Mo., 05.03.2018

Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant fragt Claus Theo Gärtner nach 35 Dienstjahren als „Matula“ Forever Matula

Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant fragt Claus Theo Gärtner nach 35 Dienstjahren als „Matula“: Forever Matula

Wer ihn kennt, wundert sich nicht, dass Claus Theo Gärtner begeisterter Motorsportler und Werksfahrer bei Mercedes war. Foto: Stadtgeflüster

Bei Claus Theo Gärtner werden einem zwei Dinge bewusst: Gute Fernseh-Charaktere altern meist so wie guter Rotwein. Und wenn einer sich selber treu bleibt, bleibt es das Publikum oft ebenso. Als Fernsehdetektiv Matula („Ein Fall für zwei“) im letzten Jahr erstmals in einem Neunzigminüter zu sehen war, wurde der im ZDF ein Quoten-Hit. Der knorrige Schnüffler mit dem zerfurchten Charakterkopf und der rauen Stimme war wieder im Dienst – und bezog sogar im Rentenalter wie eh und je Prügel von zwei Schurken-„Gorillas“. Am Telefon erzählt der Schauspieler von seinen Anfängen, vom stressigen Pendeln zwischen Bühne und Kamera. Und wie ein zwölfjähriges Mädchen „Matula“ mal einen Brief schrieb,
später beim ZDF arbeitete und mittlerweile seit zehn Jahren seine Ehefrau ist.

Von Arndt Zinkant

Wie viele Lederjacken haben Sie mittlerweile verschlissen?

Sagen wir mal: Alle fünf Jahre eine neue. Die Letzte von früher habe ich noch in Gebrauch, sie ist im aktuellen Matula-Film auch zu sehen. Ziemlich unkaputtbar.

 

Hat Sie der aktuelle Erfolg der langen „Matula“-Filme überrascht?

Eigentlich nicht. Wir waren ja früher die meiste Zeit ebenfalls Quotensieger mit „Ein Fall für zwei“.

 

„Never change a winning team“, kann man nur sagen. Das könnte auch Ihr persönliches Motto als Schauspieler sein, weil Sie der Figur schon 35 Jahre die Treue halten. Wie kam das?

Das hat sich einfach so ergeben. Als wir anfingen, sollten wir zunächst sechs Folgen pro Jahr drehen. Als sich das als erfolgreich erwies, kam die Frage: „Würden Sie vielleicht auch zehn Folgen machen?“ Wir haben damals alle zugestimmt, aber mir war sofort klar, dass damit meine Theaterzeit beendet sein würde. Bei sechs Folgen konnte ich noch beides verbinden.

 

Was hatten Sie sich vorgestellt, als Sie als junger Schauspieler loslegten? Fernsehstar oder eher Hamlet am Burgtheater?

Fernsehen gab es doch kaum! Als ich an der Schauspielschule anfing, hatten meine Eltern erst seit zwei oder drei Jahren ’nen Fernseher. Und als Schauspieler brauchte man keinen, da ging um acht Uhr der Vorhang auf. Und wenn man dann nach Hause kam, hat man meist nur noch das Testbild gesehen. Damals spielten sie um elf Uhr ja noch mit wehender Fahne die Nationalhymne zum Sendeschluss. Kurz gesagt: Ich hatte natürlich eine Theaterkarriere geplant, und die ist mir anfangs ja auch gut gelungen. Außerdem hatte ich ja in den 70er Jahren bereits einige Filme gedreht.

 

Zum Beispiel mit Meisterregisseur Wolfgang Petersen. Hat man damals schon irgendwie gemerkt, dass Petersen aus der deutschen Szene ausbrechen würde, um nach Hollywood zu gehen?

Nach dem „Boot“ hätte ich mir das schon gedacht. Und auch „Die unendliche Geschichte“ hat er ja phantastisch gemacht.

 

Hatten Sie selber mal Pläne, aus Deutschland wegzugehen?

Nicht wirklich. Ich habe mich mal in Amerika umgeschaut – und traf dabei viele Deutsche, die sich ebenfalls umschauten. Aber du hast ja kaum eine Chance dort.

 

Was für ein Rollenprofil hatten Sie damals?

Schwer zu sagen, das hieß einfach „Charakterschauspieler“. Ich habe vom Lucio in „Maß für Maß“ über den Wurm in „Kabale und Liebe“ bis Mercutio in „Romeo und Julia“ viele Charaktere gespielt – übrigens auch den McMurphy aus „Einer flog übers Kuckucksnest“.

 

Das hätte ich gerne gesehen!

Man verkörpert eben im Laufe des Lebens viele Rollen. Wenn ich allein die Theater aufzähle: Göttingen, Oldenburg, Stuttgart, Berlin, Zürich. Schiller-Theater, Thalia-Theater – Sie sehen: Ich war immer sehr fleißig.

 

War’s danach nicht schwer, sich auf einen einzigen
Charakter zu beschränken?

Nun, auch der will gespielt sein. Ich bin ja Schau-Spieler, nicht Schau-„Seiender“. Wenn ich den Leuten nichts vorgespielt hätte, hätten sie nicht 30 Jahre lang zugeschaut.

 

Dieser bodenständige, zerknitterte Ermittler – die Figur entstand ja beinahe zeitgleich mit Schimanski. Lag das damals in der Luft?

Mag sein, aber man kann die beiden nicht ohne Weiteres vergleichen. Das eine ist ein „wirklicher“ Polizeikrimi – unserer war eher ein unbotmäßiger Krimi. Wir hatten es z. B. einmal ohne jeglichen Mord versucht – hat keine Sau interessiert! Ein Mord muss eben vorkommen und Rache muss ebenfalls sein. Wir Deutschen sind ja auch ein Volk von Rächern.

 

Matula ist sich ja stets treu geblieben – weshalb der „Spiegel“ ironisch schrieb: „Zur Beständigkeit gehört auch, dass Matula einmal pro Folge verprügelt wird.“ In dem neuen Film sogar zweimal – und das im Rentenalter!

Wer sich in Gefahr begibt…! Auch diese Prügeleien waren ja damals in den 80ern neu, abgesehen von Schimanski. Der hatte allerdings als Polizist etwas weniger Möglichkeiten. Matula aber konnte sozusagen „von hinten durch die kalte Küche“ an Informationen kommen. Der Autor und Produzent Karl Heinz Willschrei kam damals aus Amerika zurück und sagte: „Mensch, das ist doch eine Idee: Ein Detektiv und ein Anwalt!“ Er schlug dem ZDF eine Serie mit einem alten, knorrigen Detektiv und einem jungen smarten Anwalt vor. Was die dann nicht ganz so gut fanden. Der Herr Krummacher, Hauptverantwortlicher der Abteilung Dokumentation und Serien, war gut mit Günter Strack befreundet. Und weil dieser partout keinen Detektiv abgab, sagte man sich: „Das klappt auch mit einem älteren Anwalt und einem jungen Detektiv.“

 

Wie man gesehen hat! Nun haben Sie ja den Film-Hund „Doktor Renz“, benannt
nach der Strack-Rolle…

Ich habe mir diesen Hund gewünscht, weil man einfach einen Partner braucht. Und ich war mir auch sicher, dass dieses Gespann gut ankommen würde. Weil die Redaktion schnell überzeugt war, haben wir uns dann einen Hund ausgesucht – und ich finde, es funktioniert prima.

 

Frühere Hunde sollen aber vor Ihrer Stimme wegge-
laufen sein…

Nein, nur ein einziger! Das war ein Dackel, und der hatte in der Tat irgendwie Schiss vor meiner Stimme. Als plötzlich am Filmset alles still wurde, und ich als Einziger direkt zu ihm sprach, ist er immer abgehauen.

 

Ich habe gelesen, dass Ihre Frau bereits als Teenager für Matula geschwärmt hat.

Also das war so: Dieser Teenager, bzw. diese Zwölfjährige, kam aus einem Pädagogen-Haus und durfte nicht fernsehen – allenfalls das, was die Eltern ausgesucht hatten. Aber Krimis kamen nicht in Frage. Die anderen Kinder in der Schule durften das aber, und sie konnte nicht mitreden. Also hat die Mutter als einzige Ausnahme „Ein Fall für zwei“ ausgesucht; weil nicht jugendgefährdend.

 

Besten Dank an die Mutter!

Und das war nun ausgerechnet eine Folge, wo Matula eine Dreizehnjährige suchen sollte, die von zuhause ausgebüxt war. Er findet sie, und sie ist natürlich nicht begeistert, dass er sie nach Hause zurückschleppt. Sie kommen in brenzlige Situationen, und das Mädchen rettet Matula am Ende sogar ein bisschen. Und bevor er sie dann endgültig zu Hause abliefert, sitzen sie am Eisernen Steg in Frankfurt am Lagerfeuer. Sie erzählt ihm ihre Sorgen, und er verspricht, immer ein guter Freund zu bleiben. DAS hat meine spätere Frau nun gesehen – und welche Dreizehnjährige möchte nicht so einen Kumpel haben? Es ging also gar nicht um mich als Mann.

 

Jetzt bin ich erst recht gespannt…

Dazu kam noch Folgendes: Für den Deutschunterricht musste sie eine Person des öffentlichen Lebens porträtieren. Da sie nun diesen Film gesehen hatte, sagte sie sich: „Der isses! Da frage ich mal nach.“ Dann schrieb sie mir einen Brief mit zwölf Fragen. Die waren so interessant, wie ich sie noch in keinem Fan-Brief gelesen hatte. Mitgeschickt war eine Papprolle mit einem Linolschnitt darin. Mein Konterfei – ich konnte mich sogar erkennen, und es war mir sofort klar, was da für eine Arbeit drinsteckte. Denn ich musste selber in der Schule Linolschnitte machen … und habe es gehasst.

 

Diese Mühen wollten Sie also honorieren.

Genau. Da ich am nächsten Tag frei hatte, habe ich mich durchtelefoniert, bis ich ihren Vater an die Strippe bekam. Der rief: „Sarah, da ist ein Herr Gärtner am Telefon, du hättest ihm einen Brief geschrieben!“ Ich sagte zu ihr, sie möge bitte meine Antworten kurz notieren. Aber am andern Ende nur Stille. Ich sagte: „Ich kann verstehen, Sarah, dass du jetzt perplex bist. Ich rufe einfach morgen wieder an.“ Was ich natürlich nicht tat. Leider hatte ich’s vergessen, weil wieder Drehbeginn war. Wie ich später erfuhr, hatte sie sich extra vom Onkel ein Tonbandgerät ausgeliehen.

 

Da war die Enttäuschung groß.

Zehn Jahre später wurde mir beim ZDF eine junge Frau vorgestellt, die einen Bericht für die Sender-Webseite machen sollte. Hospitanten sind am Set normalerweise nur störend. Aber ich dachte: „Würgler, den Namen kennst du doch…“

 

Ist ja unglaublich – das würde sich kein Drehbuchautor trauen!

Ich fragte: „Ihr Name kommt mir so bekannt vor, haben wir mal miteinander telefoniert?“ Darauf sie: „Ja, wir haben ein Nicht-Gespräch miteinander geführt.“ (lacht) Es dauerte noch einmal zwei Jahre, bis wir uns an einem anderen Drehort wieder getroffen haben. Mittlerweile sind wir zehn Jahre verheiratet.

 

Glauben Sie eigentlich, dass wir mittlerweile eine Krimi-Inflation haben?

Das bestimmt der Markt. Die Leute schalten’s ein. Es gibt durchaus viele Redakteure mit tollen Ideen abseits des Krimis. Andererseits ist es ein Genre, in das man alles andere einbauen kann: Liebesgeschichten, Dramen – alles geht. Eigentlich ist sogar jedes Shakespeare-Stück ein Krimi.

 

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Claus Theo Gärtner

Wer ihn kennt, wundert sich nicht, dass Claus Theo Gärtner begeisterter Motorsportler und Werksfahrer bei Mercedes war. Nach erfolgreicher Theater- und Filmkarriere (1972 Auszeichnung als „Bester Nachwuchsschauspieler“) wurde ihm 1981 die Rolle des Detektivs Josef Matula in „Ein Fall für zwei“ angeboten – den er in 300 Folgen spielte und damit den „Derrick-Rekord“ von Horst Tappert brach. Gärtner ist in dritter Ehe mit der 35 Jahre jüngeren Schweizer Regieassistentin Sarah Würgler verheiratet. Diese Love Story (siehe Interview!) ist mit ihren Zufallsbegegnungen beinahe schon wieder filmreif.



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