Auftakt der österlichen Orgel-Andachten im Dom
Vom Hosanna über die Klage bis zum strahlenden C-Dur

Münster -

Stefan Viegelahn sorgte für großen und ungewöhnlich langen Applaus im Dom.

Montag, 12.04.2021, 18:53 Uhr
Stefan Viegelahn an der Domorgel
Stefan Viegelahn an der Domorgel Foto: Christoph Schulte im Walde

Palmsonntag, Karfreitag, Auferstehung – mit etwas Fantasie könnte man Johann Sebastian Bachs Toccata, Adagio und Fuge C-Dur als Orgel-Triptychon über die Heilige Woche interpretieren. Erst große filigrane Tongirlanden als Hosanna-Jubel, dann ein Klagegesang mit schmerzhaften Akkorden, schließlich eine hell glänzende Fuge in strahlend-reinem C-Dur. Die passgenaue Eröffnung also für die erste Orgelandacht in der Osterzeit am Samstagabend im Paulusdom. Stefan Viegelahn saß an den Tasten und führte mit zügigen Tempi durch Bachs immer wieder frappierende Musik, wobei sein Augenmerk stets auf Transparenz und Klarheit gerichtet war.

Ganz generell wirkt der Gastinterpret (Jahrgang 1979 und seit 2016 Hochschullehrer in Frankfurt am Main) vor allem als getreuer Sachwalter der Partituren, der sich keine gestalterischen Extravaganzen leistet. Was bei Olivier Messiaen auch kaum nötig ist, denn in dessen „Heiteren Hallelujas einer Seele, die sich nach dem Himmel sehnt“ steht alles an Ausdrucksmitteln in den Noten: einstimmige Melismen, tupfende Akkorde, samtweich fließende Klangflächen. Für solch meditative Gedanken bietet die Domorgel alles, was nötig ist.

Natürlich auch für die sinfonische Musik eines Louis Vierne, des einstigen Organisten von Notre-Dame in Paris, dessen 150. Geburtstag im vorigen Jahr hätte gefeiert werden sollen. Corona-bedingt fielen die Félicitations mehr oder weniger komplett ins Wasser respektive in die Seine. Schön, dass Stefan Viegelahn mit zwei Sätzen aus Viernes eher selten gespielter 4. Sinfonie nun nachträglich gratulierte und sie dort, wo es sich geradezu anbot, die Hauptorgel des Doms geschickt in Dialog setzte mit dem im Nordturm befindlichen Zusatzwerk.

Dann zum Schluss noch einmal ein großes französisches Juwel: César Francks Choral a-Moll aus dessen Todesjahr 1890. Den kann man ganz pathetisch inszenieren – oder so wie Stefan Viegelahn, der sich keine großen interpretatorischen Freiheiten erlaubte, auch wenn es just diesem Schwanengesang von César Franck vielleicht anstünde. Es sei gänzlich undenkbar, Francks Werke zu spielen, ohne zuvor dreißig Jahre lang Liebeskummer gehabt zu haben, formulierte Francks Nachfolger Jean Langlais einmal. Nun, das will man niemandem wünschen. Aber ein klein wenig von diesem Geist – und sei er auch etwas pathetisch – hätte durchaus sein dürfen.

Großer und ungewöhnlich langer Applaus im Dom: Und eine improvisierte österliche Choralbearbeitung als Zugabe. Ein schöner und andachtsvoller Auftakt.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7913026?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker