Skateboard-Schaukeln erinnern an einen Freund
Dem Leben einen Schwung näher

Münster -

Verdächtige Objekte sind in Münster oft Kunst. Manchmal steckt dahinter eine noch tiefere Geschichte . . .

Freitag, 09.04.2021, 19:10 Uhr aktualisiert: 12.04.2021, 18:53 Uhr
Seit mehreren Jahren tauchen jedes Jahr Anfang April Skateboard-Schaukeln im Stadtgebiet auf. Eine Gruppe Skater erinnert damit aus Anlass eines verstorbenen Freundes an die Lebensfreude, die Lebendigkeit und das Leben.
Seit mehreren Jahren tauchen jedes Jahr Anfang April Skateboard-Schaukeln im Stadtgebiet auf. Eine Gruppe Skater erinnert damit aus Anlass eines verstorbenen Freundes an die Lebensfreude, die Lebendigkeit und das Leben. Foto: Matthias Ahlke/Privat

Was hebt die Seele mehr nach einem kalten, grauen Winter, als das erste Schneeglöckchen nach Frost, das erste Zwitschern der Vögel nach der stillen Zeit, das Rosarot der blühenden Kirschen. Und in Münster die Schaukeln an den Bäumen. Seit vier Jahren ist das Phänomen zu beobachten, in das dieses Jahr ein bisschen Licht kommt, ein warmes Licht. Denn hinter der ungewöhnlichen Kunst steckt ein trauriges und doch schönes, ja Mut machendes Geheimnis.

Anfangs war noch an Zufall zu denken, aber spätestens in diesem Jahr ist deutlich geworden: Die Schaukeln aus alten Skateboards entspringen keiner spontanen Frühlingslust, sondern dahinter steckt eine Idee. Es ist eine Gruppe von Freunden, die Jahr um Jahr ein Zeichen setzt. Ein Zeichen der Erinnerung an einen Freund, ein Zeichen an seine Lebendigkeit. Der Freund ist 2017 gestorben. Ihm und seiner Leidenschaft und seiner Lebensfreude zum Gedenken hängen sie zum Todestag hier und da eine Schaukel in einen Baum. Ob in Gievenbeck, am Schlossgraben, Servatiiplatz oder in der Nähe des Zwingers – es sind mittlerweile viele Stellen, wo diese Skater-Schaukeln sind oder waren. Nach einer Weile verschwinden Seile und Bretter wieder, wahrscheinlich kommt das Ordnungsamt seiner Pflicht nach. Und jedes Jahr kommen die Schaukeln wieder – ein kräftiges Symbol für Leben. Die bunten Bretter mögen zermackelt sein und verschrammt, sie mögen keine Räder mehr haben, aber Lebensfreude, Lebensfreude verbreiten sie immer noch. Selbst für den, der sich nicht schaukeln traut. Allein wer ihrer ansichtig wird, erinnert sich vielleicht an die sorglosen Momente seiner Kindheit, an das Gefühl, getragen und gehalten zu sein, um so einem Himmelsstürmer gleich auch ohne Flügel zu fliegen. Und mit dieser Geschichte im Hintergrund erhält der symbolische Akt anrührende Tiefe. Was für ein Mensch muss das gewesen sein, der solche Freunde hat. Freunde, die bei aller Trauer ihn und das Leben feiern. Um es mit einem Gedicht Rilkes zu sagen: „Da schwang die Schaukel durch den Schmerz“.

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