Mi., 28.02.2018

Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Gerhard Delling auf einen Schnack vor den Olympischen Spielen Ihr Pseudowissen ist hier nicht gefragt!

Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Gerhard Delling auf einen Schnack vor den Olympischen Spielen: Ihr Pseudowissen ist hier nicht gefragt!

Gerhard Delling erhielt für die Moderation zusammen mit Günter Netzer im Jahr 2000 den Adolf-Grimme-Preis und im Jahre 2008 den Medienpreis für Sprachkultur. Foto: Stadtgeflüster

Sportreporter gab es viele, gibt es viele und wird es wohl immer geben. Die meisten nimmt man wahr, ohne sie zu bemerken. Manchmal bemerkt man sie – und will es nicht wahrhaben. Wurde man etwa nach Fußballspielen eines gewissen Duos vor der Kamera gewahr, konnte man sich einer Sache sicher sein: Bei Netzer/Delling traf fundiertes Wissen auf „Szenen einer Ehe“, hier wurde – nicht ohne Spitzen –
in deutschen Wohnzimmer informiert, unterhalten und erheitert.

Von Tom Feuerstacke

Gerhard, welche Funktion bekleidest du im Augenblick?

Ich bin Freiberufler. Als genauere Bezeichnung würde ich „Medienunternehmer“ sagen. Ich bin vor der Kamera in der Sportschau und dem Sportclub des NDR sowie bei verschiedenen Großveranstaltungen wie etwa den Olympischen Winterspielen tätig. Ein großer Teil meiner Arbeit findet hinter den Kulissen statt – viel im digitalen Bereich, da ich die Entwicklung dort extrem spannend finde. Ich schreibe wöchentlich eine Zeitungskolumne, bin als Moderator tätig. Als Persönlichkeitscoach werde ich auch gebucht. Alles in allem kann ich sagen, dass meine Aufgaben vielfältig sind, aber der Schwerpunkt auf dem Journalismus liegt.

 

Vom Programmleiter Sport und festen Moderator zum freien Mitarbeiter. Was hat sich geändert?

Das kann man nicht so einfach erklären. Ich war einige Jahre Sportchef, die Zeit war hochintensiv. Ohne mich beschweren zu wollen: Das waren oft sechseinhalb Tage die Woche, die mich der Job beansprucht hat – was zwar sehr gut war, weil ich gern arbeite. Aber nebenher musste ich noch meine ganzen Moderationen vorbereiten. Aus dieser Zeit habe ich viel mitgenommen. Als die wichtigsten Ziele erreicht waren, habe ich andere Herausforderungen angenommen.

 

Dieses Jahr wird für Sportbegeisterte hochspannend: Die Handball-EM läuft. In Südkorea werden die Olympischen Winterspiele ausgetragen – und dann wäre da noch es die Fußball-WM in Russland. Zwei dieser sportlichen Großereignisse dürften auch politisch interessant werden. Wie sehr macht das für dich den Reiz aus?

Für mich ist das eh nicht voneinander zu trennen. Auf der einen Seite bin ich der Sportjunkie, der alles mitkriegen muss, was an sportlichen Ereignissen passiert. Auf der anderen Seite bin ich froh, vor Ort zu sein, da ich spüren muss, wie die Stimmungslage im Land ist. Wie die Menschen drauf sind und reagieren. Ob wir richtig denken, die Dinge passend wahrnehmen, kann man letztendlich nur vor Ort verifizieren. Wenngleich ich sagen muss, dass unsere Sendeaufgaben bei sportlichen Großveranstaltungen im Ausland sehr umfangreich geworden sind. Sodass es – mit einem kleinen Wermutstropfen – kaum Möglichkeiten gibt, intensiv in politische Themen einzusteigen, geschweige denn darüber zu berichten. Trotzdem finde ich das enorm wichtig.

 

Warum?

Weil es den Sport und dadurch den Zuschauer und auch mich bereichert. Sport ist ein weltweites Phänomen. Es verbindet Menschen. Beinahe sämtliche Menschen, die im Spitzensport unterwegs sind, kennen keine Ressentiments, da im Sport sehr viel Austausch passiert. Das ist höchst interessant.

 

Aus Russland hört man nichts Gutes im Bereich Menschenrechte und Pressefreiheit. Da fällt es mir recht schwer zu glauben, dass ein gesunder Austausch stattfinden wird.

Wo Menschen aufeinandertreffen und ins Gespräch kommen, findet immer Austausch statt. Natürlich gibt es Fehlentwicklungen, auf die wir zu Recht hinweisen. Als ich seinerzeit zu den Winterspielen in Sotschi war, begann zeitgleich die Krimkrise. Da hat es mich total überrascht, was junge studierte Menschen über ihr Land dachten und gesprochen haben. Das sind ganz andere Maßstäbe, die da zum Tragen kamen. So ist mir einmal mehr klargeworden, dass wir unser Verständnis nicht überall übertragen können. Jedes Land hat eine andere Historie, befindet sich damit auf einem anderen Stand.

 

Heißt das nun, man soll Dinge akzeptieren? Oder müssen wir einschreiten?

Natürlich müssen und dürfen wir auch aus unserem Verständnis und unseren Werten heraus nicht alles akzeptieren. Wenn z. B. Menschen verprügelt werden, noch dazu in aller Öffentlichkeit, vor laufenden Kameras – etwa Pussy Riot während der Zeit der Winterspiele damals, als sie öffentlich demonstrierten. Da ist es wichtig, dass man darauf aufmerksam macht, sich dem entgegenstellt. Darüber hinaus ist es aber auch wichtig, zu verstehen, wie solche Geschehnisse möglich sind. Wie die Menschen in dem Land darüber denken und empfinden. Und im besten Fall darüber zu
diskutieren oder auch mal
zu streiten.

 

Reichen denn vier Wochen WM aus, um uns zum Um- oder Mitdenken anzuregen?

Keineswegs. Das müsste sowieso latent vorhanden sein, dass wir das eine oder andere etwas mehr prüfen, bevor wir urteilen. Unabhängig davon ist es gut, wenn wir von einem ganz anderen Standpunkt kommen und diesen mit der gebotenen Diplomatie immer wieder erläutern. Das wäre dann der Austausch bei Großveranstaltungen – egal, ob die Oberen in der Politik das wollen, oder nicht. Das sind die Dinge, die haftenbleiben. Da können sich Politiker auf den Kopf stellen. Das wird keine Revolution auslösen. Es wird aber dafür sorgen, dass ein kleiner, gutartiger Bazillus eingepflanzt ist, der sich hoffentlich mal positiv entwickeln wird.

 

Funktionäre sprechen gerne davon, dass der Sport kein Politikum sei und über Grenzen verbindet. Du sagst, dass die Politik dazugehört. Warum haben Funktionäre diesen konträren Ansatz?

Manchmal glaube ich, dass das nur dahergeredet ist. Man will sich gerne unabhängig geben, um weniger in der Kritik zu stehen, weniger beobachtet zu werden. Was am Ende die Beweggründe sind, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es bei weltweit beachteten Großveranstaltungen einen gänzlich unpolitischen Sport kaum mehr gibt.

 

Bist du wegen deiner unmissverständlichen Haltung im Ausland schon mal an deiner Arbeit gehindert worden?

Nein. In Sotschi hatte ich Bedenken, weil ich noch nie Olympische Winterspiele mit so vielen Zäunen erlebt habe. Das hat mich nachdenklich gestimmt. Aber dennoch wurden wir in unserer Arbeit nicht behindert – und das bis heute nicht. Was aber passiert: Das Land, in dem man sich befindet, wird einem auf eine bestimmte Weise präsentiert. Und zwar fast immer von der besten Seite. Genau da obliegt es uns Journalisten, auszubrechen, uns ein eigenes Bild zu verschaffen.

 

Sag mal, wie sehr vermisst du Günter Netzer?

(Lacht) Im Grunde gar nicht, weil ich regelmäßigen Kontakt zu ihm halte. Mir fehlt natürlich die gemeinsame Fachsimpelei vor der Kamera – aber die ist ohne TV nicht weniger interessant – jetzt halt nur privat.

 

Ist es wirklich so, dass dich viele Menschen auf Günter Netzer ansprechen und seine fehlende Präsenz bedauern?

Ja, das passiert in letzter Zeit häufiger, habe ich den Eindruck. Aber egal, ob mich Tausende darauf ansprechen oder einer: Was nicht passiert, ist, dass die Leute im Nachhinein unsere Arbeit als Mist bezeichnen. Damit haben wir eine Menge erreicht, finde ich.

 

So gar keine Kritik!? Nicht mal eine Klitzekleine?

Sicherlich hat nicht jedem alles gefallen, das wäre ja auch fürchterlich. In Zeiten der sozialen Medien ist es gar nicht mehr möglich, sich öffentlich zu äußern, ohne dass sich sofort jemand meldet, der eine gänzlich andere Meinung vertritt. Was für unseren Berufsstand meiner Meinung nach enorm wichtig ist: Dass wir ernstgenommen werden. Und zwar auf der Basis einer fundierten Ausbildung sowie einer sehr bewussten Haltung. Wenn das dann auch so wahrgenommen wird, muss ich sagen, ist ganz viel erreicht.

 

Habt ihr beiden euch mal wirklich gestritten, nachdem die Kamera aus war?

(Lacht) Natürlich. Das gehört ja quasi zu diesem Umgang. Wenn einem das wichtig ist, was man da tut, gehört nicht nur dazu, dass man konträre Meinungen austauscht, sondern man lebt das dann auch. Es gab durchaus schwierige Phasen, wenn die Kamera aus war. Hier und da fand sich sicher auch mal eine nicht von Harmonie getragene Sendung. Solche wurden dann für uns beide besonders interessant, weil wir da gerne versucht haben, uns auf süffisante Art und Weise gegenseitig aus der Reserve zu locken.

 

Günter Netzer wirkte vor der Kamera oft wie einer, der zum Lachen in den Keller geht. Während du immer ein leichtes Grinsen in deiner Mimik hattest. War der Netzer echt humorlos?

Das liegt in der Natur der Sache, da man vor der Kamera immer das nötige Adrenalin hat, was einen daran hindert, über jede Kleinigkeit lauthals loszulachen. Das will ja auch niemand. Aber er hat durchaus jede Menge Humor. In Afrika z. B. mit den Vuvuzelas half auch das Adrenalin bei Günter Netzer nicht mehr. Wir kamen gegen diese Lautstärke im Stadion nicht mehr an, da brach es aus uns heraus. Vor allem bei ihm. Aber eigentlich haben wir uns stets auf das besonnen, wofür wir da waren. Dazu gehörte eben nicht, Späßchen zu machen, sondern Spiele aufmerksam zu verfolgen, um sie anschließend zu besprechen und zu analysieren.

 

Am Ende des Interviews kommst du nicht drum herum, uns zu verraten, wie weit die deutsche Mannschaft bei der WM deiner Meinung nach kommen wird?

(lacht) Das kann niemand so genau sagen. Aber da habe ich eine fundierte Meinung, weil ich das Thema über viele Jahre verfolgt habe: Ich finde es eine konsequente Leistung, die die Nationalmannschaft vorweisen kann. Das ist durchdacht und es wird versucht, neue Entwicklungen aufzusaugen und umzusetzen. Natürlich passieren da Fehler. Aber im Großen und Ganzen? Herausragend. Da kein Nachlassen zu sehen ist, gehe ich davon aus, dass wir mindestens das Halbfinale erreichen. Ab dem Punkt ist die Tagesform entscheidend – und alles möglich.

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Gerhard Delling

Der 1959 in Rendsburg geborene Sportjournalist und Moderator erhielt für die Art der Moderation zusammen mit Günter Netzer im Jahr 2000 den Adolf-Grimme-Preis und im Jahre 2008 den Medienpreis für Sprachkultur. Mit Netzer präsentierte und analysierte er 13 Jahre lang Fußball-Länderspiele.



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