Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant trifft Jürgen von der Lippe
Der altersmilde Wilde

Jürgen von der Lippe scheint schon immer dagewesen zu sein. Seit er Anfang der 70er Jahre nach Berlin ging und dort „Kreuzberger Nächte“ besang, reißt sein Erfolg nicht ab: Platten, Fernsehshows, Bücher, Filme und vieles mehr hat von der Lippe gemacht. Auch in der Halle Münsterland, wo er im Oktober auftrat, warfen sich viele seiner Fans für ihn ins Hawaii-Hemd. Als er vor der Show mit uns sprach, erlebten wir einen nachdenklichen, philosophischen Schelm, der sein Handwerk reflektiert. Und vieles andere auch – vom Gender-Thema bis hin zu kirchlichen Querelen.

Mittwoch, 28.02.2018, 17:32 Uhr aktualisiert: 28.02.2018, 17:40 Uhr
Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant trifft Jürgen von der Lippe: Der altersmilde Wilde
Die Zahl seiner Projekte ist kaum noch überschaubar: Jürgen von der Lippe. Foto: Stadtgeflüster

Ein Fan von Ihnen aus der Redaktion sagte: „Der von der Lippe ist so gut, weil er so gebildet ist.“ Ich entgegnete: Die deftigen Witze unter der Gürtellinie sind bei ihm aber häufiger.

Nein, falsch. Goethe sagt: „Ein jeder hört nur das, was er versteht.“ Die sogenannten deftigen Witze sind ja nichts anderes als die wirkungsvollen. Sie machen vielleicht zehn Prozent aus und gehören zum guten Handwerk. Der Rest ist purer Bildungshumor, aber wenn ich mit Kants „Kategorischem Imperativ“ anfange, lese ich das nie in einer Rezension. Mache ich hingegen einen kleinen dreckigen Witz … Daran habe ich mich aber gewöhnt und betrachte es mittlerweile nicht mehr als mein Problem. Ich habe schon dermaßen oft erklärt, wie Comedy funktioniert! Sogar Herrn Gysi auf meinem YouTube-Kanal. Man fragt doch auch keinen klassischen Romancier: „Warum hast du dort eine Sex-Szene eingebaut?“ Und auch keinen Maler: „Warum malst du einen Akt?“ Ausgerechnet Comedians sollen sich also dafür rechtfertigen? 

 

Sie waren ja schon dabei, lange bevor der Comedy-Boom aufkam. Zuerst kam Otto, dann Sie.

Nein, Otto war nicht der Erste. Man muss sagen, dass die Linie deutlich älter ist. Es ging bereits mit Heinz Erhardt los – in den 50er Jahren, als es noch die bunten Nachmittage im Radio gab. Die Conferenciers, wie sie damals hießen, brachten viele Parodien. Rolf Stiefel habe ich damals sehr gerne gehört. Auch Frankenfeld kann man zur frühen Comedy zählen. Danach kamen die Insterburgs und mit ihnen die ganze Berliner Szene. Inklusive Ulrich Roski, meinem Idol. Otto brach wie ein Tsunami über darüber hinein. Kurz darauf Mike Krüger. Wir tummelten uns in dieser Berliner Szene ebenfalls, aber nicht mit vergleichbarem Erfolg. 

 

Mit „wir“ meinen Sie die „Gebrüder Blattschuss“…

Mit „Blattschuss“ formierte sich die komische deutsche Liedermacher-Szene – anfangs nur, um einem unserer Stammlokale zum 13. Geburtstag zu gratulieren, und das war so ein Erfolg, dass mein Produzent sagte: „Da müssen wir mehr draus machen!“ Da haben wir amerikanische Oldies auf Deutsch verulkt. Bis mit dem Lied „Kreuzberger Nächte“ der größte Erfolg einschlug. Unmittelbar danach habe ich aber die Gruppe verlassen. 

 

Sind Sie als Künstler und Mensch noch derselbe wie damals?

Nein, ich bin schwerer und älter geworden. Hoffentlich auch weiser. Mit der zunehmenden Lebenserfahrung wachsen die Altersweisheit und vor allem die Altersmilde. Das glaube ich an mir selber sehr prägnant feststellen zu können. 

 

Sie haben sich auch stets explizit zur Fernseh-Unterhaltung bekannt.

Brecht hat gesagt: „Wenn etwas nicht der Rechtfertigung bedarf, ist es die Unterhaltung.“ Fernsehen ist eine Herausforderung. „Geld oder Liebe“ beispielsweise wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Ich war immer an allen Formaten interessiert, habe alles gemacht – außer Ausdruckstanz und Synchronschwimmen. Ich habe ein Filmdrehbuch geschrieben und das selbst gespielt, ebenso ein Theaterstück. Ich bin als Buchautor überaus erfolgreich, lese auch mit großer Leidenschaft Bücher anderer Autoren als Hörbuch ein. Das ist meiner Neugier, meinem Spielbetrieb und sicherlich auch meinem Ehrgeiz geschuldet. 

 

Vor drei Jahren haben Sie mit dem Gender-Thema eine kleine Bombe platzen lassen. In einem Spiegel-Interview, dessen Überschrift lautete: „Die Gender-Scheiße macht mich fertig“. Ich weiß das noch so genau, weil ich es damals zustimmend auf meiner Facebook-Seite geteilt habe. Das bescherte mir dann einen…

… Shitstorm, klar. Dazu gibt es ein schönes Zitat von Joschka Fischer: „Mir gehen die Klemm-Chauvis auf den Sack, die auf breiter Schleimpur der Frauenbewegung hinterherkriechen.“ 

 

„Klemm-Chauvi“ – den muss ich mir merken.

Ich bin gerne bereit, das mit jedem zu diskutieren, aber es ist schlicht und ergreifend Unsinn. Jeder darf denken, was er will – auch, dass die Geschlechter nur soziale Konstrukte sind. Man kann aber nicht einfach das generische Maskulinum abstreiten, denn es ist eine sprachliche Tatsache. Da hört‘s bei mir auf! Das grammatische Geschlecht heißt ja Genus, das biologische hingegen Sexus. In der Sprache haben wir jedoch drei Genera, nämlich auch noch das Neutrum – allein deshalb kann man das doch unmöglich gleichsetzen oder verquirlen. Die grammatischen Geschlechter sind ja völlig willkürlich entstanden: Der deutsche Mond ist im Italienischen weiblich, „La Luna“.   

 

Wann waren Sie erstmals in Münster?

Puh! Das muss Ende der 70er oder Anfang der 80er gewesen seien. Wie heißt noch diese Auftritts-Kneipe, wo ich angeblich immer noch einen Deckel habe?

 

Destille – da hängt noch immer ein altes Foto von Ihnen.

Ja, Destille! Da ist man immer fürchterlich abgestürzt. Ähnlich wie in Paderborn in der „Tuba“. Da ist man bei den Matineen aufgetreten und war noch besoffen vom Vorabend. (lacht) Eine wilde Zeit!

 

Haben Sie damals eine Beziehung zur Domstadt entwickelt?

Zunächst mal kommt Götz Alsmann von hier, den ich sehr schätze. Außerdem habe ich hier meinen Kinofilm „Nich’ mit Leo“ gedreht, der in kirchlichen Kreisen hohe Wellen schlug. Eine Zeitungs-Überschrift lautete: „Von der Lippe von Kirchenhass zerfressen“. Die Kirche konnte damals durchsetzen, dass der Film erst ab zwölf freigegeben wurde, was eine massive wirtschaftliche Benachteiligung war. Nach wie vor funktioniert die Trennung von Kirche und Staat nicht richtig.

 

Entstand der Film komplett in Münster?

Also, es gab hier diese ehemalige englische Garnison, da haben wir den Film-Puff in die Kapelle gebaut. Das Ganze hat damals einen Riesenspaß gemacht. Aber die Kirche versteht eben wenig Spaß. Damals beim „WWF-Club“, meiner ersten Fernseh-Tätigkeit, da stand jede Woche der Beauftragte der Katholischen Kirche auf der Matte. Jede Woche. Wie hieß er noch gleich…? Pater Burbach. Obwohl mir Priester auch gesagt haben, dass meine Satire intern immer geschätzt wurde. Wenn ich bedenke, was die Kirche weltweit immer noch anrichtet durch Kondom- und Pillen-Verbote…  

 

Glauben Sie, dass sie sich langfristig selber abschafft?

Es besteht fraglos ein Bedürfnis nach Spiritualität, wie immer die aussehen mag. Und natürlich muss eine Kirche, die auf sich hält, darauf bestehen, dass sie die einzig Wahre ist. Aber: Das Gegenbeispiel ist der Buddhismus – der eigentlich gar keine Religion ist, sondern genau dieses nicht tut. Und deshalb bei Künstlern und Intellektuellen hoch angesehen ist. 

 

Was lehrt uns das?

Es wäre doch denkbar, dass die Kirche sagt: Den Gottesbegriff überlassen wir jedem Einzelnen. Im Christentum gibt es wenig, was nicht „gestohlen“ ist. Alles schon mal dagewesen. Das Übers-Wasser-Laufen, die Unbefleckte Empfängnis – alles gab es schon irgendwo viel früher. Ein Grundstock an Mythen, aus dem die Väter des Alten Testaments sich bedient haben. Deshalb ist auch vieles verhandelbar, finde ich. Wenn man das „freiließe“ und sagen würde: „Wir einigen uns auf irgendeine Macht, die der Urgrund ist.“ Deswegen bin ich ja auch kein Atheist, sondern Agnostiker, der sagt. „Ich weiß es nicht“. Es gibt das wunderbare Wort von Julian Barnes: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Er meint dieses befreite Gefühl, das man als Kind nach dem Beichten empfand: Wenn ich jetzt sterbe, komm’ ich sofort in den Himmel! 

 

Wie lange hielt Ihre Kindheits-Frömmigkeit an?

Ich war bis zum Alter von 20 gläubig – dann ging es nicht mehr. Das kam auch durchs Philosophie-Studium; natürlich kam man da von einem ideologischen Bett ins andere. Man wurde strammer Sozialist, hat die Mauer ganz toll gefunden und diesen ganzen Unsinn. Wenn ich mir heute den Mist durchlese, den ich damals verzapft habe … Tucholsky wird ja das Zitat zugeschrieben: „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz – wer es mit 40 noch ist, keinen Verstand“. Es wird auch Kästner und andern zugeschrieben, aber es ist was dran. 

 

Das Christentum steckt überall in unserer Kultur drin: In der Kunst, der Musik,
in Goethes „Faust“ oder im ganzen Shakespeare.

Natürlich ist das der abendländischen Kultur immanent – und es steckt auch in mir. Es hat immer Spaß gemacht, Priester zu spielen, was ich deshalb oft gemacht habe. Womit man aufgewachsen ist, das will man doch nicht loswerden. Ich habe mich mit der Absurdität des Daseins abgefunden – aber wer weiß, wie ich mal abtreten werde? Bei Paulus war es ja ein epileptischer Anfall – Frontallappen-Epilepsie. Also, wer weiß? Ein greller Blitz und Zack, bin ich wieder gläubig! (lacht)

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Jürgen von der Lippe

Das Comedy-Urgestein wurde 1948 in Bad Salzuflen als Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp geboren. Er sagte einmal, dass er den Künstlernamen gewählt habe, weil Journalisten damit viele Wortspiele bilden könnten. Außerdem liege sein Geburtsort in Lippe. Ab 1970 studierte er Germanistik, Philosophie und Linguistik für das Lehramt, schloss das Studium jedoch nicht ab. Im Jahr 1976 gründete er zusammen mit Hans Werner Olm und anderen die „Gebrüder Blattschuss“, denen er bis 1979 angehörte. 1994 spielte er in der Komödie „Nich’ mit Leo“ (gedreht in Münster) in einer Dreifachrolle einen katholischen Pfarrer, einen Bordellchef sowie einen Fremdenlegionär. Die Zahl seiner Projekte ist kaum noch überschaubar. Wer es dennoch versuchen will, klicke auf: 

juergenvonderlippe.de

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