Kriminalitätsstatistik
Die Gewalt in Münster nimmt ab

Münster -

Mehr Straftaten, aber weniger Gewalt – und Ermittlungserfolge im Missbrauchsfall Münster sowie bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität: Polizeipräsident Falk Schnabel stellte am Montag die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2020 vor. [mit Video]

Montag, 08.03.2021, 19:50 Uhr aktualisiert: 08.03.2021, 21:07 Uhr
Falk Schnabel (l.), seit knapp drei Monaten Polizeipräsident in Münster, stellte am Montag zum ersten Mal die Kriminalstatistik vor. Im Hintergrund: der Leiter der Direktion Kriminalität, Frank Kaiser.
Falk Schnabel (l.), seit knapp drei Monaten Polizeipräsident in Münster, stellte am Montag zum ersten Mal die Kriminalstatistik vor. Im Hintergrund: der Leiter der Direktion Kriminalität, Frank Kaiser. Foto: Oliver Werner

26.750 Straftaten registrierte die Polizei im vergangenen Jahr in Münster. Das sind 440 mehr als 2019 – doch Polizeipräsident Falk Schnabel, seit knapp drei Monaten im Amt, konnte Montag bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik für Münster auch erfreuliche Nachrichten verkünden: Die Zahl der Wohnungseinbrüche war 2020 so niedrig wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, es gab weniger Raub- und Körperverletzungsdelikte, und rund um den Hauptbahnhof gelangen seiner Behörde Erfolge im Kampf gegen die Rauschgiftkriminalität.

Einer der Arbeitsschwerpunkte der münsterischen Polizei waren im vergangenen Jahr die Ermittlungen im „Missbrauchskomplex Münster“, deren Ende laut Schnabel nicht absehbar ist. Die Zahl der Tatverdächtigen ist auf mittlerweile 44 gestiegen, von denen sich aktuell 29 in Untersuchungshaft befinden. Lang ist auch die Liste der Opfer – mindestens 30 Kinder wurden missbraucht.

121 Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch

Insgesamt registrierte die Polizei 2020 damit 121 Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch – ein Anstieg um 450 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schnabel betonte in diesem Zusammenhang, dass das Verbreiten von kinder- und jugendpornografischen Bildern in Messenger-Chatgruppen wie WhatsApp grundsätzlich zu strafrechtlichen Ermittlungen gegen alle Gruppenmitglieder führe. Erschreckend: Solche Bilder wurden 2020 vermehrt auch durch minderjährige Schüler verbreitet, so der Polizeipräsident.

Jeder vierte Raub und knapp jede vierte Gewalttat ereigneten sich im vergangenen Jahr im Bahnhofsviertel. Es bildet damit weiterhin einen Kriminalitäts- und Einsatzschwerpunkt, betonte der Polizeipräsident. Insgesamt registrierte seine Behörde 2020 mehr als 2060 Körperverletzungsdelikte, darunter 480 gefährliche oder schwere Taten.

Kommentar: Corona zeigt sich

Von Dirk Anger

Jedes Zahlenwerk offenbart Licht und Schatten. Für die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2020 gilt das umso mehr, als dass wohl die Corona-Pandemie innerhalb der leicht angestiegenen Zahl an Straftaten für eine Verschiebung gesorgt hat. Weil Geschäfte und Gastronomiebetriebe geschlossen waren, gab es weniger Betrieb in der City. Das könnte eine Ursache für den Rückgang der Raub- und Körperverletzungsdelikte gewesen sein. Auch für Wohnungseinbrecher stehen die Zeichen schlecht, wenn Menschen im Homeoffice sitzen. Dafür sind etwa Diebstähle aus Autos angestiegen. Ob sich nun die Lage rund um den Hauptbahnhof als Kriminalitätsschwerpunkt dauerhaft verbessert hat, wird erst die Nach-Corona-Zeit zeigen. Die jüngsten Zahlen sind nur ein vorsichtiger Fingerzeig.

Dass Münsters Polizei durch die Ermittlungen im Missbrauchskomplex massiv gefordert ist, liegt auf der Hand. Ein Ende in dem Sumpf scheint nicht absehbar zu sein. Diese Ermittlungen sind personalintensiv. Ob das etwas mit der insgesamt gesunkenen Aufklärungsquote zu tun hat? An den leidigen Fahrraddiebstählen allein liegt es wohl nicht, dass Münster hier um zehn Prozentpunkte unter dem Landesschnitt liegt. Da ist noch Luft nach oben.

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Deutlich mehr Sachbeschädigungen

Erfolge gelangen der münsterischen Polizei im Kampf gegen die Drogenkriminalität. Bei regelmäßigen Kontrollen seien 1372 Fälle aufgedeckt worden. Allein rund um den Hauptbahnhof wurden 112 Verdächtige festgenommen, davon sitzen 34 in Untersuchungshaft.

Deutlich zugenommen haben 2020 Sachbeschädigungen – ihre Zahl stieg um rund 500 auf knapp 3000 Delikte. Auch die Zahl der Graffiti nahm zu: Die Polizei registrierte 865 Schmierereien, ein Plus von 289 Delikten gegenüber 2019.

55 Messerattacken

In 55 Fällen setzten Tatverdächtige im vergangenen Jahr ein mitgeführtes Messer ein. Vor allem bei Raubdelikten, gefährlichen Körperverletzungen und Bedrohungen wurden 13 Opfer leicht und zwei Opfer schwer verletzt. In zwei Fällen endeten Messerattacken tödlich. Seit 2019 wird der Einsatz von Messern bei Straftaten in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst. Gegenüber 2019 hat sich die Zahl der Messerangriffe 2020 fast halbiert.

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Corona-Pandemie hinterlässt Spuren

In der Kriminalitätsstatistik hinterließ auch die Corona-Pandemie Spuren. Die Zahl der Taschendiebstähle in Restaurants und Geschäften ging zurück, dafür stieg die Zahl der Diebstähle aus Kraftfahrzeugen – meist handelte es sich dabei um Beschaffungskriminalität, so Schnabel. Hinzu kam, coronabedingt, ein neues Kriminalitätsphänomen: 56 Fälle von Subventionsbetrug registrierte die Polizei im Zusammenhang mit den Corona-Soforthilfen.

Die Aufklärungsquote aller Straftaten lag 2020 bei rund 42 Prozent – 2019 waren es noch 3,2 Prozent mehr. Ohne Fahrraddiebstähle läge die Quote bei 49,8 Prozent, so Schnabel.


Wohnungseinbrüche auf 20-Jahres-Tief

Die Zahl der Wohnungseinbrüche ging 2020 erneut zurück. Die Polizei registrierte 278 Taten – 45 weniger als im Vorjahr. „Das  ist der niedrigste Wert der vergangenen 20 Jahre“, so Polizeipräsident Falk Schnabel. Nach seiner Einschätzung ebenfalls erfreulich: „Bei jeder zweiten Tat blieb es beim Versuch.“ Ähnlich wie 2019 gelang es der Polizei, jeden fünften Einbruch aufzuklären. „Diese Entwicklung ist besonders erfreulich, weil wir wissen, dass gerade der Wohnungseinbruch einen gravierenden Eingriff in die Privatsphäre darstellt und Betroffene oft noch lange nach der Tat psychisch belastet“, unterstreicht der Polizeipräsident. 2014 hatte die Behörde noch über 1000 Taten gezählt. Mehr Prävention und mehr technische Sicherung der Wohnungen seien für die positive Entwicklung verantwortlich.  


39 Beamte angegriffen

39 Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte wurden im vergangenen Jahr bei Einsätzen angegriffen und verletzt, ebenso sechs Rettungskräfte. Insgesamt registrierte die münsterische Polizei 2020 166 Fälle von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und tätlichen Angriffen auf Vollstreckungsbeamte – 43 Fälle weniger als im Jahr zuvor. Die Aufklärungsquote lag bei hohen 98,8 Prozent.


Jeder zehnte Verdächtige stand unter Alkoholeinfluss

Die Polizei ermittelte im vergangenen Jahr 8143 Tatverdächtige. Bei drei von vier Verdächtigen handelt es sich um Männer, mehr als die Hälfte hat den Erstwohnsitz in Münster, etwa jeder zweite Tatverdächtige war bereits zu einem früheren Zeitpunkt polizeilich in Erscheinung getreten. Jeder zehnte Verdächtige war zum Zeitpunkt der Tat betrunken – im Jahr zuvor wurde noch jede vierte Straftat unter Alkoholeinfluss begangen.
Rund ein Drittel der Tatverdächtigen – 2680 Personen – hat keinen deutschen Pass. Die größte Gruppe unter den nichtdeutschen Verdächtigen bilden mit 225 Personen serbische Staatsangehörige, 224 stammen aus Syrien, 195 aus Marokko und Algerien. 333 der 2020 als Tatverdächtige ermittelten Personen sind als Asylbewerber registriert.

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