Mordprozess
52-Jähriger kommt per Krankenwagen ins Gericht

Münster -

Auftakt mit Verspätung: Knapp sechs Jahre nach dem gewaltsamen Tod einer damals 47 Jahre alten Münsteranerin muss sich der Ehemann wegen Mordes vor dem Landgericht verantworten. Zum Prozessbeginn erschien der Angeklagte zunächst nicht – wurde dann aber von zwei Polizisten in den Saal gebracht. [mit Video]

Montag, 19.04.2021, 18:10 Uhr aktualisiert: 19.04.2021, 20:54 Uhr
Mordprozess: 52-Jähriger kommt per Krankenwagen ins Gericht
Zweieinhalb Stunden Verspätung: Anwalt Stephan Kreuels (r.) wartete zunächst vergeblich auf seinen Mandanten (2.v.l.). Der Angeklagte hatte sich Samstag ins Krankenhaus begeben, wurde aber auf Anordnung des Gerichts von dort abgeholt und zum Gericht gebracht. Foto: Pjer Biederstädt

Gut ein Dutzend Medienvertreter richten am Montag um 9 Uhr im Saal A23 des Landgerichts Münster ihre Kameras auf die Tür, aus der die Angeklagten üblicherweise in den Verhandlungssaal kommen. Doch die Tür bleibt zu. Der 52-jährige Münsteraner, der vor knapp sechs Jahren seine Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung am Kappenberger Damm heimtückisch mit dem Gurt einer Sporttasche erdrosselt haben soll, erscheint nicht.

Dafür aber sein Verteidiger Stephan Kreuels. „Mir wurde am Wochenende mitgeteilt, dass mein Mandant mit akuten Beschwerden stationär in einem Krankenhaus untergebracht wurde“, sagt der Strafverteidiger. Eine entsprechende ärztliche Bescheinigung lässt er dem Schwurgericht zukommen.
Verhandlungsauftakt vertagt? Mitnichten. Die Vorsitzende Richterin Elisabeth Hülsmann ordnet nach Rücksprache mit dem behandelnden Mediziner die Abholung des Angeklagten an. Ihr Verdacht: Mit dem Krankenhausaufenthalt will sich der Angeklagte dem Verfahren entziehen. Sollte es so gewesen sein – seine Rechnung geht nicht auf: Statt des Visite-Arztes kommen zwei Polizisten ans Bett. Per Krankenwagen geht es zum Gericht.

Tat liegt fast sechs Jahre zurück

Um 11.23 Uhr – fast zweieinhalb Stunden später als geplant – kann der Prozess beginnen. Aber was sind schon Stunden angesichts der enormen Zeitspanne zwischen der Tat am 5. Juli 2015 und dem Prozessauftakt. Dass es fast sechs Jahre gedauert hat, liegt an dem lange Zeit miserablen Gesundheitszustand des Angeklagten.

Der 52-Jährige soll unmittelbar nach dem Tod seiner Frau versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Er habe damals eine stark ätzende „Mischung aus Tabaksaft und Klebstoff“ getrunken, wie sein Anwalt Stephan Kreuels erzählte. Unter den Folgen leidet offenbar er immer noch, wie seine gekrümmte Haltung und die benötigte medizinische Verhandlungspause nahelegen. Für den Prozess gilt: eingeschränktes Verhandeln, maximal vier Stunden am Tag.

52-Jährigem droht lebenslange Haft

Zurück im Verhandlungssaal: Der Staatsanwalt verkündet, dass sich der Angeklagte wegen Mordes verantworten muss – ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. Der Beschuldigte schweigt zu den Vorwürfen, auch zu seiner Person macht er keine Angaben.

Dennoch erfahren die Zuschauer Details über den Mann, der in Münster als Koch gearbeitet und jahrelang im Verein Fußball gespielt hat. Der Psychiater Prof. Dr. Norbert Leygraf, der den 52-Jährigen nach der Tat mehrfach untersucht hatte, berichtet, dass der Tatverdächtige angab, sich nicht mehr an den Tattag erinnern zu können.

Urteil frühestens im Juni

Und das Motiv? Gab es Streit, weil die damals 47-jährige Ehefrau einer neuen Kirchengemeinde angehören wollte und sich dort taufen ließ? Oder, weil er im Netz Pornos schaute? Laut Leygraf habe der Angeklagte beteuert: Streitereien mit seiner Ehefrau habe es nicht gegeben.

Zwölf Verhandlungstage sind für den Prozess insgesamt angesetzt, um Licht ins Dunkel rund um den mutmaßlichen Mord zu bringen. Mit einem Urteil ist frühestens im Juni zu rechnen.

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