Zufallsfund bei Grabungen
Ältester jüdischer Grabstein entdeckt

Münster -

Den münsterischen Stadtarchäologen ist ein sensationeller Fund geglückt. Bei Ausgrabungen entdeckten sie ein jüdisches Grabsteinfragment aus den Jahren 1313/14. Es handelt sich damit um das älteste jüdische Grabsteinfragment in Westfalen. Ab sofort kann es im Stadtmuseum besichtigt werden. [mit Video]

Freitag, 19.03.2021, 16:30 Uhr aktualisiert: 19.03.2021, 17:33 Uhr
Den jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 präsentiert das Stadtmuseum mit (v.l.) Dr. Bernd Thier, Dr. Aurelia Dickers, Stadträtin Cornelia Wilkens und Sharon Fehr (Jüdische Gemeinde).
Den jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 präsentiert das Stadtmuseum mit (v.l.) Dr. Bernd Thier, Dr. Aurelia Dickers, Stadträtin Cornelia Wilkens und Sharon Fehr (Jüdische Gemeinde). Foto: Oliver Werner

Münsters Stadtarchäologen haben mitten in der Stadt das älteste jüdische Grabsteinfragment Westfalens entdeckt. Es befand sich in einer Bruchsteinmauer, die bereits 2016 bei Ausgrabungen unweit der Jüdefelderstraße freigelegt wurde, und stammt aus dem Jahr 1313 oder 1314.

Die Archäologen ließen die mehr als 1000 Bruchsteine, darunter Reste der 1821 eingestürzten Aegidiikirche, abtransportieren. Bei der anschließenden Sichtung in einer Halle im Hafenviertel stellte sich heraus, das einer der Steine eine hebräische Inschrift trägt. Am Freitag wurde das Fragment anlässlich des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Bis zum 15. August ist es im Stadtmuseum zu sehen.

Geschichte nach und nach rekonstruieren

„Der Abbau der Mauer war aufwendig und teuer“, so Stadtarchäologin Dr. Aurelia Dickers. Nun zeige sich, dass das die richtige Entscheidung war. Vollkommen überrascht sei sie gewesen, als bei den Grabungen eine Bruchsteinmauer ans Tageslicht kam – in der sich etliche Reste von Säulen, Maßwerken und anderen bearbeiteten Steinen befanden, die offenbar aus einer Kirche stammten. Nach und nach konnten sie und Dr. Bernd Thier die Geschichte der Mauer und damit auch des jüdischen Grabsteinfragmentes rekonstruieren.

Der Grabstein, so Thier, stammt vom jüdischen Friedhof, der sich im Mittelalter am Standort des Gymnasiums Paulinum befand. Als die Pest ausbrach, kam es 1350 zu Pogromen gegen Juden. Nicht nur die Synagoge hinter dem Rathaus, auch der Friedhof wurde zerstört. Die Grabsteine wurden jedoch wiederverwendet – unter anderem beim Bau der Stadtbefestigung, im alten Turm der Lambertikirche und in der alten Aegidiikirche. Dort landete auch das jetzt entdeckte Fragment, als die Aegidiikirche nach 1350 umgebaut wurde, so Thier. Da es an einer Stelle gerundet ist, vermutet er, dass es in einer Säule verarbeitet wurde.

1821 stürzte die alte Aegidiikirche ein – sie stand dort, wo heute der Aegidiimarkt ist. Auch ihre Steine wurden wiederverwendet – unter anderem für die Bruchsteinmauer. „Damit können wir den Weg des Grabsteinfragments vom jüdischen Friedhof über die Aegidiikirche bis zur Mauer im Kuhviertel nachvollziehen“, so Thier.

Jüdischer Grabstein aus dem Mittelalter entdeckt

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  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt.

    Foto: Oliver Werner
  • Ältestes jüdisches Grabsteinfragment in Westfalen entdeckt.

    Foto: Stadtmuseum Münster
  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt.

    Foto: Oliver Werner
  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt..

    Foto: Oliver Werner
  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt.

    Foto: Oliver Werner
  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt.

    Foto: Oliver Werner
  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt.

    Foto: Oliver Werner
  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt.

    Foto: Oliver Werner
  • Einen jüdischen Grabstein aus dem Jahr 1313/14 haben Münsters Stadtarchäologen entdeckt.

    Foto: Oliver Werner

Grabstein von 1313 oder 1314

Der oder die Verstorbene wurde „im Jahr 74 der Zählung des sechsten Jahrtausends“ (so die Inschrift) bestattet – also zwischen dem 22. September 1313 und dem 12. September 1314. Weitere Grabsteine aus jener Zeit wurden im Laufe der Jahrhunderte auch an anderen Stellen in der Stadt wiederentdeckt, gingen jedoch allesamt wieder verloren. Ausnahme: Ein 1950 unweit des Zwingers freigelegtes Fragment aus dem Jahr 1324. Es befindet sich heute in der Synagoge.

Juden in Münster

Bereits im 12. Jahrhundert existierte eine jüdische Gemeinde in Münster, sie war damit eine der ältesten in Nordwestdeutschland. Ihr Zentrum befand sich im heutigen Rathausinnenhof, ihr Friedhof dort, wo heute das Gymnasium Paulinum steht. Als 1350 die Pest nach Münster kam, wurden die Juden für die Seuche verantwortlich gemacht. Wie viele Juden bei den damaligen Pogromen ums Leben kamen oder vertrieben wurden, ist nicht bekannt. Erst zwei Jahrhunderte später, ab 1535, kehrten Juden nach Münster zurück – allerdings für gerade einmal 18 Jahre. Ab dem frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich dann erneut jüdisches Leben in der Stadt. 1830 entstand die erste Synagoge seit dem Mittelalter.

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Dorthin soll auch der jetzt entdeckte Grabstein nach Ausstellungsende als Dauerleihgabe gehen, versprachen Dr. Bernd Thier und Museumsleiterin Dr. Barbara Rommé. Für Gemeindevorsteher Sharon Fehr geht damit nach eigenen Worten ein Wunsch in Erfüllung.

Bis 15. August, Stadtmuseum, Dienstag, Donnerstag, Freitag von 13 bis 17 Uhr; Mittwoch, Samstag, Sonntag von 11 bis 18 Uhr (Anmeldung erforderlich).

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