Weltweites Kunstprojekt „Hostile Terrain 94“ am Bibelmuseum
Hinter jedem Leichenzettel ein Mensch

Münster -

Das weltweite Kunstprojekt „Hostile Terrain 94“ will auf die Menschen aufmerksam machen, die beim Versuch ihr Leben lassen, illegal in die USA einzuwandern. Doch damit nicht genug.

Montag, 11.01.2021, 19:28 Uhr
Annika Reketat (l.) engagiert sich in dem Kunstprojekt: in Gedenken an die Opfer der US-Grenzpolitik.
Annika Reketat (l.) engagiert sich in dem Kunstprojekt: in Gedenken an die Opfer der US-Grenzpolitik. Foto: Edina Hojas/Undocumented Migration Project

Im Englischen Seminar ist es mucksmäuschenstill. Zu hören: nur das Kratzen von Stiften auf Papier. Minuziös füllen Studenten sogenannte toe tags aus, Zettel am Zeh zur Identifikation von Leichen. Das weltweite Kunstprojekt „Hostile Terrain 94“ will auf die Menschen aufmerksam machen, die beim Versuch ihr Leben lassen, illegal in die USA einzuwandern. Doch damit nicht genug. „Es geht auch um unsere Grenzen“, sagt Mitinitiatorin Annika Reketat.

Name, Alter, Todesursache, Zustand des Körpers, Längen- und Breitengrad des Fundorts. Gewissenhaft übertragen die Studenten die Informationen auf die dafür vorgesehen Zettel. Die Personendaten kommen vom Undocumented Migration Project in den USA, das an über 130 Orten weltweit zahlreiche Unterstützer für das Projekt „Hostile Terrain 94“ gefunden hat.

Am Anfang hat Reketat sich beim Ausfüllen viel Zeit gelassen, sich bei jedem Zettel vorgestellt, welche Person hinter den Daten stand, welche Pläne, welche Träume sie hatte. „Dann kommt man in einen abgeklärten Zustand“, erzählt die 28-Jährige, „bis man zu einer Person kommt, die erst zwölf Jahre alt war oder eine Mutter mit ihrem Baby.“ Dann wache man auf. Für Reketat steht dieses Erwachen symbolisch für den Umgang mit fluchtbedingten Todesfällen: „Man muss sich aktiv gegen die Desensibilisierung stemmen, man muss sich bewusst machen, dass das Menschen sind, die da gestorben sind.“

Zum Hintergrund: Seit 1994 verfolgen die USA die Strategie Prevention Through Deterrence – Vorbeugung durch Abschreckung. „Man wusste, worauf man sich einlässt“, ist Reketat überzeugt. Indem sichere Grenzübergänge stärker bewacht werden, sind mehr und mehr Menschen gezwungen, die Grenze zwischen der USA und Mexiko in der Wüste Sonora in Arizona zu überqueren. Für viele endet dieser Versuch tödlich, denn die Temperaturen steigen im Sommer auf über 45 Grad, und Schatten gibt es nicht.

Reketat studiert im siebten Semester National and Transnational Studies am Englischen Seminar der Uni Münster und befasst sich im Rahmen ihrer Masterarbeit damit, wie durch Kunst Menschen sichtbar gemacht werden können, die durch die Politik unsichtbar gemacht wurden. „Menschen, die an Grenzen sterben, gibt es überall, aber sie werden gerne verschwiegen“, erklärt sie. Es geht um ein kollektives Erinnern, ein Sichtbarmachen. Handlungsbedarf in der Asylpolitik sieht Reketat auch vor der eigenen Haustür: „Für Europäer ist Europa ein grenzenloser Raum, wir haben unsere Grenze ins Mittelmeer verlagert.“

Ausgehend von dem Kunstprojekt „Hostile Terrain 94“, das in Münster von der Forschungsinitiative PTTS (Postkoloniale, Transnationale und Transkulturelle Studien) am Englischen Seminar und dem Kulturbüro der Westfälischen Wilhelms-Universität initiiert wurde, sollen weitere Kreise gezogen werden. Prof. Dr. Mark U. Stein nimmt das Projekt als Anlass, um in einer Ringvorlesung Themen wie Flucht, Migration und Zugehörigkeit zu behandeln. In Diskussionen, Lesungen und Vorträgen sollen Vertreter lokaler Flüchtlingsinitiativen und Betroffene genauso eingebunden werden wie Dozenten, Studenten und Interessenten.

3200 Leichenzettel wurden per Hand ausgefüllt. Sie stehen für 3200 Menschen, die in der Wüste Sonora den Tod gefunden haben. Entsprechend dem Fundort der menschlichen Überreste werden die Zettel an einer Landkarte dieses Grenzabschnitts befestigt. Eine Ausstellung im Prozess. Per ­Stream soll die Installation übertragen werden, bis sich die Zettel über eine fünf Meter lange Wand ausbreiten als bedrückendes Mahnmal für die Opfer einer unmenschlichen Grenzpolitik.

Die Installation wird vom 18. bis 29. Januar im Innenhof des Bibelmuseums in Münster zu sehen sein. ​Das Ausstellungsstück kann besucht werden, ohne dafür ein Gebäude zu betreten, denn die Installation ist durch die lange Glasfassade des Bibelmuseums sichtbar. An der Fassade sind Sticker mit QR-Codes angebracht, die zur Webseite als virtuellem Ausstellungsraum des Projekts führen. Eine besondere Auseinandersetzung mit der Installation wird durch die „HT94 Augmented Reality-Erfahrung“ möglich, mithilfe derer die Besucher das Ausstellungsstück auf interaktive und virtuelle Weise erleben können. ​​

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