Do., 01.03.2018

Stadtgefüster-Interview: Arndt Zinkant fragt Gaby Köster, wie sie ihren Humor bewahrt hat Gaby gets back

Stadtgefüster-Interview: Arndt Zinkant fragt Gaby Köster, wie sie ihren Humor bewahrt hat: Gaby gets back

Gaby Köster ist aus der deutschen Comedy-Szene nicht mehr wegzudenken. Foto: Stadtgeflüster

Genau zehn Jahre ist es her, dass Gaby Köster ihre Comedy-Tournee „Wer Sahne will, muss Kühe schütteln“ abbrechen musste. Über die Gründe wurde seinerzeit spekuliert, es dauerte weitere drei Jahre, ehe die offizielle Diagnose Schlagzeilen machte: Schlaganfall – mit 46 Jahren. Seitdem hat sich die quirlige, Kölsch redende Komikerin, die für Rudi Carrell zu den komischsten Frauen überhaupt zählte, zurück ins Leben gekämpft. Davon zeugen zwei Bücher, die sie in dieser Zeit veröffentlicht hat. Auch auf die Bühne ist sie nun zurückgekehrt. Was ihre Fans am 17. Februar im Bürgerhaus Kinderhauserwartet, erzählt sie im Interview – wobei der geneigte Leser das typisch Köstersche Kölsch immer im Ohr haben sollte.

Von Arndt Zinkant

Herzlichen Glückwunsch! Gerade vor ein paar Tagen hatten Sie Ihren ersten Auftritt mit Ihrem neuen Soloprogramm. Wie lief‘s?

Sehr gut! Ich habe mich tierisch gefreut, zumal es ein „neues“ Publikum war – Leute, die ich überwiegend nicht kannte.

 

Das Programm heißt „Sitcom“...

… weil ich leider nicht wie früher auf der Bühne hin und her rennen kann und deshalb im Sitzen komisch sein muss. Daher der Name – aber es ist eine Show von normaler Länge wie früher.

 

Wann wussten Sie, dass Sie es wieder schaffen können?

Das weiß man immer erst hinterher, wenn man sich vor Publikum bewährt hat. Aber ich arbeite eigentlich immer nach dem Lustprinzip und hatte einfach Bock, wieder unterwegs zu sein; weil es meiner Gesundheit gut bekommt, sofern es nicht zu viel wird. Ich liebe einerseits meine Physiotherapeutin, habe jedoch das Meiste auf der Tour gelernt: Leider gibt es einige extrem usselige Bühnentreppen, die eine Herausforderung für mich darstellen.

 

Wahrscheinlich stehen Ihnen auch Helfer bei, die Sie früher nicht hatten.

Die hatte ich durchaus auch früher schon – heute werde ich jedoch meistens zum Auftrittsort kutschiert, anstatt selber zu fahren.

 

Oh, gutes Stichwort: Bei Ihrem ersten Fernsehauftritt bei „Stern TV“ nach dem Schlaganfall – damals, als das Publikum Ihnen Standing Ovations spendete – sagten Sie ironisch: „Ich bin kein Porsche mehr, aber ein LKW.“ Sind Sie, salopp gesagt, mittlerweile ein „Golf“?

(Lacht) Ja , das kann man sagen. Ein Porsche immer noch nicht, aber es wird schon schnittiger.

 

Auf Ihrer Homepage steht, dass Sie Ihre persönliche Situation aus den letzten zehn Jahren auf die Bühne bringen. Wie viel Abstand braucht man, um das Komische zu erkennen?

Glücklicherweise konnte ich das Komische von Anfang an sehen, sonst wäre ich durchgedreht. Für diese Gene bin ich meiner Familie dankbar.

 

Haben Sie bei der Planung der Show kurz erwogen, das Thema Schlaganfall auszulassen? Ich könnte mir vorstellen, wenn man sieben Jahre andauernd davon erzählt hat, hat man irgendwann die Nase voll.

Um Gottes Willen, es ist ja nicht so, dass ich dauernd nur davon rede. Aber es gibt rund um dies Thema auch Dinge, die uns alle angehen: Zum Beispiel das ständige Blockieren von Behindertenparkplätzen – mit den üblichen Ausreden: „Ich muss nur mal eben schnell…“ Da kriege ich so’n Hals!

 

Hat sich das Bühnenprogramm einfach so im Kopf formiert, oder haben Sie sich hingesetzt und gesagt: So – ich schreibe das jetzt alles auf!

Beides, und da sind auch viele aktuelle Dinge dabei. Zum Beispiel beobachte ich in der Stadt, wie sich die Jugend kleidet – dass die Mädels heutzutage lackierte Augenbrauen haben. Und dass man nicht weiß: „Isset jetzt Glööckler oder der türkische Gemüsehändler!?“ (Lacht). Außerdem rege ich mich wahnsinnig über unsere politische Situation auf. Weil ich es unverschämt finde, dass die seit September mit ihrem Sondierungs-Driss unterwegs sind – für schlappe zehn Mille im Monat! Und der Krankenpfleger bekommt 700 Euro…

 

Politik ist ein schönes Stichwort. Vor langer Zeit haben Sie in einem Talk gesagt: „Es gibt deshalb so wenige Comedy-Frauen, weil die alle in die Politik gehen!“ Haben Sie im Parlament eine Lieblings-Komikerin?

Bei der von der AfD kommt man ja aus dem Brüllen nicht heraus, obwohl das auch wiederum sehr tragisch ist.

 

Ich finde, Andrea Nahles ist auch sehr weit vorne, allein schon wegen ihrer berühmten „Pippi Langstrumpf“-Performance.

Die nimmt die falschen Drogen und auch noch zu viele davon. (lacht)

 

Wenn Politikerinnen verhinderte Komikerinnen sind, stellt sich die Frage: Wie steht’s denn bei Ihnen?

Nee nee, in diesem Dunstkreis würde ich irrewerden und aus dem Brüllen und Toben nicht mehr herauskommen.

 

Eine Kollegin von Ihnen sagte im Interview: „Comedy liefert immer eine übersteigerte Version von sich selbst.“

Ja, das sollte es zumindest sein. Was für viele in der Branche ein Problem darstellt. Wenn man allerdings über sich selbst nicht lachen kann, sollte man lieber Brötchen backen oder so was.

 

Aber daraus ergibt sich bei Ihnen zwangsläufig, dass Sie über Ihr eigenes Handicap witzeln müssen.

Ich finde, das MUSS man machen. Obwohl manche Leute sagen, das darf man nicht. Da frage ich A) wer ist „man“? und B) warum nicht!? – natürlich muss man in erster Linie über sich selber spotten. Es gibt allerdings viele Leute in dieser Gesellschaft, die behindert sind – aber sie wissen es nicht! (lacht)

 

Haben Sie die heiklen Witze im Voraus getestet?

Mittlerweile habe ich ein gutes Gespür dafür, aber wenn Leute Schwierigkeiten damit haben, werde ich das natürlich kommentieren.

 

Verraten Sie einen Witz?

Zum Beispiel meine Probleme im Haushalt. Da bin ich sehr froh, dass ich Hunde habe – denn die fressen alles, was mir runterknallt, einfach auf!

 

Sie waren schon immer hundevernarrt. Sind es noch fünf?

Ja, immer noch. Die bleiben aber schön zu Hause, wenn ich auf Tournee bin. Einer wird dieses Jahr 18, ich hoffe, er schafft es!

 

Was ich berührend fand: Bei dem „Stern TV“-Auftritt sagten Sie damals, dass Sie – „mindestens eine Flugstunde entfernt“ – Ihrem verstorbenen Vater wiederbegegnet seien. Und dem Lieblingshund dazu.

Ja…

 

Glaubten Sie vorher bereits an ein Wiedersehen oder erst seit diesem Erlebnis?

Ich hatte immer schon diese Tendenz, weil mir die buddhistische Philosophie sehr nah ist. Dass man sich wiedersieht, erschien mir sehr einleuchtend, ich war dann sehr froh, als ich das bestätigt fand. Ich habe damals mit meinem Vater „gefühlt“ eine Stunde lang gesprochen, aber er sagte irgendwann plötzlich: „Du musst jetzt weg – sonst geht das nicht mehr.“

 

Hat sich Ihr privater Kreis geändert, nach dem Motto: „Die Spreu vom Weizen trennen“?

Ja, das kann man sagen. Es hat Enttäuschungen gegeben, aber ich versuche immer, nach vorne zu schauen. Zum Glück durfte ich auch viele tolle neue Menschen kennenlernen.

Waren Sie im Laufe der letzten zehn Jahre in Gefahr, Ihren Humor zu verlieren?

Nein! Hin und wieder natürlich verzweifelt und über mich selbst schon mal wütend, weil viele Dinge noch nicht gehen. Wenn ich z. B. nächtens eine Mal-Attacke kriege, und die Tusche-Flasche geht nicht auf. Aber dem Himmel sei Dank bin ich mit vielen Musikern befreundet, die ebenfalls Nachtmenschen sind. Denen kann ich noch um vier Uhr morgens simsen: „Was soll ich bloß machen?“ Dann simst es zurück: „Kannst du keine Nachbarn um Hilfe bitten?“ – Darauf ich: „Doch, aber nicht um vier Uhr morgens!“ (lacht)

 

Wie muss man sich diese Mal-Attacken vorstellen?

Ich bin seit diesem ganzen Mist leider sehr wetterfühlig geworden – und liege dadurch manchmal puppenlustig wach im Bett, wenn sich das Wetter ändert. Dann stehe ich lieber auf, male irgendwas Schönes, statt mich stundenlang hin und her zu wälzen.

 

Abstrakt?

Ja, auch abstrakt. Ich mache übrigens auch zwischendurch Ausstellungen und hoffe, demnächst wieder Zeit dafür zu finden. Es macht mir einfach Riesenspaß, schon seit der Kindheit. Als ich aufgewachsen bin, gab‘s ja noch keine Tablets. Da musste man sich bei Regenwetter was anderes einfallen lassen. (lacht) Ich finde auch, dass es eine meditative Wirkung hat, die den Kopf freimacht. Und ich kann dabei meiner Farblust freien Lauf lassen.

 

Wie oft waren Sie eigentlich schon bei uns in Münster?

Ich habe seit zehn Jahren eine Beziehung zu Münster, weil mein tolles Management von dort kommt. Ich mag Münster – besonders gerne war ich im Sommer immer an der Pleistermühle.

 

In Münster versammelt der „Wilsberg“-Darsteller Leonard Lansink jedes Jahr seine Entourage und viele andere zum „Promi-Kellnern“ zugunsten der Krebsberatung – weil er selber vor vielen Jahren krebskrank war. Könnten Sie sich vorstellen, etwas Ähnliches zur Schlaganfall-Aufklärung zu veranstalten?

Bei Gelegenheit mache ich das bereits zwischendurch. Ich habe auch viel mit Leuten des Pflegepersonals gesprochen, die wissen wollten, woran es hapert und was sie verbessern könnten.

 

Haben die Ärzte lhnen eine Prognose gegeben, was den linken, leider noch gelähmten Arm betrifft?

Mit Prognosen halten die sich zurück, vielleicht aus Angst vor Klagen, ich weiß es nicht. Aber das Hirn hat ja viele ungenutzte Sektionen, so dass diese möglicherweise die des geschädigten Parts übernehmen könnten. Darauf warte ich – aber die Muskeln sind natürlich noch nicht trainiert. Das müsste ich in dem Fall kräftig nachholen. Zehn Jahre pennen sind genug!

 

◊◊◊

Gaby Köster

Diese Dame jobbte in den 80er Jahren in einer Kölner Kneipe, als Jürgen Becker sie ansprach und um Sketche für eine WDR-Sendung bat. 1990 und 1991 war sie Mitglied der „Prunksitzunk“, die von Abtrünnigen der Stunksitzung ins Leben gerufen worden war – ihr Einstieg beim „alternativen“ Karneval.  Ab 1996 bis zur Einstellung der Sendung 2005 gehörte sie zum festen Ensemble der von Rudi Carrell produzierten Show „7 Tage, 7 Köpfe“. Daneben spielte sie in der Comedy-Serie „Ritas Welt“ die Titelrolle. Über ihren Schlaganfall und die Zeit danach schrieb Köster zusammen mit Till Hoheneder das Buch „Ein Schnupfen hätte auch gereicht – meine zweite Chance“, das mit Anna Schudt verfilmt wurde.



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5593056?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F5321497%2F