Forschung und Hilfe bei der seltenen Erbkrankheit
Große Ehre für „Patient“ Brunsmann

Münster -

Frank Brunsmann hat eine seltene erbliche Netzhauterkrankung, die ihn mittlerweile hat erblinden lassen. Und die Erforschung seiner Erkrankung, der „Retinitis pigmentosa“, ist sein Lebenswerk. Dafür ist der Münsteraner jetzt geehrt worden.

Montag, 01.03.2021, 21:30 Uhr
Die Urkunde hat Frank Brunsmann vorerst selbst ausgedruckt: Seit fast 40 Jahren engagiert er sich für die Erforschung einer Erbkrankheit, die ihn mittlerweile hat erblinden lassen.
Die Urkunde hat Frank Brunsmann vorerst selbst ausgedruckt: Seit fast 40 Jahren engagiert er sich für die Erforschung einer Erbkrankheit, die ihn mittlerweile hat erblinden lassen. Foto: Karin Völker

Dr. Frank Brunsmann saß zu Hause vor seinem Computer – Videokonferenz. Aber die hatte es für den Münsteraner in sich: „Es war sehr berührend“. Frank Brunsmann wurde am vergangenen Dienstag für sein Lebenswerk geehrt, Hunderte Menschen aus etwa einem Dutzend Länder verfolgten die virtuelle Preisverleihung der Gesellschaft „Retina international“, die die Erforschung und Therapie erblicher degenerativer Netzhauterkrankungen, Sammelbegriff „Retinitis pigmentosa“, voranbringt.

Frank Brunsmann kennt dieses Thema nur zu gut – und konnte deshalb bei der Zeremonie nur zuhören, nicht zusehen. Wie viele Betroffene ist er vor etlichen Jahren vollständig erblindet. Für ihn selbst hat das Engagement für die Erforschung der Krankheit das nicht verhindern können. Aber er hofft für andere. „Es gibt nun therapeutische Ansätze, die klinisch erprobt werden.“

Falsche Diagnose als Antrieb

Als der jetzt 60-Jährige Mitte der 80er-Jahre nach dem Diplom-Pädagogik-Studium mit seinem Lebenswerk begann, konnte er noch einigermaßen gut sehen. Zuerst wurde bei ihm eine Form der Retinitis pigmentosa diagnostiziert, gegen die es ein Mittel gab. „Die Diagnose war leider falsch“. Das war umso mehr Antrieb, sich damit nicht zufrieden zu geben. Am Institut für Humangenetik der Universität überzeugte er in den 80er-Jahren den Humangenetiker Prof. Ivar Harry Pawlowitzki, die Erforschung des Erbleidens mit und vor allem durch Patientenbeteiligung voranzubringen. Im Boot war auch damals schon der niederländische Molekulargenetiker Frans Cremers von der Universität Nijmegen, der jetzt zusammen mit Frank Brunsmann geehrt wurde.

Noch in den 80er-Jahren gelang es, das für die Erkrankung verantwortliche Gen zu isolieren. Forschungsprojekte wurden aufgelegt, zwischen 1989 und 2001 wurden von Münster aus, im wesentlichen durch Brunsmanns Initiative, 25 Kongresse in zwölf Ländern zu dem Thema organisiert. Brunsmann, inzwischen zum Doktor der Medizinwissenschaften promoviert, verfasste zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Heute ist er unter anderem Fachbereichsleiter Diagnose und Therapie der Pro Retina Deutschland.

Das ist ein Lebensthema, es geht immer weiter.

Dr. Frank Brunsmann

Nur etwa 30.000 bis 40.000 Menschen in Deutschland leiden unter einer Krankheit des Formenkreises der Retinitis pigmentosa, die spezielle Erkrankung von Brunsmann teilt er gerade mal mit etwa 1000 Betroffenen. Seltene Erkrankungen werden auch selten erforscht, weil sich für Pharmafirmen die Entwicklung von Medikamenten nicht lohnt. „Und wenn es bei seltenen Leiden Präparate gibt, kostet eine Spritze manchmal 100.000 Euro“, verdeutlicht Brunsmann.

Für ihn selbst gab und gibt es eine solche Spritze nicht. Frank Brunsmann, jahrzehntelang stark sehbehindert, aber immerhin noch etwas sehend, musste sich als über 50-Jähriger als völlig Erblindeter zurechtfinden. Er versucht, sämtliche technische Hilfsmittel zu nutzen, „ich will ja möglichst autonom leben“. In der näheren Umgebung seiner Wohnung kann er sich allein orientieren – aber „das kostet große Anstrengung.“ Die Ehrung für sein Lebenswerk bedeutet keineswegs, dass die Arbeit für ihn erledigt ist: „Das ist ein Lebensthema, es geht immer weiter“, sagt er. Sein privates Glück verdankt er übrigens auch seiner Arbeit: Bei einem Kongress in Litauen lernte er seine Frau kennen. Ihre Zwillinge machen in diesem Jahr in Münster ihr Abitur.

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