Mi., 28.02.2018

Stadtgeflüster-Interview: Dominik Irtenkauf hört von den Plänen des Systemingenieurs Dr. Florian M. Nebel, den Mond zu besiedeln Siedler auf dem Mond

Stadtgeflüster-Interview: Dominik Irtenkauf hört von den Plänen des Systemingenieurs Dr. Florian M. Nebel, den Mond zu besiedeln: Siedler auf dem Mond

Dr. Florian M. Nebel hat eine Machbarkeitsstudie zur Besiedlung des Mondes veröffentlicht. Foto: Stadtgeflüster

Nächstes Jahr jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal. Inzwischen denkt man laut über die Besiedlung des Mondes nach. Was zugegebenermaßen noch arg nach Science Fiction klingt, könnte bald Realität werden. Jedenfalls, wenn man Florian Nebel folgt. Der Autor hat eine Machbarkeitsstudie im Landwirtschaftsverlag Münster veröffentlicht – und ist davon überzeugt, dass ziviles Leben auf dem Erdtrabanten in greifbarer Nähe liegt.

Von Dominik Irtenkauf

Die Reise zum Mond ist ein Menschheitstraum.

Mein Hauptinteresse in dem Buch ist herauszufinden, ob man mit heutigen oder in absehbarer Zukunft verfügbaren Mitteln den Mond besiedel- und bewohnbar machen kann.

 

Als häufiges Gegenargument werden die Kosten einer solchen Unternehmung angeführt…

Den Kostenfaktor habe ich, da dieses Argument häufig kommt, gründlich betrachtet. Selbst im schlimmsten Fall sind die Kosten immer noch überschaubar, denke ich, wenn man das mit der Größendimension vergleicht, die die ISS oder die Apollo-Mission gekostet haben. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass am Ende eine nachhaltige, sich selbst versorgende Mondsiedlung steht, die auch aus sich herauswachsen kann.

 

Hatten denn die Apollo-Missionen bereits damals Pläne ins Auge gefasst, den Mond nachhaltig zu besiedeln?

Nein. Das war zu der Zeit noch überhaupt kein Ziel. Es galt lediglich, einen Amerikaner auf den Mond zu befördern – und sicher wieder heim. Und man hat beinahe den Eindruck, dass sie etwas überrascht waren, nachdem ihnen dies 1969 geglückt ist. Ein nachhaltiges Konzept hat man damals nicht verfolgt.

 

Die Amerikaner haben ja ziemlich viel investiert…

Man ist zwar noch ein paar Mal hochgeflogen, hat mit dem Mondauto die Reichweite vergrößert, die Aufenthaltsdauer verlängert, aber viel ist nicht übriggeblieben vom Menschen auf dem Mond. Die Saturn-Rakete hat man ebenfalls eingestellt – und muss heute viel Geld ausgeben, um ähnliche Flugkörper zu entwickeln.

 

Es hängt immer etwas von der politischen Stimmung ab, ob das Ziel der Mond oder der Mars sein soll. Sie gehen dezidiert auf den Mond ein. Weil dieser näher liegt?

Aus meiner Sicht liegt der große Vorteil, zuerst den Mond zu wählen, darin, dass man keinerlei Erfahrung mit der Gründung einer Siedlung außerhalb der Erde hat. So könnte man auf dem Mond wertvolle Erkenntnisse sammeln. Zuerst macht man immer einige Fehler, die man später besser vermeiden kann. Es wäre einfacher, solche Schnitzer auf dem Mond zu korrigieren.

 

Wie das?

Hier braucht man nur ein paar Tage, um Verstärkung oder Nachschub zu holen. Im Notfall würde es auch nur ein paar Tage dauern, um jemanden zur Erde zurückzubringen. Auf dem Mars ist das alles nicht spontan möglich. Hat man Pech, muss man zwei Jahre warten, bis man überhaupt starten kann – und hat dann noch eine Flugzeit von etwa 250 Tagen vor sich. Das ist ziemlich viel.

 

Da der Mond erreicht wurde, rückte der Mars aufgrund der höheren Distanz in den Fokus. Der Mars ist noch „neu“, macht in der Presse mehr Eindruck…

Ganz klar, auf dem Mars war noch niemand, und der Mensch strebt ja stets danach, der Erste zu sein. Deswegen war es über viele Jahre hinweg natürlich attraktiver, über den Roten Planeten zu sprechen. Aber ich denke, dass das neue Ziel ist, zum Mond zurückzukehren. Von dort zum Mars zu fliegen, ist erheblich vernünftiger als direkt von der Erde aus, wie es die letzten zwanzig Jahre erwogen wurde.

 

Der Mond als Zwischenstation?

Nach meinen Rechnungen könnte man ordentlich Geld sparen, indem man den Treibstoff für eine Marsmission auf dem Mond produziert und nicht von der Erde aus in den Orbit bringt. Ich denke, die aktuellen Überlegungen der Amerikaner, eine Marsmission zu unternehmen, die vom Mond aus startet, gehen in diese Richtung.

 

Sie stellen Bergleute neben die Astronauten, die in der Mondsiedlung genauso wichtig sein werden. Wie das?

Die heute diskutierten Ideen gehen davon aus, sich von der Erde irgendwelche Gebäude mitzubringen, seien es Zelte oder, wie bei der Raumstation, Druckbehälter aus Metall. Die bergen alle den Nachteil, dass sie mit der Zeit kaputtgehen. Kommen neue Einwohner hinzu, muss man stets die entsprechenden Wohnräume mitnehmen. Ein Wahnsinnsaufwand, der sich reduzieren lässt.

 

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Mein Vorschlag ist an dieser Stelle sicher etwas innovativer: Unterirdische Anlagen zu bauen und sich in die vorhandenen Berge einzugraben. So wie die ersten Siedlungen auf der Erde unterirdisch waren: in natürlichen oder später selbst gegrabenen Höhlen.

 

Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln stellt ein anderes „Problem“ dar. Wie viel könnte man auf dem Mond diesbezüglich anbauen?

Es geht darum, ob man es schafft, Landwirtschaft bei dieser niedrigen Gravitation und mit künstlichem Licht zu betreiben. Man hat bereits auf der Erde mit solchem Kunstlicht überzeugende Ergebnisse erzielt. Pflanzen haben sich darauf eingestellt.

 

Gab es dazu bereits Versuche?

Auf der ISS haben leider bislang nur wenige Experimente zum Pflanzenwachstum stattgefunden. Man hat beobachtet, dass Pflanzen bei niedriger Gravitation eher schneller wachsen als bei irdischer Schwerkraft. Landwirtschaft müsste auf dem Mond daher gut funktionieren.

 

Sie schildern vier Wellen der Besiedelung. Es dauert einige Zeit, bis die ersten Siedler nachreisen können. Wie schnell kann aber solch eine Mondsiedlung wachsen?

Das hängt vor allem vom investierten Geld ab: Wie viele Leute bringt man am Anfang hin? Wie viele schickt man in welchen Intervallen hinterher? Die Bergmannsleistung habe ich sehr konservativ eingeschätzt. Dabei habe ich mich an Zahlen orientiert, die die Bergleute am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Ukraine erreicht haben. Verglichen mit dem heute Möglichen, dürften das ziemlich geringe Bergbauleistungen gewesen sein.

 

Bezogen auf die Gegenwart heißt das?

Das sollte man mit modernem Equipment im 21. Jahrhundert auf dem Mond mindestens genauso gut können. Auch wenn man eine Leistung annimmt, die vor über 100 Jahren erbracht worden ist, würde die Erweiterung der Siedlung relativ zügig voranschreiten, weil man viel Fläche pro Tag freilegen kann. Der räumliche Ausbau ist nach meinen Einschätzungen unproblematisch.

 

Eine Rolle spielt sicher die ungewohnte Umgebung. Der psychologische Effekt des Grau in Graus auf dem Mond.

Ich denke, dass auf jeden Fall Pflanzen und Tiere von Anfang an fester Bestandteil einer solchen Siedlung sein müssten. Aus naheliegenden Gründen: der Selbstversorgung wegen natürlich, aber eben auch aus psychologischen Faktoren. Ein bisschen Grün ist letztlich schöner. Natürlich sollte man auch, gerade wenn man unterirdisch baut, für genug Sonnenlicht sorgen.

 

Klar. Wer möchte schon im Dunkeln leben?

Deshalb sollte man da gegensteuern, die Wohnungen der Siedler an der Außenseite des Berges anlegen. Man sollte Fenster einbauen, um einen schönen Ausblick auf die Erde, den Mond, die Sonne oder den Sternenhimmel zu ermöglichen. Das große Plus für die ersten Siedler ist natürlich, dass sie sich hier eine eigene Welt schaffen können. Sie fangen völlig bei null an. Die Leute, die dieses Wagnis auf dem Mond eingehen, sind wahrscheinlich Menschen, denen es Spaß macht, ihre eigene Welt zu schaffen.

 

Kritische Stimmen fragen, warum man fremde Planeten aufsuchen soll, wenn erstmal auf der Erde ökologisch, ökonomisch und politisch einiges verbessert werden müsste.

Das ist natürlich ein Standardargument, dass die Erde der bekanntermaßen beste Platz im Universum sei, den wir kennen, und man darauf besonders aufpassen solle. Will man hingegen eine Mondsiedlung aus dem Nichts aufbauen, so muss man dort auch die ganzen Kreislaufprozesse erst etablieren, die auf der Erde geschenkt oder von der Natur aus da sind. Der Respekt für die Erde wird wachsen, je mehr man erkennt, wie schwer es ist, diese Prozesse nachzubilden.

 

Es gibt dieses bekannte Foto der Erde vom Mond aus. Diesen Anblick würden die Mondmenschen dann quasi live sehen – und dadurch der Respekt für die Erde auch wachsen können.

Umgekehrt schauen auch Leute auf der Erde in Richtung Mond und sehen die Mondsiedlung. Das könnte auch das irdische Wir-Gefühl bestärken, weil sich der menschliche Siedlungsraum plötzlich in Mond und Erde untergliedert – und nicht mehr in Europa und Asien.

 

Würden Sie selbst mitfliegen?

Ich bin da hin- und hergerissen, aber mich würde das schon sehr reizen. Ich bin einer dieser Leute, die gerne etwas Neues auf dem Mond erschaffen wollen. Vermutlich wird es bis zur ersten Mondsiedlung noch etwas dauern, weshalb ich nicht damit rechne, gesundheitlich noch fit genug zu sein.

 

Wie lange wird es denn noch dauern?

Ich denke, dass es noch zehn, wahrscheinlich eher zwanzig Jahre dauern wird, bis eine Mondsiedlung da ist. Wenn man es bis 2035 hinbekäme, wäre das wirklich ein enormer Durchbruch. Und wenn dann zehn Jahre später die ersten Zivilisten zur Kolonie umsiedeln könnten, wäre das für mich zeitlich noch ziemlich nah. Ich denke schon, dass wir gute Chancen haben werden, das noch zu erleben.

 

Vielen Dank für das spannende Gespräch, Herr Nebel.

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Dr. Florian M. Nebel

Arbeitet als Systemingenieur bei einem deutschen Luft- und Raumfahrtkonzern. Sein Buch „Die Besiedlung des Mondes. Technisch machbar. Finanziell profitabel. Logisch sinnvoll“ bei LV.Buch (2017) wurde durch die Verschwörungstheorien inspiriert, die die Mondlandung von 1969 bestreiten. Der Kernphysiker schreibt auch gern literarisch, so z. B. seinen Cyberpunk-Roman „Schatten der Paranoia“. 



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