Was für ein Theater!

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7761575?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker