Franceschetti-Zwahlen-Syndroms
Operation verhilft Justin Fechter zu mehr Lebensqualität

Münster -

Justin Fechter hat in seinem jungen Leben schon viel durchgemacht. Doch in Münster konnte dem jungen Mann aus Frankfurt nun geholfen werden – mit einer Behandlung, die so in Deutschland einzigartig ist.

Dienstag, 04.05.2021, 21:20 Uhr
Justin Fechter (M.) neben Professor Dr. Ulrich Meyer (l.) und Dr. Bernd Hoffmann. Schon wenige Tage nach der Operation erkennt man die symmetrische Kopfform, die der Patient angestrebt hat.
Justin Fechter (M.) neben Professor Dr. Ulrich Meyer (l.) und Dr. Bernd Hoffmann. Schon wenige Tage nach der Operation erkennt man die symmetrische Kopfform, die der Patient angestrebt hat. Foto: Björn Meyer

Als der heute 17-jährige Justin Fechter noch ein kleiner Junge war, da habe er, so erinnert sich seine Pflegemutter Karola Fechter, sie nach einem Spielplatzbesuch gefragt: „Sehe ich wirklich so schlimm aus?“ Fechter leidet seit seiner Geburt am Franceschetti-Zwahlen-Syndrom, einer schweren Gesichtsfehlbildung, die neben den kosmetischen auch gesundheitliche Folgen haben kann. Bereits an seinem zweiten Lebenstag erhielt Fechter einen Luftröhrenschnitt, auf den er noch heute angewiesen ist.

Justin Fechters leibliche Mutter gibt ihren Sohn, der noch einen Zwillingsbruder hat, ab. Nur das gesunde Kind behält sie. Bei seiner Pflegemutter findet er zwar ein behütetes Zuhause. Doch an seiner Erkrankung leidet er. Kinder laufen vor ihm weg oder hänseln ihn. Irgendwann sei er einfach nicht mehr rausgegangen, habe sich vor dem Fernseher oder hinter dem Tablett verschanzt, erzählt Karola Fechter.

Glückliche Fügung

Auch die medizinische Betreuung läuft den Schilderungen seiner Pflegemutter zufolge alles anderes als optimal. Irgendwann steht Justin Fechter bei seinem behandelnden Arzt einfach auf. Er hat sämtliches Vertrauen verloren und sagt, dass er sich hier nicht mehr operieren lasse. Von einem anderen Mediziner werden Karola und Justin Fechter 2019 nach Münster zu Professor Dr. Ulrich Meyer geschickt. Der Gründer der Kieferklinik Münster (Zentrum für Kiefer-, Gesichts und Schädelfehlbildung) hat gemeinsam mit Professor Dr. Uta Schick und Dr. Bernd Hoffmann von der Neurochirurgie des Clemenshospitals ein Verfahren entwickelt, das die notwendige Zahl der Operationen für Patienten mit dem Franceschetti-Zwahlen-Syndrom, das bei fünf von 100 000 Kindern auftritt, verringert und nur zu wenigen Komplikationen führe, so Bernd Hoffmann. Schon innerhalb weniger Tage könnten die Patienten nach der OP die Klinik verlassen.

Mittels digitaler Technik, unter anderem aus dem 3D-Drucker, wird – verkürzt dargestellt – der Kopf des Patienten an einen üblichen Standard, was Symmetrie und Funktion angeht, möglichst angeglichen. „Das ist nicht nur eine Frage der Kosmetik, sondern auch der Lebensqualität“, stellt Hoffmann klar. Dabei ist das Clemenshospital eigenen Angaben zufolge das einzige Haus in Deutschland, das die notwendige Kieferverlagerung zeitgleich mit der Weichteilunterfütterung sowie der Rekonstruktion im Schädelkalottenbereich als auch im Kiefer durchführt. Auch den amerikanischen Spezialisten sei man voraus, sagt Meyer.

Hoffen auf ein Treffen mit dem Zwillingsbruder

Für Karola Fechter steht längst fest, dass niemand anderes als Gott sie und ihren Sohn nach Münster geführt habe. Schon als sie Professor Meyer das erste Mal getroffen habe, habe er ihr gesagt, dass man die Operation erfolgreich durchführen könne. Justin Fechter musste er versprechen, dass kein taubes Gesicht zurückbleibe. Beide Versprechen haben die münsterischen Mediziner dieser Tage eingehalten.

Und Justin Fechter? Der will sobald wie möglich seinen Zwillingsbruder treffen, zu dem er bislang keinen Kontakt hatte. Er will einfach endlich raus.

https://event.wn.de/news/705/consume/10/2/7949690?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker