Prozess vor dem Verwaltungsgericht Münster
Hat ein Immobilieneigentümer geschützte Vögel vertrieben?

Münster -

Hat ein Wohnungseigentümer mit Hilfe baulicher Maßnahmen geschützte Mauersegler vertrieben? Ja, meint die Stadt und kassierte ein Bußgeld. Nein, meint der Betroffene – und klagte gegen die Stadt. Jetzt trafen sich beide Parteien vor dem Verwaltungsgericht.

Mittwoch, 21.04.2021, 20:00 Uhr
Mauersegler beschäftigten am Mittwoch das Verwaltungsgericht Münster.
Mauersegler beschäftigten am Mittwoch das Verwaltungsgericht Münster. Foto: Nabu

Die Wohnung der Rentnerin hat viele Fenster. „Ich bekomme alles mit, was draußen passiert“, versichert sie. Zum Beispiel, dass sich das Haus gegenüber bei Mauerseglern, einer unter Naturschutz stehenden Vogelart, großer Beliebtheit erfreue. Seit 20 Jahren herrsche dort zwischen April und September reger Flugbetrieb. „Ich bin jedes Mal glücklich, wenn die Vögel wieder aus dem Winterquartier zurück sind“, beteuert sie am Mittwoch vor dem Verwaltungsgericht.

Des einen Freud, des anderen Leid: Die Vögel hinterließen eine Menge Dreck, unter anderem im Eingangsbereich des im Südwesten Münsters gelegenen Mehrfamilienhauses. Einer der Eigentümer beauftragte daher 2018 eine Fachfirma, einen Spalt zwischen Mauer und Verblendung, hinter dem sich die Mauersegler besonders gerne aufhalten, mit einer Leiste zu verschließen. Die Vögel suchten das Weite – dafür rückte die Stadt an, nachdem sich mehrere Zeugen gemeldet hatten, die die Vögel vermissten.

Bußgeld in Höhe von 500 Euro kassiert

Eigentümer und Baufirma mussten ein Bußgeld in Höhe von jeweils 500 Euro zahlen, da – so die Begründung – die Montage der Leiste („Lochblech“) mit dem Ziel, die Mauersegler zu vertreiben, gegen das Naturschutzgesetz verstoßen habe.

Außerdem wurde der Eigentümer unter Androhung eines Zwangsgeldes in Höhe von 1000 Euro verpflichtet, die Leiste wieder zu entfernen – was er auch tat. Die Mauersegler kehrten wieder zurück, ihre Hinterlassenschaften landeten wieder auf Fensterbänken und im Eingangsbereich.

Für den Eigentümer war die Angelegenheit damit nicht beendet. Er klagte gegen die Stadt, am Mittwoch trafen sich die beiden Parteien vor dem Verwaltungsgericht. Der Hauptverhandlung war ein Eilverfahren vorausgegangen, dort hatte der Kläger sowohl vor dem Verwaltungsgericht als auch vor dem Oberverwaltungsgericht eine Niederlage kassiert: Das Vorgehen der Stadt sei rechtens gewesen, der Mauersegler sei zu schützen.

Mauersegler – oder doch nur Schwalben?

Nun also das Hauptverfahren, mehr als zwei Jahre nach Beginn des Streits zwischen Eigentümer und Stadt. Unter anderem folgende Fragen galt es am Mittwoch zu klären: Haben die Zeugen aus der Nachbarschaft in den vergangenen Jahren tatsächlich Mauersegler beobachtet – oder nur Schwalben? Haben die Vögel im vorübergehend verschlossenen Spalt wirklich gebrütet – oder sind sie einfach nur rein- und rausgeflogen? Als Gebäudebrüter wären sie nämlich ganzjährig geschützt.

Der Kläger wollte sich am Mittwoch gegenüber unserer Zeitung nicht äußern. Laut Gericht hatte er bereits zuvor verlauten lassen, schon vor Anbringen der Schutzleisten weder Vögel noch Brutstätten gesehen zu haben. Es gebe keine Frage, dass es sich tatsächlich um Mauersegler handele, so die Stadt. Sie würden sich einzig und allein deshalb auf den Weg von Afrika nach Europa machen, um dort zu brüten – was sollten sie sonst in dem Gebäude im münsterischen Südwesten machen?

Urteil in wenigen Tagen erwartet

Zudem stellte die Stadt klar, dass es die Option, den Mauerseglern einen anderen Brutort schmackhaft zu machen, schlichtweg nicht gebe: Die Vögel seien standorttreu, steuerten also Jahr für Jahr erneut den gleichen Ort an.

Das Urteil wird das Verwaltungsgericht Münster im Laufe der nächsten Tage bekanntgeben.

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